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Politik der Angst und des Vertrauens – der Umgang mit AIDS in den 1980er-Jahren

Homosexualität als Bedrohung? So lautet der Titel der Veranstaltung. Es geht um die Diskurse um HIV in den 1980er Jahren. Wie reagieren die deutschen Medien auf die Krankheit? Wie wird die Bedrohung durch HIV inszeniert? Und welchen Weg geht die Politik in der BRD? Wie wird die Gesellschaft aufgeklärt? All diesen Fragen geht Dr. Henning Tümmers in seinem Vortrag im Rahmen der „Studium Generale“-Reihe zum Thema Gender und Diversität in der Medizin nach.

Nach einer kurzen Begrüßung durch die Veranstalterin der Vorlesungsreihe „Gender und Diversität in der Medizin“ tritt der Referent PD Dr. Henning Tümmers ans Mikro des Hörsaals. Er ist akademischer Mitarbeiter am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Tübingen; einer seiner Schwerpunkte ist die Forschung zur Medizin im Nationalsozialismus. Heute soll es aber um die 1980er-Jahre und die Diskurse über das HI-Virus zu dieser Zeit gehen. Tümmers steigt mit einem Zitat der CDU-Politikerin und damaligen Familien- und Gesundheitsministerin Rita Süssmuth ein. Sie benenne AIDS als eine Erkrankung, die die Gesellschaft, ihre Werte und Politik auf den Prüfstand stelle. Tümmers betont, dass AIDS in den 1980er Jahren als unbekannte Bedrohung gesehen werde, dass viel Angst herrsche. Gerade von Konservativen werden harte Zwangsmaßnahmen gegen Infizierte gefordert. Aber wie genau wird in der BRD damit umgegangen?

Alarmismus und Spekulationen in den Medien

Im Jahr 1981 werden in den USA erstmals neue Phänomene entdeckt, die von Anfang an in Zusammenhang mit Homosexualität, aber auch Promiskuität (ein abwertender Begriff für freizügige Sexualität mit häufig wechselnden Partner*innen) und Drogenkonsum gestellt werden, da vor allem homosexuelle Männer betroffen seien. „Aquired Immunodeficiency Syndrome“, kurz AIDS, werde zum Sammelbegriff für das neue Phänomen. Tümmers erklärt, dass damit auch anderen Bezeichnungen wie etwa „gay cancer“ etwas entgegengesetzt werden solle. In Westdeutschland titelt der Spiegel am 6. Juni 1982 „Tödliche Seuche AIDS – die rätselhafte Krankheit“; im Hintergrund befinden sich nackte Männerkörper. Damit sei das Thema auch in Deutschland angekommen; viele berichten von einem Schlüsselerlebnis.

Dr. Henning Tümmers referiert über die HIV-Diskurse der 1980er-Jahre. © Janne Geyer

Das Spiegel-Cover sei ein Paradebeispiel dafür, wie die Presse mit dem Thema umgehe: Es herrsche Alarmismus, AIDS werde als sehr ernstzunehmende Krankheit inszeniert und aufgrund des kaum gesicherten Wissens würden Spekulationen in die Nähe von Gewissheiten gerückt. Angst vor der Krankheit werde in den Medien ganz bewusst erzeugt, indem sie zum Beispiel mit Seuchen wie Pest oder Cholera verglichen werde, Horrorszenarien aus den USA beschrieben werden und das Virus vermenschlicht und mystifiziert werde. Im öffentlichen Diskurs werde auch die Schuldfrage aufgeworfen, die vor allem auf Homosexuelle und promiskuitive Verhaltensweisen ziele.

Durch Aufklärung den Sexualtrieb besiegen

Als Nächstes widmet sich Tümmers der Politik der Bundesregierung. Die Gesellschaft sei sehr gespalten, was den Umgang mit der Krankheit angehe. Während einige sehr restriktive Maßnahmen fordern, sehen andere eine liberalere Herangehensweise als erfolgversprechend. In Bonn setze sich die liberale Seite, allen voran Familien- und Gesundheitsministerin Rita Süssmuth, durch: Es werde auf eine umfassende Aufklärungskampagne gesetzt, um das Sexualverhalten der Bürger*innen zu disziplinieren. An der Aufklärungskampagne der Bundesregierung werde auch die deutsche AIDS-Hilfe beteiligt, die aus der Schwulenbewegung hervorgegangen war. Diese übernehme die Aufklärungsarbeit vor allem innerhalb der schwulen Szene, wobei das Präventionsmaterial enttabuisiert und spezifisch sexuelle Bilder gezeigt werden. Laut Tümmers ist die Politik der BRD durch Angst, aber auch Vertrauen geprägt, da das Bild einer allgemeinen Bedrohungslage für die Bevölkerung generiert, aber dennoch auf Eigenverantwortung der Bürger*innen anstatt auf Zwangsmaßnahmen gesetzt werde.

