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Hinter den Türen des Evangelischen Stift

Das Evangelische Stift ist nicht wegzudenken aus dem romantischen Flair der Tübinger Altstadt. Eingebettet zwischen dem Neckar zur einen und den pittoresken Häusern des Klosterberges auf der anderen Seite, beherbergt es Studierende seit 1536. Friedrich Hölderlin, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wilhelm Hauff und Eduard Mörike sind nur einige der berühmten Namen, die das Stift ihr temporäres Zuhause nannten. Jule und Arne sind Bewohnende des Evangelischen Stift und die derzeit amtierenden Stiftsältesten. An einem der wenigen sonnigen Tage im Januar haben sie sich mit uns getroffen und vom Leben hinter den steinernen Mauern des alten Gebäudes erzählt. 

Wir treffen die beiden jungen Stiftsältesten am Haupteingang des evangelischen Studienhauses. Gemeinsam sitzen wir in der noch verhalten scheinenden Sonne und plaudern über das Leben im Stift, während eine Sphynx-Katze uns besorgt beobachtet.

Konkursverfahren und Nachaufnahme – Wege in das Stift

Es gibt zwei Arten, ein Stipendium für das Evangelische Stift zu erhalten, so erfahren wir. Jule erschrieb sich den Weg dahin mit einer Klausur im Haus nach ihrem Abitur. „Die Ergebnisse werden verrechnet mit der Religionsnote des Abis. Wenn diese Note besser ist, als der Schnitt in Baden-Württemberg, wird man eingeladen zum sogenannten Konkurs-Gespräch. So habe ich meinen Platz hier angeboten bekommen“, berichtet sie. Im Wintersemester 2020/21 begann sie dann ihr Lehramtsstudium und bezog ihr erstes Zimmer, pünktlich zur Corona-Hochphase. Zum Glück, so findet Jule. „Ich weiß nicht, ob ich das ganze Lernen bei meinen Eltern daheim geschafft hätte – nach einem Semester Altgriechisch im alten Kinderzimmer pauken, hätte ich wohl nicht weiter studiert“, lacht sie. Das zweite potentielle Verfahren, ein Zimmer im Stift zu erhalten, hat Arne durchlaufen: die Nachaufnahme. „Ich studiere auf Pfarramt und das bedeutet, ich habe wo anders angefangen zu studieren – ich war in Bayern, Berlin und Japan – und dann habe ich mich nachträglich auf das Stipendium hier beworben. Das gilt ab dem Zeitpunkt des Antritts auch für neun Semester.“

Kupferblau: Wohnen auch Menschen im Stift, die nicht Theologie studieren?

Jule: Es leben knapp 150 Studierende im Stift. Zwei Drittel davon sind zumeist Pfarramt-Studierende und ein Drittel Lehramtsstudierende. Von diesem einen Drittel Lehrämtler*innen werden vier pro Jahr aufgenommen, die nicht Theologie studieren. Wenn dann noch Zimmer frei bleiben, kann man sich auch bewerben als sogenannter zahlender Gast. Man kann dann für rund 250 Euro inklusive Frühstück hier wohnen – da kann sich rein theoretisch jeder bewerben. Allerdings ist das Wohnen begrenzt auf ein Semester und man kann vorab nicht wissen, ob man noch ein zweites bleiben kann. 

Arne: Seit dem Wintersemester 2023/24 gibt es auch zwei Zimmer im Stift für Studierende am Zentrum für Islamische Theologie – das bringt mehr Vielfalt und Austausch ins Haus.

