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Mythos nachhaltiges Wachstum – wie realistisch sind die SDGs?

Die Sustainable Development Goals basieren alle auf der Annahme, dass die Weltwirtschaft weiterhin wachsen müsse und dies mit den Nachhaltigkeitszielen auch vereinbar sei. Doch das Prinzip des nachhaltigen Wachstums gerät immer mehr in die Kritik. So auch letzte Woche Montag durch Prof. Dr. André Reichel. Der Wirtschaftswissenschaftler und Nachhaltigkeitsforscher erklärte in seinem Studium-Generale-Vortrag „UN-Sustainable Development Goals: Die Wachstumsfrage der UN-SDGs“, was es mit der Idee des nachhaltigen Wachstums auf sich hat, ob wir uns ewiges Wachstum wirklich erlauben können und welche Gegenentwürfe es gibt.

Wir alle wissen, was Nachhaltigkeit ungefähr ist. Doch wann genau ist etwas nachhaltig? Um das in Bezug auf die Wachstumsfrage zu klären, beruft sich Reichel zu Beginn seines Vortrags auf einige gängige Begriffsbestimmungen. Er betont, dass Nachhaltigkeit einen schonenden Umgang mit Ressourcen beinhaltet, sodass auch nachrückende Generationen diese nutzen und ihre Bedürfnisse befriedigen können. Außerdem verweist er auf die Aussage eines anderen Wirtschaftswissenschaftlers, dass wirtschaftliche Entscheidungen stets mit diesem obersten Prinzip vereinbar sein müssten. Dies macht auch die vom Stockholm Resilience Centre, einem schwedischen Forschungsinstitut, entworfene Grafik der “Hochzeitstorte” deutlich, welche die verschiedenen Bereiche Nachhaltiger Entwicklung veranschaulicht (s.u.). Dass die Wirtschaft in die Gesellschaft und diese wiederum in die Biosphäre eingebettet ist, soll verdeutlichen, dass die natürliche Umwelt die Rahmenbedingungen für Gesellschaft und Wirtschaft stellt und somit höchste Priorität hat.

Die SDGs sind nicht alle gleichrangig, sondern besitzen eine klare Hierarchei.
Bild: Azote für das Stockholm Resilience Centre

Wachstum, aber nachhaltig – geht das?

Die Wirtschaft steht, wenn es um Umwelt und Klima geht, also hinten an. Kann es trotzdem wirtschaftliches Wachstum geben unter Berücksichtigung des Nachhaltigkeitsaspekts? Reichel zufolge: Nein. Das macht er zunächst an verschiedenen Grafiken klar, die den praktischen Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und Wachstum beleuchten sollen.

Sozioökonomisches Wachstum geht auch mit einer wachsenden ökologischen Belastung einher.
Bild: Wackernagel et al (2017). Making the Sustainable Development Goals Consistent with Sustainability. Frontiers in Energy Research, 5, 18. https://doi.org/10.3389/fenrg.2017.00018.

Die obige Grafik veranschaulicht eine deutliche Korrelation zwischen dem ökologischen Fußabdruck eines Landes und dem SDG-Index (SDG-I) sowie dem Human Development Index (HDI). Ersterer Index soll den Fortschritt der Nationen beim Erreichen der SDGs angeben. Zweiterer gibt den Entwicklungsstand von Ländern an. Er wird auch Wohlstandsindikator genannt und berücksichtigt unter anderem Lebenserwartung, Lebensstandard, Zugang zu Bildung und BPI eines Landes. Dass die Länder mit dem meisten Wohlstand und den höchsten SDG-Rankings auch den höchsten Fußabdruck haben, zeige laut Reichel nicht nur, dass die SDGs nicht besonders nachhaltig sein können, sondern auch, dass mit wirtschaftlichem Wachstum auch ein höherer Ressourcenverbrauch einhergehe. Würden alle Länder so viel verbrauchen wie die 20 Höchstplatzierten des SDG-I, bräuchte die Menschheit drei Erden. Die Folgen davon ließen sich nicht nur an unseren CO2-Emissionen feststellen, sondern auch am Überschreiten der planetaren Grenzen, wie er mit zwei weiteren Grafiken verdeutlicht. 