„AIDS bekommt man nicht, man holt es sich.“

Rita Süssmuth, ehem. Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit in der BRD, 1987

Eine wichtige Rolle für die Entscheidung für eine liberale Politik spiele auch die NS-Vergangenheit Deutschlands, in der Homosexuelle verfolgt wurden. Zwangsmaßnahmen, die an diese Zeit erinnern, seien nicht vertretbar. Trotzdem sei diese Politik keine freiwillige Entscheidung, sondern viel mehr das Ergebnis rationaler Abwägungen. Die Grundidee sei, dass Bürger*innen durch Verstand und Wissen ihre natürlichen Sexualtriebe besiegen sollen, was sich in vielen Präventionskampagnen widerspiegle. Gegner der Politik halten Aufklärung über „Safer Sex“ nicht für moralisch vertretbar; gerade in Bayern stelle man sich dagegen und wolle „christliche Werte“ durchsetzen. Im Vergleich mit Westdeutschland seien andere Länder wie die USA oder auch die DDR beim Thema AIDS sehr viel restriktiver unterwegs.

Kampagnen für sexuelle Selbstdisziplinierung. © Janne Geyer
Man ist im Sexualleben einfallsreicher geworden

Als Letztes geht Tümmers auf die Ergebnisse dieser HIV-Präventionsarbeit ein, vor allem in der homosexuellen Szene. Zwar haben viele ihr Sexualverhalten geändert, jedoch sei dies meist nicht durch die staatlichen Initiativen beeinflusst worden, sondern viel mehr durch persönliche Erfahrungen mit AIDS. Die Angst beherrsche zu dieser Zeit sehr stark die Sexualität von Homosexuellen; die Erfahrungen mit AIDS seien ein kollektives Trauma. „Safer Sex“ habe sich durchgesetzt, teilweise mit Kondom, teilweise mit anderen Strategien wie der Vermeidung von Analsex. Allerdings bestehe kein direkter Zusammenhang zwischen dem Präventionsprogramm und der Änderung von Verhaltensweisen. In den 1990er Jahren habe schließlich eine Normalisierung bezüglich AIDS und HIV stattgefunden, gerade durch die Entwicklung von Medikamenten.

„Es bestätigt sich, dass kein direkter Zusammenhang zwischen hohem Informationsstand zu AIDS und risikoarmem Sexualverhalten besteht.“

Michael Bochow, Soziologe

Dem dreiviertelstündigen Vortrag schließt sich eine Fragerunde an. Auf die Frage hin, ob Wissen verschwunden sei, weil das Thema HIV aus dem Alltag verschwunden sei, kritisiert Tümmers, dass HIV heute auf eine Stufe mit anderen sexuell übertragbaren Krankheiten gestellt werde. Klar sei aber auch, dass sich in den 1980er Jahren die Wahrnehmung von den Fakten abgekoppelt habe; heute hätten wir ähnlich hohe Infektionszahlen wie damals. Eine der Zuhörerinnen berichtet über ihre Erfahrungen als junge Frau in den 1980er Jahren: Man sei einfach kreativer im Sexualleben geworden. Aber die Krankheit, an der ja wirklich Menschen gestorben seien, sei im Vortrag vom Tümmers zu harmlos herübergekommen. Der Referent stimmt ihr zu; die Angst vor dem qualvollen Sterben, ohne etwas dagegen ausrichten zu können, könne man sich heutzutage nicht mehr vorstellen.

Die Veranstaltung hatte einen durchaus informativen Charakter, vor allem was die Berichterstattung über AIDS, aber auch die Abwägungen über politische Entscheidungen angeht. In meiner Wahrnehmung kamen aber konkrete Erfahrungen von schwulen Männern und auch die Bedeutung des Themas für die queere Community ein wenig zu kurz. Wer mehr über die Themen Gender und Diversität in der Medizin erfahren will, kann montags um 18 Uhr im Hörsaal 21 im Kupferbau vorbeischauen.

Beitragsbild: Anna Shvets on Pexels

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