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Krieg, Konflikt und Gewalt: Was hat Frieden mit Nachhaltiger Entwicklung zu tun?

Bei Nachhaltiger Entwicklung denken wohl die meisten zuallererst an Umwelt und Klima. Dass zu diesem Konzept noch einiges mehr gehört, wurde in der aktuellen Studium-Generale-Reihe zu den UN-Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) immer wieder klar. Frieden jedoch scheint auf den ersten Blick mit Nachhaltiger Entwicklung nicht viel gemein zu haben. Dass das genaue Gegenteil der Fall ist, erklärte letzte Woche Montag der Politikwissenschaftler und Friedensforscher Dr. Simon Meisch in seinem Vortrag Nachhaltige Entwicklung und Frieden.

Wenn es um das Schaffen einer besseren Zukunft geht, kommt man am Thema Frieden nicht vorbei. Das macht SDG 16 sehr deutlich. Dieses möchte „friedliche und inklusive Gesellschaften […] fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen“. Dazu gehört konkret unter anderem die Bekämpfung von Korruption, die Beendigung von Missbrauch und Ausbeutung von Kindern sowie die Förderung der nationalen und internationalen Rechtsstaatlichkeit.

Tatsächlich war Frieden auch in einigen UN-Vorläuferberichten der Agenda 2030, welche die 17 Nachhaltigkeitsziele enthält, bereits Thema. Wie Meisch zeigt, betrachtete die Deklaration der UN Conference on the Human Environment in Stockholm 1972 Frieden noch rein unter dem Aspekt des Krieges und bezog sich die Beseitigung von Massenvernichtsungswaffen. Im Brundtland-Bericht 1987, welcher wegbereitend war für die spätere Auseinandersetzung mit Generationengerechtigkeit und Nachhaltiger Entwicklung, wurde sich dem Thema ausführlicher gewidmet. Hier lag der Fokus bereits auf der Wechselwirkung zwischen bewaffneten Konflikten und Umweltbelastungen und Frieden wurde zum ersten Mal als eng verknüpft betrachtet mit „dauerhafter“, also nachhaltiger, Entwicklung.

Die Vereinten Nationen haben schon vor der Agenda 2030 einige Berichte veröffentlicht mit Zielsetzungen zur Nachhaltigen Entwicklung. Bild: Mathias Reding auf Unsplash

Was genau ist Frieden überhaupt?

In den 1970ern äußerten immer mehr Konflikt- und Friedensforscher*innen die Auffassung, Frieden gehe über die Abwesenheit von Krieg hinaus. So auch Volker Rittberger, welcher unter anderem in Tübingen forschte und lehrte. Von ihm stammt der Satz „Frieden ist mehr als kein Krieg“. Was Frieden stattdessen ist oder sein kann, erläutert Meisch anhand verschiedener wissenschaftlicher Zitate und Modelle. Zuerst zitiert er eine Definition von Gewalt als das von außen erwirkte Beschränken der möglichen geistigen und körperlichen Verwirklichung von Menschen. Praktisch gesprochen: Ist für jemanden etwa der Zugang zu Gesundheit oder Bildung erschwert, ist das nach dieser Definition eine Form der Gewalt. Es geht also um eine Diskrepanz zwischen Realität und Potenzial.

Um dieses eher abstrakte Verständnis von Gewalt zu konkretisieren, verweist der Politikwissenschaftler auf die Unterteilung in Kategorien der Gewalt nach Johan Galtung: persönlich und strukturell. Während persönliche Gewalt zwischen einzelnen Personen geschehe, sei strukturelle Gewalt eine durch Institutionen hervorgerufene Ungleichheit zwischen dem Aktuellen und dem Potenziellen. Das erklärt er damit, dass Institutionen Menschen ermöglichen, das zu erreichen, was sie können und wollen – zum Beispiel über Bildung und Gesundheitsversorgung. Dann gebe es noch kulturelle Gewalt: Diese entstehe durch Denkmuster, welche wiederum die Legitimation für strukturelle Ungleichheiten schafften.

Während Frieden zwar nach gängiger Auffassung mehr ist als die Abwesenheit von Krieg, wird die Abwesenheit von Gewalt hier durchaus als Frieden bezeichnet: So wird die Abwesenheit persönlicher Gewalt auch negativer Friede und die Abwesenheit struktureller Gewalt positiver Friede genannt. Der Unterschied liegt laut dem Friedensforscher darin, dass es für negativen Friede lediglich die Abwesenheit gewalttätigen Handelns benötige. Positiver Frieden hingegen benötige das Schaffen starker und gerechter Institutionen, wie sie auch SDG 16 beinhalte, also aktives Zutun.

Auch die UN sehen Frieden und Gerechtigkeit als untrennbar verbunden. Bild: Vereinte Nationen
Internationale Zusammenarbeit muss auch Frieden zum Ziel haben. Bild: Vereinte Nationen

Frieden – nur ein anderes Wort für Nachhaltige Entwicklung?