Für den hohen Besuch der Kupferblau hat Jule ihr Zimmer extra vorab aufgeräumt und so in ein ideales Fotomotiv verwandelt. Im Stift gibt es ausschließlich Einzelzimmer zu bewohnen, die aus den vormals großen Schlafsälen entstanden sind. Jedes Stockwerk hat ein Badezimmer mit Duschen und Toiletten und eine Küche. Normalerweise, so Jule und Arne, werden die Mahlzeiten aber gemeinsam im Speisesaal eingenommen. Morgens gibt es ein Büfett ab 6:00 Uhr, Mittagessen gibt es um 13:00 Uhr und viele der Bewohnenden nehmen sich eine Kaltportion fürs Abendessen mit. Die Größe der Zimmer, so erfahren wir, variiert, die Einrichtung nicht: Jedes Zimmer ist ausgestattet mit einem Bett, einem Schrank, einem Bücherregal, einem Schreibtisch und einem Rollcontainer, der unter dem Schreibtisch steht. „Ich kenne Einige, die zum Beispiel statt des kleinen Bettes ein großes im Zimmer stehen haben. Das sollte man mit der Hauswirtschaft absprechen“, sagt Jule. Jedes Zimmer hat auch ein Dosentelefon, das von außen, aber auch intern angerufen werden kann. „Ich wurde da einmal mitten in der Nacht angerufen, das war ziemlich seltsam“, lacht Jule. 

Im Speisesaal trifft man sich zum täglichen Mittagessen um 13 Uhr. Wir haben gehört, dass es unschlagbare vegane Kässpatzen geben soll. Bild: Paula Baumgartner

Kupferblau: Die Zimmer sind unterschiedlich groß. Wie wird entschieden, wer welches Zimmer bekommt?

Jule: Es gibt ein Punktsystem, nach dem die Zimmer den Studierenden zugeteilt werden. In dieses Punktesystem fließt ein, wie lange man bereits studiert, wie lange man im Haus wohnt, wie man sich im Haus engagiert und so weiter. Je mehr Punkte man hat, desto größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, in sein Lieblingszimmer zugeteilt zu werden. Die Zimmer sind wahrscheinlich eines der emotionalsten Themen im Stift. Aber es hat bisher immer relativ gut hingehauen – man weiß ja auch, wenn man eine Weile hier gewohnt hat, bekommt man selbst ein großes Zimmer irgendwann. 

Kupferblau: Du hast gesagt, man kann Punkte auch durch Engagement erhalten. Gibt es  Aufgaben im Haus, die jeder Bewohnende ableisten muss?

Arne: Es gibt verschiedene Dienste, die gemacht werden sollten. Zum Beispiel das Ein- und Abdecken der Tische im Speisesaal oder ein Spüldienst nach dem Essen. Wir haben drei große Stiftsfeste, da gibt es auch immer allerlei zu tun: Auf- und Abbau, DJ-Schicht, Barbetreuung und so weiter. Da müssen sich alle Bewohnenden einbringen. Es gibt zudem noch Ehrenämter, zum Beispiel das Kopierer-Ehrenamt oder ein Computer-Ehrenamt. Und natürlich das Stocherkahn-Ehrenamt. Es gibt drei Verantwortliche, die unsere zwei Kähne pflegen und warten. Wir erhalten relativ oft Anfragen von außen und die Stifter*innen stochern dann gegen eine Spende die Gruppen über den Neckar. Alles, was dabei eingenommen wird, ist zum Einen dazu da, unsere Stiftsfeste zu finanzieren, zum Anderen wird aber meistens ein Großteil gespendet. Diese Ehrenämter ergeben auch Punkte für die Zimmerverteilung. 

Warme Mahlzeiten, gemeinsame Feste, Stocherkähne und das Wohnen mitten in der Altstadt –gemütlicher kann man sich ein Leben in Tübingen wohl kaum vorstellen. Ob es auch negative Seiten am Leben im Stift gibt? „Es hat alles Vor- und Nachteile“, überlegt Jule. Die große Anzahl an Bewohner*innen sorge dafür, dass man kaum alleine sein könne, selbst wenn man das mal gerne sein würde. Auch die turbulenten sommerlichen Partys auf der Neckarinsel seien manchmal störend und definitiv kein Garant für gesunden Schlaf, lacht Jule. „Aber diese Sachen weiß man vorher und das wird man auch überall in der Altstadt genau so haben. Ich würde jederzeit wieder so entscheiden – ich bin super happy, hier zu sein.“ Arne ergänzt: „Es ist auch eine Bubble, in der man hier lebt. Wenn man neu nach Tübingen kommt, ist das auf der einen Seite cool, weil man so viele Menschen um sich herum hat. Aber bevor man dann in die Stadt connected, ist man hier im Stift schwer beschäftigt, so viele neue Leute kennenzulernen. Da muss man ganz bewusst einen Schalter umlegen und nach draußen gehen und mal ein paar andere, neue Kontakte suchen. Sonst sieht man immer die selben Nasen.“ 

