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Late Night Nächstenliebe – ein christliches Büfett auf der Neckarbrücke

Die Neckarbrücke bot am Donnerstagabend ein seltsames Bild: Auf beiden Seiten des Gehwegs waren Tische aufgebaut, dahinter stehen dick in Winterbekleidung eingepackte Gestalten. Mitglieder christlicher Hochschulgruppen versorgen Passant*innen hier mit Late-Night Snacks. Die Kupferblau fragte nach, was hinter der Aktion steckt. 

Die Nacht war lang. Alles, was mein studentischer Körper sich um diese Uhrzeit herbeisehnt, ist ein komatöser Schlafzustand und davor noch irgendwas Essbares. Und da sind sie auf ein Mal, wie vom Himmel geschickt: die Christ*innen von der Aktion „Late Night“, die mit Tee, Kuchen und variierenden anderen Delikatessen auf Heimkehrende von Tübinger Partys warten.

Das Büfett auf der Neckarbrücke. Bild: Johanna Körner

Das ganze Semester über schenken Angehörige der christlichen Hochschulgruppen Campus Connect, SMD und dem Bengelhaus jeden zweiten Donnerstag von 23 bis 3 Uhr auf der Neckarbrücke Tee aus, versorgen mit Kuchen und Erdnussflips und beginnen mit verdutzten Passant*innen Gespräche unterschiedlicher Längen und Intensitäten. Auch ich unterhalte mich mit ihnen. Ich will wissen, warum sie hier sind. Ist es purer Altruismus oder sollen die Leckereien ein Mittel zur Bekehrung sein? Die Kirche wird ja scheinbar immer unbeliebter unter den jungen Leuten und die Anzahl der Kirchenaustritte befindet sich momentan auf einem Rekordhoch. Sicherlich könnte es nicht schaden, durch solche Aktionen ein bisschen Image-Aufwertung zu betreiben. Nein, das sei nicht der Hauptgrund, lautet die Antwort. Ein bisschen spiele das vielleicht mit hinein, aber „Kirche“ sei nicht gleichzusetzen mit jedem*r einzelnen Christ*in. Durch die „Late Night“-Aktion könnten die Vorbeikommenden ein positives Erlebnis mit Christ*innen haben.

Nächstenliebe praktisch leben

Die eigentliche Motivation sei es, die Liebe, die Christ*innen von Gott bekämen, an andere weiterzugeben und eine Freude zu machen, wenn nicht damit gerechnet werde. Auch wenn kein Gespräch zustande komme und die Leute sich nur einen Tee und ein Stück selbst gebackenen Kuchen abholen, sei es das Coolste, eine kleine Freude mit auf den Weg geben zu können. Dabei gebe es sogar ein wechselndes saisonales Angebot. Im Winter sei das dann wärmender Tee oder heißer Punsch, im Sommer ließe sich auch mal ein Eistee schlürfen.

Es ist eine kalte Winternacht und ich frage mich, woher die Helfer*innen bloß die Motivation nehmen, hier stundenlang bei Minusgraden auszuharren. Mir zittern schon ein bisschen die Beine. Zum Glück habe ich einen heißen Tee in den Händen. Der werde von den „Late Night“ Mitgliedern im Winter auch fleißig selbst getrunken. Das helfe gegen die Kälte. Motivierend sei außerdem das Wissen, etwas bewegen zu können und Freude zu spenden. Und die ist den Vorbeikommenden beim Anblick des kostenfreien Mitternachtsschmauses definitiv anzusehen.

Drei Mitglieder von „Late Night“. Bild: Liv Holthaus

Mittlerweile ist es spät und das Büfett größtenteils leergeräumt. Die letzten Teereste werden ausgetrunken, dann wird abgebaut. Trotz der Kälte und der vorangeschrittenen Uhrzeit haben alle noch gute Laune und es herrscht eine positive Atmosphäre. Ich bedanke mich für das Gespräch und trete ebenfalls den Heimweg an. Ob Kirchenfan oder nicht, bei „Late Night“ vorbeizuschauen lohnt sich – es gibt nette Leute und Essen!

Beitragsbild: Felix Müller, Pexels

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