Das globale wirtschaftliche Wachstum sei auch am schrittweisen Überschreiten der planetaren Grenzen zu beobachten, so Reichel. Bild: Azote for Stockholm Resilience Centre, Stockholm University. Based on Richardson et al. 2023, Steffen et al. 2015, and Rockström et al. 2009.
Die grün markierten Länder haben mindestens sechs der neun planetaren Grenzen bereits verletzt. Bild: André Reichel. Created with mapchart.net. Data Source: https://doi.org/10.1038/s41893-018-0021-4.

Wachstum und Nachhaltigkeit – auch ein logischer Widerspruch

Um zu verdeutlichen, dass zwischen Wirtschaftswachstum und dem Ressourcenverbrauch ein Zusammenhang besteht, kommt Reichel auf das UN-Nachhaltigkeitsziel des Abends zu sprechen – SDG 8: „Dauerhaftes, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, produktive Vollbeschäftigung und menschenwürdige Arbeit für alle fördern“. Weiter heißt es, dass es Ziel sei „ein jährliches Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von mindestens sieben Prozent in den am wenigsten entwickelten Ländern aufrechterhalten.“ Bei einem angestrebten anhaltenden Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum auch in den restlichen Ländern würde das laut Reichel ein globales Wirtschaftswachstum von drei Prozent bedeuten. Dieses definiert er als „das langfristige, gleichgewichtige Wachstum von Angebot und Nachfrage in einer Volkswirtschaft“. 

Damit würde die Weltwirtschaft von 2015 bis 2030 um über die Hälfte anwachsen. Dass das mit einigen der restlichen SDGs nicht vereinbar ist, zeigt er anhand des Material Footprint, der den durchschnittlichen materiellen Ressourcenverbrauch pro Kopf und Jahr angibt. Dieser müsse, so der Nachhaltigkeitsforscher, global bis 2030 auf 50 Milliarden Tonnen pro Jahr reduziert werden. 2015, als die SDGs aufgestellt wurden, lag der Ressourcenverbrauch bei 87 Milliarden Tonnen. Um diesen sinkenden Ressourcenverbrauch mit einer wachsenden Wirtschaft in Einklang zu bringen, müsste laut Professor Reichel allerdings die Materialintensität der Wirtschaft konstant jährlich um fast 7 Prozent sinken. Zwischen 2002 und 2013 sei diese allerdings gestiegen. Laut Reichel sei eine derartige dauerhafte Senkung des Ressourcenverbrauchs praktisch nicht möglich und ein globales Wirtschaftswachstum daher keine Option. Eine andere Lösung müsse also her.

Die SDGs scheinen einander oft zu widersprechen.
Bilder: Vereinte Nationen

Die Lösung: Sustainable Degrowth

Bevor er seinen Lösungsvorschlag präsentiert, geht der Wirtschaftswissenschaftler auf das Konzept des Grünen Wachstums ein. Dieses sei unter anderem deswegen nicht realistisch, da es sich auf technologischen Wandel verlasse. Dieser sei jedoch weder wirkungsvoll noch schnell genug, um effektiv für Nachhaltigkeit zu sorgen, so Professor Reichel. Zudem würde die Ökologisierung wirtschaftlicher und industrieller Prozesse die Gefahr bergen, dass eine höhere Ressourceneffizienz zu einem insgesamt höheren Ressourcenverbrauch führe.

Was es laut Reichel stattdessen brauche, sei Postwachstum. Die Ideenschwerpunkte: Eine Abkehr von expansiven wirtschaftlichen Aktivitäten; eine Verlagerung des sozioökonomischen Schwerpunkts auf Lebensqualität anstelle des BIPs; sowie die Schaffung von ökologischer Gerechtigkeit. In der Praxis bedeute das Nachhaltiges Schrumpfen, auf Englisch Sustainable Degrowth. Dafür benötige es vier Politiken: Eine Verringerung der Arbeitszeiten, um die wirtschaftliche Produktivität zu senken; eine ökologisch-soziale Steuerreform, die umweltfreundliches Verhalten belohnt und umweltschädliches Verhalten verteuert; gesetzliche Vorschriften zur Materialeffizienz wie etwa zur Langlebigkeit und Reparierbarkeit von Produkten; sowie eine Reform des Wettbewerbsrechts zugunsten von Umwelt und Klima.

