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Träumen und Kämpfen – Workshop „Smash the patriarchy“ von Women Defend Rojava

Was ist eigentlich das Patriarchat? Was bedeutet Befreiung und wie kann diese erreicht werden? Diese Fragen suchte der Workshop „Smash the patriarchy“ von Women Defend Rojava Tübingen im Rahmen der Ernst-und-Karola-Bloch-Woche zu beleuchten. Etwa 14 Teilnehmende lauschten am Mittwoch, 26.10., nicht nur interessiert den Inputs der Referentinnen, sondern durften auch selbst mitdiskutieren, sodass der Abend zum Träumen und Sinnieren einlud.

Women Defend Rojava (WDR) ist Teil der deutschlandweiten Kampagne „Gemeinsam Kämpfen“, die sich solidarisch mit der kurdischen Freiheits- und insbesondere der Frauenbewegung organisiert. Kurz zur Erinnerung: Die Gründung der kurdischen Arbeiterpartei PKK 1978 markiert den Beginn der kurdischen Freiheitsbewegung, die für die Autonomie der kurdisch besiedelten Gebiete in der Türkei, dem Irak, Iran und Syrien kämpft. Während des sogenannten Arabischen Frühlings gelang es Kurd*innen in Nord- und Ostsyrien, das autonome Gebiet Rojava zu etablieren, das basisdemokratisch, nach ökologischen Prinzipien und unter Einbezug autonomer Frauenräte verwaltet wird.

Eine neue Perspektive auf das Patriarchat

Bei Spekulatius lernt die Gruppe die Grundsätze der kurdischen Freiheitsbewegung kennen. Patriarchat – was ist das eigentlich? Franzi von WDR erklärt, was die kurdische Freiheitsbewegung darunter versteht. Diese fasst das Patriarchat nämlich viel weiter als üblich, sieht es also nicht lediglich als ein System der Unterdrückung von Frauen: Das Patriarchat sei vielmehr das gesamte System von Macht und Herrschaft. Auch andere Formen der Unterdrückung, wie Rassismus, Ableismus und Homophobie sind darin mit eingeschlossen. Antisexismus ist aus dieser Sicht somit nicht gleich antipatriarchal, da antipatriarchales Handeln auch gegen andere Unterdrückungsformen einstehen muss. Die Entstehung des Patriarchats, die vor circa 5000 bis 7000 Jahren in Mesopotamien verortet wird, sei somit die Entstehung der Unterdrückung selbst und umgekehrt bedeute die Überwindung des Patriarchats die Überwindung von Unterdrückung.  In der kurdischen Freiheitsbewegung ist die Befreiung der Frau daher elementar. Manni von WDR erklärt, dass die autonome Organisierung von Frauen daher ein zentraler Bestandteil der Bewegung ist. Dadurch wollen die Frauen ein eigenes, weiblichen Bewusstsein entwickeln und dieses zurück in die gesamte Bewegung tragen. Der Gedanke dahinter: „Was Frauen betrifft, betrifft auch die Gesellschaft und was die Gesellschaft betrifft, betrifft auch die Frau“.

die Kurdistan Flagge

Facettenreiche Diskussionen

Die Veranstaltung fand eine gute Balance zwischen Inputs und Diskussionen. Die intime Atmosphäre erlaubte tiefgehende Gespräche und kritische Auseinandersetzungen mit dem Thema. Eine Teilnehmerin merkte beispielsweise an, dass es aus archäologischer Sicht problematisch sei, das Zusammenleben vor der Entstehung des Patriarchats zu verklären und als vollkommen egalitär anzusehen. Zum Sinnieren und Träumen lud die Frage ein, was eine Überwindung des Patriarchats überhaupt bedeutet, was Freiheit und Befreiung bedeuten. Manni von WDR beschreibt Freiheit als ein ganz bestimmtes Gefühl: „Dass ich mich in alle Richtungen bewegen kann, ohne anderen auf die Füße zu treten“. Ein Teilnehmer fasst sehr treffend zusammen, was seine Vision einer befreiten Gesellschaft beinhaltet: „Dass wir uns wirklich kennenlernen können“. In einem Inputteil führt Theresa von WDR aus, dass der Begriff der Freiheit im Kapitalismus meist als Unabhängigkeit, also auf individualistischer Ebene verstanden wird. Aus Sicht der kurdischen Freiheitsbewegung muss Befreiung jedoch kollektiv gedacht und „Gesellschaft nicht nur als Kompromiss gesehen“ werden. Franzi erläutert: „In den letzten 500 Jahren wurde der Freiheitsbegriff quasi sinnentleert und mit kapitalistischer Füllung befüllt“. Für sie ist klar: „Kämpfen ist das, was uns frei macht“.

Das Echo in der abschließenden Reflexionsrunde ist positiv: Die Anwesenden freuen sich über die anregenden Gespräche und die lehrreichen Inputs. Mehrere Stimmen bemerken auch, dass ihnen eine spezifisch feministische Initiative in Tübingen bisher gefehlt hat.

Am 15.11. findet ein offenes Treffen von Women Defend Rojava statt. Erreichbar ist die Gruppe über wdr-tuebingen@riseup.net.

Beitragsbild: Women Defend Rojava

Bild: Pixabay

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