Kultur

Die Bücherrevolution hat begonnen! Ein Aufruf an alle Bücherliebhabenden

Wenn wir an Buchhandlungen denken, schweben wahrscheinlich die großen Player vor unserem geistigen Auge: Osiander, Thalia, Amazon. Doch was zieht uns so sehr in diese großen Hallen, die meist nur die Bücher anpreisen, die vom SPIEGEL ausgezeichnet werden? Es ist Zeit, neue Läden vorzustellen. Tübinger Buchhandlungen wie den RemmiDemmi, Quichotte, den Frauenbuchladen und die Lyrikbuchhandlung am Hölderlinturm, denen Geschichten von Verlagen, Büchern und Autoren mehr am Herzen liegen als Geld und Prestige. In dieser Woche stellt die Kupferblau die Buchhandlung RemmiDemmi vor. 

“Books are a uniquely portable magic“– Stephen King

Nichts wird mehr romantisiert als das Lesen. Es werden Welten versprochen, sie sollen die Kreativität fördern, belehren und auf Pinterest machen sie sich auch gut. Wir erwarten vom Lesen so viel und dennoch entscheiden sich viele von uns, Bücher mittels eines Klicks oder in den Lagerhallen-ähnlichen Geschäften wie dem Osiander oder Thalia zu kaufen. Ähnlich als wolle sich Harry Potter seinen Zauberstab im Bauhaus kaufen. Ein besonderer Bücherladen kann so viel mehr als nur ein Buch verkaufen. Dementsprechend macht sich die Kupferblau nun wöchentlich auf die Suche nach kleinen Bücherläden und den Buchhändler*innen Tübingens, die sich das Leseerlebnis zum Beruf gemacht haben.

Kunst zwischen jeder Zeile

“Ihr mögt uns für verrückt halten, und vielleicht sind wir es auch, aber was die Welt jetzt braucht, sind mehr fröhliche, einfühlsame und positive Menschen mit kreativen Ideen… und genau darum geht es doch beim Lesen, das wir zum Vergnügen tun!”

RemmiDemmi e. K Facebook Page

Diese Worte schweben noch vor meinem Auge, als ich den RemmiDemmi betrete und in einen Raum voller Farben eintauche. Die Wand des Ladens erstreckt sich wie eine Collage aus unterschiedlichen Bildern, die von den dunkelsten grünblau Tönen bis hin zum strahlendsten Weiß reichen. Von irgendwoher schwebt fröhliche Musik zwischen den Regalen. Schließlich entdecke ich die beiden Ladenbesitzenden Weasley und Consuelo und wir beginnen unser Gespräch.

Wesley und Consuelo © Jana Svetlolobov

Über Kunst, Kreativität, Gerechtigkeit, Zufälle und einen kleinen Laden

Ich hake nochmal nach: „Also ihr beide seid Vollzeit Lehrer und Künstler? Und nebenher läuft noch der Laden?” Die beiden erklären mir, dass sie vor zehn Jahren Kinder bekommen haben und dementsprechend etwas weniger malen, beziehungsweise in Consuelos Fall schreiben,  können als sie es früher getan haben. Mit dem Laden haben sie es derzeitig so geregelt, dass ein Freund sich um die Tagesschicht kümmert und sie freitags und samstags die Schichten übernehmen.

Wesley: „Derzeitig illustriere ich ein Comicbuch für eine Geschichte, die sich meine Töchter ausgedacht haben, über eine Katze, die gerne eine Meerjungfrau sein möchte, die in einer postapokalyptischen Welt lebt.” „Und Wes hat bereits als Illustrator für Kinderbücher gearbeitet“, fügt Consuelo lächelnd hinzu. „Und du recherchierst und schreibst Gedichte und malen tust du auch!“, meint Wesley. 

Zeichnungen von Wesley, mittig die Meerjungfraukatze
© Jana Svetlolobov

Aber warum in Tübingen einen Laden eröffnen? 

Consuelo: „Ganz ehrlich, das hört sich sicherlich klischeehaft an, aber es hat sich angefühlt als hätte uns das Universum nach Tübingen geworfen. Vancouver hat eine Menge Gentrifizierung erlebt und ist so teuer geworden, dass wir es uns nicht wirklich leisten konnten, dort zu bleiben. (…) Also haben wir uns nach Alternativen umgesehen und da hat sich das ergeben, und ich war wirklich froh, dass es passiert ist“.  Wesley fügt auch noch hinzu: „Am Anfang wussten wir noch nicht, dass wir einen Laden eröffnen wollten, wir wussten nur entweder wir kommen nach Tübingen oder wir würden wieder gehen. Denn wir wollten unbedingt hier bleiben. Eine erste Idee für den Laden kam erst als wir im Sommer in Lyon und Paris waren und uns die Bücherläden inspiriert haben. Wir sind überzeugt, dass es für die Gemeinschaft wichtig ist, Kunst und Schönheit zu haben, und da es derzeitig so viel Chaos und so viele groteske Dinge in der Welt gibt und die Medien diese Hässlichkeiten nur noch aufbauschen, wollen wir eine Alternative sein.” „Außerdem  wollten wir ein Teil des Gegenmittels sein und Schönheit und eine alternative Sichtweise nach Tübingen bringen”, ergänzt Consuelo und macht eine kleine Handbewegung zum Laden. Und so war ihr Konzept geboren. „Schließlich  sahen wir diesen leeren Laden und dachten uns, entweder wir springen jetzt und oder wir machen es nie. Wir haben mit dem Besitzer gesprochen und dann hat sich alles irgendwie ergeben”, beendet Wesley mit einer Leichtigkeit, die ich in Zeiten von Amazon und Momox nicht erwartet hätte. Doch die beiden scheinen unbeirrt.

