Elmar Theveßen bei der Tübinger Mediendozentur 2026.
Politik

Mediendozentur: Elmar Theveßen über neue Weltunordnung und Medien

Zur 21. Tübinger Mediendozentur sprach ZDF-Journalist und Autor Elmar Theveßen über Donald Trump, Angriffe auf die Demokratie in den USA und welche Rollen die Medien und Europa in dieser ‚Weltunordnung‘ einnehmen.

„Happy Birthday to you“: Nicht häufig beginnt ein Vortrag der Tübinger Mediendozentur mit einem Geburtstagslied aus dem Publikum. Nach einer Begrüßung durch Bernhard Pörksen vom Institut für Medienwissenschaften begann der Journalist an seinem 59. Geburtstag seine Rede.

Von einer eingangs durch Pörksen genannten Schlüsselzene aus dem Jahr 2011, als Trump rassistische Verschwörungstheorien über den damaligen US-Präisdenten Barrack Obama verbeitete, spannte Theveßen den Bogen zur Gegenwart und dem Gefühl von Überwältigung, Unsicherheit und Angst, das viele Menschen angesichts der Weltlage empfinden. Er betonte, dass das System der Demokratie auf Basis des liberalen Gedankens in Amerika und Europa – trotz Verbesserungsbedarfs – 80 Jahre lang gut funktioniert habe und fragte, woher nun also die Idee käme, diese zu zerstören.

Das Dilemma der Berichterstattung

Auch die große Bedeutung des Journalismus in der Rolle als Bindeglied zwischen Staat und Bürgern betonte Theveßen eindringlich: So hinterfragte er die Wirkung einer neutralen Berichterstattung, insbesondere in Bezug auf Falschaussagen, Drohungen und politischen Alleingängen Trumps. Aufgrund von dessen Unberechenbarkeit sähen Journalist*innen oft den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, so Theveßen. Es sei der Auftrag des Journalismus, Zusammenhänge zu Regeln, Gesetzen oder Grundsätzen der Rechtsstaatlichkeit zu knüpfen.  

Um dies zu illustrieren, verlas er zahlreiche Beispiele aus den Medien, bestehend jeweils aus einer Aussage Trumps und einer darauf folgenden Einordnung – das typische Muster der Berichterstattung. Kritiker*innen dieser Struktur empfänden dies teils als “einseitig”, jedoch verletzen Medien laut Theveßen ihren journalistischen Auftrag, wenn sie nicht als „Recaller of History“ Worten und Taten in Kontext setzen. “Machen wir Medien uns nicht zu Werkzeugen, wenn wir über Donald Trumps Reden und Veranstaltungen berichten, ohne auf all die bizarren, menschenverachtenden und erfundenen Äußerungen des Präsidenten einzugehen?“ zitierte er den ehemaligen Journalisten des Vox-Fernsehsenders Aaron Rupar.

Zugleich warnte er in diesem Kontext vor einer zunehmenden, nüchternen Normalisierung des nicht-Normalen. Hierzu passt seine Beobachtung, dass die Wortwahl in den Medien zunehmend „weichgespült“ sei, weil ehrliche Worte in den USA heute gefährlich geworden seien. Medien kämen im Versuch, Provokationen im Sinne einer formgerechten Berichterstattung zu euphemisieren, nicht der Verantwortung des Journalismus nach. Neutralität dürfe deshalb nicht mit Kritiklosigkeit verwechselt werden. Vielmehr müsse Journalismus dort Haltung zeigen, wo demokratische Grundwerte und Fakten infrage gestellt werden.

Großer Andrang bei der Publikumsfragerunde nach Ende des Vortrags. Bild: Paul J. Greiner

Politik der inszenierten Stärke

Anschließend referierte Theveßen über Trumps Politikstil, ausgehend von dessen kürzlichem Besuch in der Volksrepublik China, bei dem z.B. Taiwan teils als „Verhandlungsmasse“ dargestellt worden sei. Trump regiere mit einer Politik der selbst wahrgenommenen Stärke, die Welt sähe das allerdings mittlerweile anders. Ständig riefe Trump Notstände aus – sei es der Energienotstand oder der Migrationsnotstand –und unterzeichne massenhaft Dekrete, um Stärke zu zeigen.

