Allgemein Unileben

Die Zeit der Nischen-Buchhandlung ist vorbei

Nachruf: Leere Kasse und leere Regale. Die Buchhandlung Gastl ist Geschichte – und hatte eine Geschichte, die 1949 ihren Anfang nahm und nun ihr Ende nimmt. Bereits vor einem Jahr war die Zukunft der Tübinger geisteswissenschaftlichen Fachbuchhandlung ungewiss. Es fand sich kein*e Käufer*in für die Übernahme der Traditionsbuchhandlung, weshalb spontan aus der Mitte der Stadtbürgerschaft eine Genossenschaft gegründet wurde, die Gastl nach kurzer Schließzeit übernahm. Heute deckt der Umsatz die Fixkosten (Miete, Gehälter, Gebühren) nicht mehr. Im Gespräch mit dem Theologen Gerhard Ziener erfahren wir eine Perspektive auf die Entwicklung des Buchhandels. 

Noch brennt das Licht in der Buchhandlung am Lustnauer Tor.
Fast alle Regale stehen leer, so wie diese im Eingangsbereich.

“Eine Buchhandlung kann man sich vorstellen, wie eine Apotheke. Egal in welche Sie gehen, Sie finden das gleiche Produkt. Buchhandlungen unterscheiden sich nur in ihrer Auslage, die die Kundschaft im Schaufenster findet. Wir waren eine spezialisierte Fachbuchhandlung mit einem relativ breiten Angebot, das sich am geisteswissenschaftlichen Studium in Tübingen orientierte.”

Gerhard Ziener, Teil vom Vorstand der Genossenschaft Gastl

Wechsel  der Ambiente

Vor 73 Jahren von Julie Gastl und Gudrun Schaal gegründet, war bis vor drei Wochen die Buchhandlung Gastl ein Zuhause für geisteswissenschaftliche Lektüre. Von Belletristik über Psychologie und Sozialwissenschaft bis hin zu Theologie und Philosophie stapelten sich die präzise ausgewählten Bücher in den Regalen und sogar auf dem Fußboden. Zunächst war die Buchhandlung am Holzmarkt in der Altstadt beheimatet. Bekannte Denker*innen, wie Ernst Bloch, waren wöchentlich oder gar täglich bei Gastl zu Gast. “Es war ein Gelehrtentreff”, sagt Gehard Ziener. Er studierte in den 70er und 80er Jahren Theologie. Seit den letzten 30 Jahren habe sich allerdings einiges geändert. In den Anfängen hatte die Buchhandlung ein ganz anderes Ambiente. So beschreibt er: “Die Bücher waren teils auch auf dem Boden. Es war eine Höhle aus Büchern, ein literarisches gemütliches Haus, in dem auch geraucht wurde. Das ist heute allein schon aus Brandschutzgründen nicht mehr vorstellbar.”
Die Stammkundschaft ist mit der Buchhandlung gealtert, doch betont Ziener, dass auch jüngere Menschen zur Stammkundschaft gehörten. Und das nicht nur, weil man auch Kinderbücher kaufen konnte: “Dann kamen sie und suchten sich ihre intellektuelle Lektüre aus und kauften noch ein zwei Bücher für die Kinder.” Alle Bücher waren bewusst ausgesucht und fand man nicht überall ausgelegt. Das war die Essenz des Gastl-Konzepts. Stolz erwähnt Ziener, dass sich in der Auslage auch die Heidegger-Gesamtausgabe befand. “Die war knapp ein Meter breit! So etwas sieht man in keiner Bahnhofsbuchhandlung”, so Ziener lachend.
Doch so schön es ist, Raritäten in das Schaufenster zu bringen, so gefährlich ist das auch. Dreht man Hölderlins Worte “Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch” um, so lauerte in Gastls Fall im Alleinstellungsmerkmal die Gefahr. “Da kommt nichts mehr nach an Büchern, oder die Bände erscheinen unregelmäßig.” Zu 50 Prozent ging das Geschäft über Rechnungsgeschäfte mit Institutionen und Privatkund*innen. Das kann man sich vorstellen, wie ein Abonnement. Wenn ein neuer Band in einem bestimmten Themengebiet erscheint, dann bekommt man es direkt ohne Bestellung geliefert. Es komme vor, dass dann alle 7 Jahre in dem Themengebiet ein neuer Band rauskommt. Der könne dann schon auch bis zu 700 Euro kosten. 

Die wenigen Überbleibsel sind eine der wenigen Spuren der Gastl-Ära.