Wesley und Consuelo im Laden © Jana Svetlolobov

Und was ist euer Erfolgskonzept?

Wesley und Consuelo © Jana Svetlolobov

Bei dieser Frage schauen sich die frisch gebackene Ladenbesitzenden an und lachen herzlich. Und schließlich antwortet mir Consuelo: „Wir wollten eine vielfältige Sichtweise bieten. Ich bin Guatemalerin, indigene Mayarin. Mit fünfzehn war ich eine Einwandererin in Kanada, aufgrund des Bürgerkriegs in Guatemala und jetzt arbeite ich hier in Deutschland. Also haben unsere Töchter zwei sehr unterschiedliche Kulturen und wir wollten diese Vielfalt in unserem Laden betonen. Verschiedene Stimmen und unterschiedliche Sichtweisen zeigen und zeigen, dass die Welt ein großartiger Ort sein kann und ist. Und wir glauben an die Selbstbestimmung, glauben an das Recht der Menschen, frei und kreativ zu sein, und im Moment scheint die Gesellschaft jeden in eine Schublade zu stecken. Wir wollen diesem Prinzip entgegenwirken und die Selbstbestimmung und Kreativität auf jede erdenkliche Weise vorantreiben, indem wir eine kuratierte Kollektion anbieten, die man nicht so leicht findet. (…) Aber wir sind keine Geschäftsleute, wir sind Menschen, Lehrer, Künstler, Pädagogen. Wir scheuen uns nicht vor der harten Arbeit, aber vielleicht sind wir extrem romantisch in unserer Vision und kommen mit unserem Herzen in der Hand und hoffen, dass die Gemeinschaft um uns herum darauf reagiert.” Wesley führt nochmal an, dass sie beide Menschen dazu bewegen wollen, selbst kreativ zu werden und dem Alltag ein wenig zu entkommen.

Kinderbuchabteilung im RemmiDemmi © Jana Svetlolobov

Während ich mich mit den beiden unterhalte, habe ich selbst das Gefühl, positiver und energetischer gestimmt zu werden, ein seltenes Gefühl in einem Bücherladen. Doch bevor ich den Laden wieder verlasse, frage ich die beiden noch, was sie bei ihrem Bücherverkauf am meisten inspiriert, immerhin haben sie die klassische Ausbildung zum Buchhändler*in nicht abgeschlossen.

Wesley strahlt und meint, er hätte da eine Geschichte:  „Da war dann ja mal die Sache mit dem Einbruch”, erzählt er und fängt ironischerweise an zu lachen. „Wir waren zu Hause und ich bekam diesen Anruf: Hallo, wir sind in Ihrem Laden, und mir lief ein Schauer über den Rücken, was bedeutet das? Ist das wie in einem dieser Horrorfilme? Was sagen sie als nächstes? Doch um es kurz zu fassen, ich hatte vergessen die Ladentür abzuschließen und eine alte Person ist ausgerutscht und hingefallen. Eine Gruppe, die fröhlich Wein trank, bemerkte die Person und rief den Krankenwagen. Dem Verletzten ist glücklicherweise nichts Ernsthaftes passiert. Doch dann spazierten sie in den Laden und riefen mich an, da unsere Nummer im Schaufenster stand. Ich kam zum Laden, wir unterhielten uns nett und am Ende kauften sie sogar noch ein Buch“. „Und so etwas konnte man sich in Vancouver nicht vorstellen“, beendet Consuelo die Anekdote und zuckt mit den Achseln.

Das Fazit

Der RemmiDemmi Bookshop ist eine bunte und fröhliche Abwechslung innerhalb der Bücherladen-Szene. Er bietet seinen Besuchenden abwechslungsreiche Meinungen zu verschiedenen Themen und hat auch für jede*n angehende*n Kunstfreund*in etwas dabei. Der  Laden eignet sich hervorragend, wenn man in einem Motivationstief feststeckt, nach einem ungewöhnlichen Genre sucht oder eine Ablenkung vom Alltag braucht. Und selbst wenn ihr gar nichts findet, bekommt ihr im Laden fast immer einen schönen Sticker geschenkt – kleiner Geheimtipp am Rande. Doch am besten besucht ihr ihn selbst, am Rathausplatz.

Nächste Woche besucht die Kupferblau den Buchladen Quichotte und unterhält sich mit Wolfgang Zwierzynski, dem Ritter der kleinen Verlage.

Schild vor dem RemmiDemmi © Consuelo und Wesley

Titelbild: Jana Svetlolobov , Fotos: Jana Svetlolobov, Consuelo und Wesley

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