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Wieso, weshalb, warum: Faszination Vogelgesang an der Kinder-Uni

Im Gegensatz zu den meisten Menschen müssen Vögel nicht Gesang studieren, um diesen professionell zu beherrschen. Doch wie lernen Vögel Gesang und warum singen sie überhaupt? Damit hat sich die dieswöchige Vorlesung der Kinder-Uni beschäftigt. Wie üblich gut besucht, folgten am Dienstag im Kupferbau ca. 50 Kinder mal gebannt, mal unaufmerksam dem wissenschaftlichen Vortrag. Das bereits von vielen anderen Unis weltweit übernommene Konzept begeistert Jung und Alt durch seine Themenvielfalt und kindgerechte Erklärweise.

„Wieso, weshalb, warum? Wer nicht fragt bleibt dumm.“ – so heißt es im Titellied der bei Kindern allseits beliebten Sesamstraße. Das scheint sich die Tübinger Kinder-Uni ebenfalls zum Programm gemacht zu haben. Das Konzept: Wissenschaftliche Themen kindgerecht aufbereitet in einer 45-minütigen Vorlesung. Die Idee dazu hatte das „Schwäbische Tagblatt“, welches nun seit über 20 Jahren in Zusammenarbeit mit der Universität jedes Semester eine Vorlesungsreihe für Kinder von sieben bis zwölf Jahren veranstaltet, die alle möglichen Fragen beantwortet. Dieses Semester mit dabei: Warum schwindelt künstliche Intelligenz manchmal?, Warum dürfen Journalist*innen nicht lügen? und Warum haben manche Kinder gute Noten und andere nicht? Diese Woche behandelte die Biologin Prof. Dr. Lena Veit die Frage: Warum singen Vögel? Da das Warum schnell beantwortet ist, legte sie den Fokus zu Beginn auf das Wie.

Wie lernen Vögel das Singen?

Wie Menschen lernen auch Vögel das gezielte Erzeugen von Lauten durch ihre Eltern, erklärt Veit. Dieser Prozess nennt sich „vokales Lernen“ und ist außer beim Menschen bei nur wenigen Tieren vorhanden, darunter Wale, Robben, Elefanten, Papageien – und natürlich Singvögel. Ob Primaten auch vokal lernen, ist umstritten, trifft aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu, da auch Individuen, die in Isolation aufwachsen, dieselben Laute erzeugen können wie solche, die in Gemeinschaften aufwachsen – die Lauterzeugung ist ihnen in die Wiege gelegt worden. Wie beim Menschen gibt es auch bei Singvögeln eine sogenannte „Brabbelphase“, in der die Jungtiere angeborene Laute ausstoßen, die aber noch nicht vollständig entwickelt sind, verglichen mit dem Erwachsenenstadium. Tiere, die nicht vokal über ihr Umfeld lernen, kommen über diese Phase sozusagen nie hinaus. Auch Hunde und Katzen lernen das Miauen und Bellen nicht, sondern beherrschen es von Geburt an, genauso wie Frösche das Quaken.

Das vokale Lernen findet bei Singvögeln genau wie beim Menschen statt – inklusive Brabbelphase. Bild: Leo Merkle

Warum dieser Lernprozess nur bei so wenigen Tieren stattfindet, ist nicht gesichert, klar ist jedoch, dass die Laute immer der Kommunikation dienen, dabei aber unterschiedlich komplex sind und unterschiedlichen Funktionen dienen. So ist das Erzeugen von menschlichen Lauten schlicht zu kompliziert als dass die Fähigkeit angeboren sein könnte. Auch Papageien, die menschliche Laute zumindest nachahmen können, lernen also von ihren Eltern.

Kommunikation wie beim Menschen?

Am ehesten lässt sich der Vogelgesang jedoch mit Walgesang vergleichen: Wie Wale lernen auch Vögel ihr ganzes Leben lang von ihrem Umfeld, können bestimmte Melodien erzeugen und sogar wiederkehrende Strophen formen. Einen Inhalt wie menschliche Sprache hat der Gesang allerdings nicht. Zwar können sich einzelne Lautfolgen in Silben unterteilen lassen, wie die Wissenschaftlerin an einem Spektrogramm zeigte, diese haben jedoch keinerlei semantische Bedeutung. Dass selbst Menschenaffen, mit denen wir uns ca. 95 Prozent unserer DNA teilen, per Definition keine Sprache haben, lernt man in Germanistik bereits im Grundmodul Linguistik.