Letzteres stütze dieser auf den zweiten Artikel  der US-amerikanischen Verfassung, nach welchem der Präsident die Exekutive ist. Gerichte stoppten inzwischen zahlreiche seiner Maßnahmen, wie etwa zuletzt im Fall der Handelszölle. Wie gravierend Realität und Inszenierung bei Trumps Administration oft auseinanderklafften, untermalte Theveßen mit einem Beispiel: Laut offiziellen Zahlen des Heimatschutzministeriums seien 70 % der abgeschobenen Migrant*innen keine Straftäter*innen – dasselbe Ministerium inszeniere jedoch Abschiebungen in Posts auf den sozialen Medien als christliche Mission.

Mit der neuesten Direktive zur Terrorismus-Definition können laut Theveßen Abweichler*innen von Trumps Linie jeglicher Art – sei es ‚die Antifa‘, oder Menschen mit ‚antichristlichen‘ oder ‚antiamerikanischen‘ Ansichten – zu Terroristen erklärt werden. Auch nannte Theveßen die (letzlich gescheiterten) Schutzzölle und imperialistischen Aktivitäten des früheren Präsidenten William McKinleys als Vorbild Trumps.

Strategisch solle die westliche Hemisphäre mit Bezug auf die Monroe-Doktrin zur Einflussspanne der USA unter Trump erklärt werden. Passend hierzu zitierte Theveßen den amerikanischen Verteidigungsminister Hegseth, laut dem Trump eine neue strategische Landkarte entworfen habe. Auch Trumps Drohungen einer Eingliederung Grönlands in die USA oder die Entführung des venezuelanischen Präsidenten unterstrichen diese Tendenzen.

Die Bilanz – kein goldenes Zeitalter

Doch wie kann es sein, dass solche Vorgehensweisen für den amerikanischen Präsidenten überhaupt ohne größere Konsequenzen (auch seitens Europa) funktionieren? Laut Theveßen denke Trump, allmächtig zu sein und all diese Dinge daher einfach tun zu können. Der chaotische und desaströse Krieg im Iran sei jedoch der Beweis, dass dies mitnichten der Fall sei

Dies zeige sich auch im eigenen Land, denn das versprochene ‚goldene Zeitalter‘ bleibe aus. Trumps Politik, so Theveßen, vernichte Jobs und lasse die Preise im Alltag explodieren. Um ihr Leben weiterhin bestreiten zu können, lebten immer mehr Amerikaner*innen auf Pump, sichtbar an den Kreditkartenschulden, welche in den USA ein Allzeithoch erreicht hätten – 77 Prozent der Bevölkerung beklagten hohe Preise. Dies seien wichtige Faktoren, die dafür sorgen, dass Trumps Zustimmungsraten in den Keller gehen, auch bei Kernwähler*innen des Präsidenten (Weiße ohne Hochschulabschluss).

Was folgt daraus für Europa?

Was Europa laut Theveßen also tun kann, um die erodierenden positiven Seiten der alten Weltordnung zu erhalten und zu verbessern, ist, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen. Europa habe 23% der weltweiten Wirtschaftsleitung, die USA 25%. Viele der Mittelmächte wollten nicht von den USA und China erpresst werden. Wichtig sei hierbei, zu versuchen, die Blickwinkel von Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick zu nehmen. Hierfür bräuchte es allzu oft einen anderen Umgang miteinander, der nicht direkt böse Absichten unterstellt.

Als Beispiel nennt Theveßen Gewerkschaften und Arbeitgeber*innen, denen er empfielt, zunächst Schnittmengen und Kompromisse zu finden und sich dann erst an die Politik in Berlin zu wenden. Den Bürger*innen legte der Fernsehjournalist zum Schluss nahe: „Überlassen sie es nicht den Journalisten allein, das Gespräch zu suchen, wir brauchen auch Sie“. Im Anschluss wurden noch mehrere Fragen aus dem Publikum durch den Redner beantwortet.

Ein etwas ausführlicherer strategischer Ausblick auf verschiedene Möglichkeiten, wie sich die Demokratie und Medien in den USA in den kommenden Jahren in unterschiedlichen Szenarien verändern können, hätte die Veranstaltung noch zusätzlich abrunden und von vergleichbaren Vorträgen abheben können. Insgesamt bleibt jedoch der Eindruck eines sehr interessanten, mit zahlreichen Beispielen, Erklärungen und Anekdoten aus der Medienwelt angereicherten Vortrags, der vom Publikum mit reichlich Applaus quittiert wurde.

 

Beitragsbild: Benni Suchalla

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