Faustball, Stocherkahnführerschein und Bibelverse

Das Leben im Evangelischen Stift beginnt nicht nur, wie in normalen Studierendenwohnheimen, mit dem Schleppen von Kisten aufs neue Zimmer und einem unangenehmen Ikea-Besuch mit den Eltern – es beginnt vor allem auch mit Lachen. „Wir haben einen Semesterscherz für die Erstis, die neu einziehen“, erzählt Arne. „Dieses Semester haben wir ihnen gesagt, sie müssen sich bei zehn Leuten, die im Haus arbeiten persönlich vorstellen.“ Jule ergänzt: „Sie haben von uns einen Laufzettel bekommen, den sie abarbeiten sollten. Unser Hausleiter, der Professor an der Fakultät ist, stand auch mit auf dem Zettel – der ist aufgrund seiner Professur seltener hier im Haus. Wir haben gesagt, wer seine Unterschrift einholt, bekommt eine Extra-Süßigkeit. Dann sind tatsächlich einige Erstis in seiner Vorlesung zu ihm vor und haben ihn um eine Unterschrift gebeten.“ Beide lachen herzlich. Ob sie den erfolgreichen Erstis die versprochenen Süßigkeiten denn wenigstens als Lohn gegeben hätten? „Aber selbstverständlich!“, antwortet Jule. 

Der Karzer des Stift. Hier wurden früher Studierende eingesperrt, die gegen die Hausregeln verstoßen hatten. Bild: Paula Baumgartner

Eine kleine gedankliche Reise in die Vergangenheit fördert noch mehr Semesterscherze zu Tage: „Einmal wurde behauptet, das Stift habe eine traditionelle Faustballmannschaft seit 1905 oder so. Da gab es dann extra eine Einführungssession zum Faustball, bei der mitgemacht werden musste“, erinnert sich Arne. Ein weiterer Streich sei gewesen, den Erstis vom obligatorischen Stocherkahnführerschein zu erzählen, der gemacht werden müsse. „Da sind dann alle Erstis zum Test angetreten, nachdem sie eine ausführliche Powerpoint-Präsentation gesehen hatten“, lacht Jule und fügt an: „Und vor ein paar Jahren wurde allen erzählt, beim Essen im Speisesaal dürfe nicht geredet werden, außer man rezitiere Bibelverse.“ 

Kupferblau: Unglaublich, dass das Jahr für Jahr funktioniert und alle sich reinlegen lassen.

Arne: Man glaubt relativ viel, wenn man hier anfangs einzieht. Genauso, wie vermutlich viele Studierende aus der Stadt auf den Stift blicken: Man kommt hier hoch, sieht dieses riesige Eingangstor und macht sich so ein gewisses Bild von den Bewohnenden des Stift. Wir alle haben ja ein bestimmtes Klischee von Pfarrer*innen im Kopf. Aber eigentlich sind das auch einfach normale Menschen.

Jule: Das Stift wirkt von außen vielleicht sehr altehrwürdig, aber eigentlich ist es uns vor allem wichtig, dass es ein sicherer und guter Ort für alle Menschen ist.

Das Stift hat auch eine kleine Kapelle. Diese war früher die Bibliothek, heute werden dort regelmäßig Gottesdienste verschiedenster Formate abgehalten. Bild: Paula Baumgartner

„Wer im Land etwas werden will, muß im Stift gewesen sein. Wer außerhalb des Landes etwas werden will, muß aus dem Stift geflogen sein. Tertium non datur.“

Wilhelm II

Die Kupferblau dankt Arne und Jule herzlich für die Führung durchs Stift. Wir werden wiederkommen –  spätestens wenn es die veganen Kässpatzen gibt!

 

Titelbild: Paula Baumgartner

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