Gerechtigkeit sei aber auch darüber hinaus noch enger mit Frieden verwoben, betont Meisch, denn positiver Friede sei äquivalent zu sozialer Gerechtigkeit. Nach diesem Verständnis also ist Frieden auf einer öffentlichen, strukturellen Ebene fast bedeutungsgleich mit dem Gerechtigkeitsgedanken. Dieser war auch kennzeichnend für den bereits erwähnten Brundtland-Bericht, welcher Nachhaltige Entwicklung besonders bezüglich der Generationengerechtigkeit behandelte. Im Bericht wird Nachhaltige Entwicklung als eine solche definiert, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.“

Der Aspekt der Bedürfnisbefriedigung sei bei sozialer Gerechtigkeit von besonders großer Bedeutung, betont Meisch. Zur Verdeutlichung zieht er einen Vergleich zur Moralphilosophin Martha Nussbaum und ihrer Variante des Fähigkeitensansatzes, einem ursprünglich ökonomischen Gerechtigkeitskonzept. Der Ansatz beinhaltet Vergleiche der Lebensqualität und verfolgt das Ziel, die absoluten Grundbedürfnisse und -befähigungen sämtlicher Menschen und dadurch ein Grundmaß an sozialer Gerechtigkeit zu ermitteln. Entscheidend ist hierbei die Frage: „Was ist eine jede Person wirklich befähigt, zu tun und zu sein?“ Dieses Konzept geht davon aus, dass soziale Gerechtigkeit bedeutet, Menschen diese Grundbedürfnisse zu erfüllen, also gewisse grundlegende Erfahrungen zu ermöglichen. 

‚Frieden‘ darf nicht nur ‚soziale Gerechtigkeit‘ bedeuten

Dieser Vergleich von Lebensqualität und dem Sichern von Grundbedürfnissen liegt auch dem Gedanke der Generationengerechtigkeit zugrunde und bildet die Grundlage des Brundtland-Berichts. Wenn also Nachhaltige Entwicklung und Frieden beide auf soziale Gerechtigkeit hinauslaufen, ist das alles nur Wortspielerei? Sind Nachhaltige Entwicklung und Frieden einfach austauschbare Begriffe?  Ganz so einfach sei das nicht, meint Meisch. Er sieht Gerechtigkeit mehr als eine gemeinsame Schnittstelle, eine Überlappung zwischen Nachhaltiger Entwicklung und Frieden. Beide Begriffe hätten noch weitere Bedeutungsdimensionen, die über Gerechtigkeit hinausgingen, etwa da Nachhaltige Entwicklung nicht immer auf einem Gerechtigkeitsgedanken beruhen müsse. Und auch am anfangs vorgestellten Konzept von Frieden gebe es Kritik. Selbst Rittberger, der Frieden über die Abwesenheit von Krieg hinaus definierte, meinte, dass der Friedensbegriff keinesfalls „alle brennenden sozialen Probleme“ umfassen dürfe.

Gerechtigkeit und Frieden sind tatsächlich eng miteinander verbunden.
Bild: Kalea Morgan auf Unsplash.

Die Interpendenz der Nachhaltigkeitsziele

Dennoch betont Meisch, die drei Konzepte hätten viel gemeinsam und es bestünde eine wesentliche wechselseitige Abhängigkeit zwischen ihnen. Ohne (militärischen) Frieden könne es keine Gerechtigkeit geben, erst Gerechtigkeit wiederum schaffe wirklich vollständigen (gesellschaftlichen) Frieden. Beide Formen von Frieden seien elementar wichtig für die tragbare, dauerhafte Entwicklung der Welt.

Darüber hinaus schaffe Frieden nicht nur die für sämtliche anderen SDGs notwendige Struktur und Stabilität – die Kosten von Krieg und Aufrüstung würden auch die Finanzierung sämtlicher Nachhaltigkeitsbereiche immens erschweren. Damit sind die SDGs wieder einmal untrennbar miteinander verbunden und voneinander abhängig. Der Politologe verweist auf das SDG-Hochzeitstorten-Schema, das unter anderem bereits im Vortrag eine Woche zuvor Erwähnung fand. Das Friedensziel befindet sich zwar inmitten der sozialen Nachhaltigkeitsziele, Meisch bezieht SDG 16 jedoch auf SDG 17: Partnerschaften zur Erreichung der Ziele. Während viele der anderen Redner*innen vor ihm das Ziel ihres jeweiligen Vortrags sinnbildlich oder sogar graphisch in die Mitte der SDGs rückten, stellt der Friedensforscher das Ziel seines Vortrags damit an die Spitze einer Grafik und gewissermaßen über alle anderen SDGs. 

Meisch seht SDG 16 als wesentlichen Bestandteil von SDG 17 an.
Bild: Azote für das Stockholm Resilience Centre

Am kommenden Montag findet im Kupferbau kein abschließender Vortrag statt zu den SDGs, stattdessen wird ein Filmprojekt vorgestellt und gezeigt werden, das Kinder in den Fokus Nachhaltiger Entwicklung rückt. Wer einen Vortrag verpasst hat oder dessen Inhalte wiederholen möchte, kann dies auf ILIAS tun, dort werden die Vortragsfolien hochgeladen. Der Pfad des Kurs-Ordners lautet wie folgt: Veranstaltungen (Magazin) > WS 23/24 > Außerfakultäre Veranstaltungen > Studium Generale > Vortragsreihe 17 SGDs. Das Passwort für den Kurs lautet StudGenSDG. Externe ohne ZDV-Uni-Account können per Mail an nachhaltig@uni-tuebingen.de Zugang zu dem ILIAS-Ordner beantragen.

Beitragsbild: Humphrey Muleba auf Unsplash.

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