Das gelte allerdings nur für die Industrienationen, die auch für den Großteil der Treibhausgasemissionen und des Ressourcenverbrauchs verantwortlich sind. Schließlich könne man den Wohlstand, den wir uns selbst gewähren, den am wenigsten entwickelten Ländern (engl. Least Developed Countries, kurz LDCs) mit einem HDI-Score von unter 0,7 nicht einfach verwehren. Diese müssten ohnehin zur Erreichung der SDGs wirtschaftlich wachsen, um sich bestimmte Ausgaben zur Herstellung und Sicherung von Lebensqualität und Wohlstand leisten zu können. Für diese, so Reichel, sei das Konzept des Green Growth daher durchaus angebracht.

Die orange markierten Länder haben einen HDI-Score von unter 0,7 und gelten damit als LDCs. Für diese ist wirtschaftliches Wachstum nicht nur angemessen, sondern sogar notwendig. Bild: André Reichel. Created with mapchart.net. Data Source: https://doi.org/10.1038/s41893-018-0021-4.

Was bedeutet das für die Nachhaltigkeitsziele?

Der Nachhaltigkeitsforscher schlägt daher folgende Änderungen von SDG 8 vor: Wachstum solle nur noch für LDCs vorgesehen sein, nicht mehr global, damit Wachstum nur noch zur Armutsbekämpfung diene und nicht mehr als Industriestrategie. Außerdem plädiert er dafür, LDCs ihre Schulden zu erlassen, internationale Institutionen wie die Weltbank zu demokratisieren sowie einen fairen Welthandel zu errichten durch das schrittweise Beenden von Agrarsubventionen. Zum Ende seines Vortrags erklärt Reichel die Konsequenz von zu expansivem Wachstum eines, in diesem Fall ökologischen, Systems: Overshoot and Collapse. Wenn eine gewisse Systembelastungsgrenze zu stark überschritten und nicht rechtzeitig von selbst wieder unterschritten wird, müsse das System zwangsläufig kollabieren. Die Alternative dazu sei Adaptive Behavior, was bedeute, dass man sich durch Abbremsen der Systembelastung an dessen Belastungsgrenze anpasse. Das erfordere ein „vorausschauendes Abbremsen umweltverbrauchender Aktivitäten“ und das Konstanthalten der Aktivitäten auf einem angemessenen Niveau. Dies sei der einzige Weg zur Stabilisierung des Ökosystems Erde und damit auch des Klimas.

Wer sich für das Thema der Nachhaltigen Entwicklung interessiert, kann am Montag, dem 29. Januar um 18 Uhr im Kupferbau wieder dabei sein, wenn es mit Quality Education um das vierte SDG geht – Rednerin wird Prorektorin Karin Amos sein. Wie die Universität die SDGs umsetzen will, könnt ihr hier nachlesen. Wer einen Vortrag verpasst hat oder dessen Inhalte wiederholen möchte, kann dies auf ILIAS tun, dort werden die Vortragsfolien hochgeladen. Der Pfad des Kurs-Ordners lautet wie folgt: Veranstaltungen (Magazin) > WS 23/24 > Außerfakultäre Veranstaltungen > Studium Generale > Vortragsreihe 17 SGDs. Das Passwort für den Kurs lautet StudGenSDG. Externe ohne ZDV-Uni-Account können per Mail an nachhaltig@uni-tuebingen.de Zugang zu dem ILIAS-Ordner beantragen.

Beitragsbild: Morgan Housel auf Unsplash.

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1 Kommentar

  1. […] abhängig. Der Politologe verweist auf das SDG-Hochzeitstorten-Schema, das unter anderem bereits im Vortrag eine Woche zuvor Erwähnung fand. Das Friedensziel befindet sich zwar inmitten der sozialen […]

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