Preis auf Eis

Das Einzigartige am Buchhandel ist die Buchpreisbindung. Sowohl im Internet, als auch in den Buchhandlungen darf der Preis eines Buchs nicht variiert werden. Der gleiche Roman kostet in jedem Buchladen gleichviel. Die Wertspanne der verschiedenen Bücher in der Belletristik liegt meist bei 16 bis 25 Euro. Enzyklopädie-Bände können hingegen durchaus 400 Euro kosten, Wörterbücher unter anderem 1000 Euro. “Wir sprechen hier ja auch von deutlich kleineren Auflagen”, hebt Ziener hervor. Gastls Auswahl fällt auf Bücher, die teils nur knapp über hundertmal gedruckt wurden, während in der Belletristik die Bücher eine tausendfache Auflage haben. Ziener findet in der Preisbindung den Schutz, sich nicht gegenseitig unterbieten zu müssen, doch zugleich sieht er auch die Gefahr, dass es keinen Wettbewerb gibt und die Menschen eher digital einkaufen, als in der Buchhandlung. 
Ein Sonderfall des Buchpreises tritt nur im Fall eines Ausverkaufes auf. Gastl durfte daher in den letzten Wochen den Lagerbestand zu reduzierten Preisen verkaufen. Wir sprechen hier über Rabatte von zwischen 40 und 90 Prozent. Die wenigen rund 50 Bücher, die zum Zeitpunkt des Gesprächs noch in der Buchhandlung sind, beschreibt Ziener als “Altpapier”. Er selbst kann sich nicht erklären, wie gut der Ausverkauf funktioniert hat: “Wir haben buchstäblich nahezu alles losbekommen.” 

Gerhard Ziener zeigt die Überbleibsel der theologischen Auslage.

“Ich glaube, die treuesten Kunden haben das geliebt, was uns das Leben kostete das Schrullige und Museale.”

Gerhard Ziener

“Unser Erkennungsmerkmal war unser Problem”

Bücher, die in der Buchhandlung Gastl Sichtbarkeit fanden, werden nun wieder eigenständig von Lesenden gesucht werden müssen. “Unser Erkennungsmerkmal war unser Problem”, fasst Ziener zusammen. Er vergleicht die Buchauswahl von Gastl mit einem Blumenladen, der ganz-jährlich Weihnachtsbäume anbietet. Das könne auf Dauer nicht funktionieren. Schon gar nicht, wenn die Studierenden heute ihre Bücher überwiegend kostenlos digital oder in der Universitätsbibliothek erhalten,  die Stammkundschaft altert und keinen Platz mehr für noch mehr Bücher finden oder auch wenn im Vergleich zu vor 70 Jahren die naturwissenschaftlichen Fächer die geisteswissenschaftlichen Fächer überrennen – so erklärt Ziener sich zumindest den Nachfragerückgang. Zuletzt machte sich auch die Inflation beispielsweise in den Papierpreisen bemerkbar. Doch laut Ziener ist das nur ein Grund von vielen, weshalb nun Gastl Geschichte ist. Schlussendlich ist für Ziener die Zeit von Spezialbuchhandlungen vorbei. Schon in anderen Universitätsstädten haben insbesondere geisteswissenschaftliche Buchhandlungen geschlossen, berichtet er. Seine Zukunftssicht ist nüchtern: “Kleinmodelle, wie der Frauenbuchladen, der Lyrikbuchladen, Theaterbuchläden, Buchcafés usw. können funktionieren, wenn sie mit Selbstausbeutung überleben.”

“Die Schließung der Buchhandlung Gastl wird eine Lücke sein, die sich nicht schließt. Ich meine: Wir waren deutschlandweit die letzte mit einem solch’ exotischen Sortiment.”

Gerhard Ziener
Was ist unter einer Genossenschaft im Fall der Buchhandlung Gastl zu verstehen?
Im vergangenen Jahr fand sich für die Buchhandlung Gastl keine Nachfolge. Um das Geschäft zu erhalten, wurde eine Genossenschaft gegründet. Offiziell war die Buchhandlung bis zu ihrer Schließung noch eine eingetragene Genossenschaft in Gründung. Nach erfolgreicher Gründung und Überprüfung auf Zahlungsfähigkeit, Bestand, Erfolgsaussichten usw. wird die Genossenschaft in den Genossenschaftsverband aufgenommen. Innerhalb 14 Tagen fanden sich im August 2021 280 Bürger*innen, die in die Buchhandlung investierten, ein Grundkapital beisteuerten. 

Fotos: Sophie Noël

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