Vielmehr handelt es sich dabei um eine Form der Kommunikation über die reine Akustik. Zwar können einzelne Lautkombinationen Dinge heißen wie „Gefahr“ und „Gefahr von oben/unten“, allerdings weisen die Laute darüber hinaus keine eigene Semantik oder gar Syntax auf. Am ehesten kommen Ideophohne an eine Erklärung für bedeutungsvolle Lautkombinationen bei entsprechenden Tierarten heran. Ideophone sind in der menschlichen Sprache Wörter, deren Klang auf ihre Bedeutung hinweist. Den Klang ihrer Umgebung können auch Primaten zwar nicht vollständig erlernen und nachahmen, allerdings könnten ihre Vorfahren vor Urzeiten in sehr begrenztem Umfang diese Fähigkeit besessen haben und so bestimmten Klängen eine gewisse Bedeutung verliehen haben. Ähnlich verhält es sich bei Vögeln: Der Gesang selbst wird kommuniziert, während bei der menschlichen Sprache ihr Inhalt Gegenstand der Kommunikation ist.

Warum singen Vögel nun?

Doch wozu das Ganze? Das Singen der Vögel hat verschiedene Gründe, der am häufigsten vermutete Grund ist allerdings das Markieren des eigenen Territoriums. So können in einer Baumkrone verschiedene Vögel auf verschiedenen Höhen sitzen und ihrer Umgebung signalisieren: „Hier bin ich, das ist mein Revier, wer mir in die Quere kommt, wird verjagt.“ Doch auch bei dem landläufig bekannten Grund des Partner-Anwerbens handelt es sich keineswegs um einen Irrglauben: Tatsächlich geht es den Vögeln bei ihrem Gesang auch darum, wer am schönsten und lautesten und besten singt und damit am ehesten eine Partnerin anlockt. Ja, eine Partnerin, denn buhlen tun hier in der Regel nur die Männchen. Kein Grund aber für die Weibchen, nicht auch zu singen, denn das gemeinsame Singen stärkt bei bereits bestehenden Paaren deren Beziehung. Das Singen hat bei Vögeln also auch eine positive Auswirkung auf ihr Liebesleben – unglaublich aber wahr. Letztendlich dient das Singen wie bei uns Menschen auch dem Spiel, der kreativen Betätigung und der Freude am „Musizieren“. So konnte bereits nachgewiesen werden, dass Singvögel durch ihren Gesang Glückshormone ausschütten, genauer gesagt Dopamine. Für den Erhalt dieses Kommunikationsverhaltens unabdingbar und für die Tiere damit überlebenswichtig.

Für die Aufmerksamkeit der Kinder ist Interaktion entscheidend – beispielsweise durch direkte Fragen und Antwortkarten.
Bild: Foto Haas

Das Erstaunlichste an diesem Thema sind jedoch nicht die wissenschaftlichen Fakten, sondern die Art und Weise, wie diese den Kindern vermittelt werden: Damit diese am Ball bleiben, ist viel Feingefühl, die richtige Ausdrucksweise und ausreichend Interaktion erforderlich. Eine echte Herkulesaufgabe (auch wenn Herkules eigentlich Herakles heißt). Doch über ein „Vogel-Tabu“, bei dem die Biologin für die restliche Vorlesung das Wort „Vogel“ nicht mehr sagen durfte, inklusive einem Kind, das beim Regelverstoß eine Glocke läuten durfte, konnte die Aufmerksamkeit der Kinder spielerisch gesichert werden. Nachdem Veit 45 Minuten lang geredet hatte, wurde in Uni-Manier geklopft und die Kinder durften ihre Fragen an sie richten. Während sie manche Fragen beantworten konnte, tat sich die Forscherin mit dem Beantworten von Fragen wie können Vögel auch stumm, taub oder blind sein? und können Vögel vom Singen heiser werden? oder auch welcher Vogel singt denn am lautesten/leisesten?, doch sichtlich schwer. Wie es scheint, wissen also auch Erwachsene nicht alles.

Die letzte Kinder-Vorlesung dieses Semester ist nächsten Dienstag um 17 Uhr im Kupferbau. Behandelt werden wird dann die Frage Warum sieht der Mond immer anders aus?

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