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Glühwein, Schokolade und Nachhaltigkeit – Das 16. Schokoladenfestival in Tübingen

Zimtsterne, Glühwein und ganz viel Schokolade: Vom 05. bis 10. Dezember fand in Tübingen zum wiederholten Mal Deutschlands größtes Schokoladenfestival statt. Das diesjährige Motto „The Colors of Latin America“ soll Aufmerksamkeit auf die Missstände in der Schokoladenindustrie lenken und ein Zeichen für Nachhaltigkeit setzen. Das vielseitige Angebot stößt bei den Besucher*innen auf Begeisterung. Feststeht: Wir wollen mehr nachhaltige Schokolade! 

In Deutschland allein werden jedes Jahr ungefähr zehn Kilogramm Schokolade pro Kopf konsumiert. Insbesondere in der Weihnachtszeit erlebt die deutsche Schokoladenproduktion eine erhöhte Nachfrage: Viele Hersteller*innen bieten spezielle Weihnachtssorten an, um den festlichen Markt zu bedienen. Beliebte Produkte sind Adventskalender, Schokoladenfiguren und festlich verzierte Pralinen. Doch wo kommt sie eigentlich her – unsere Schokolade?

Der Tübinger Schokoladenmarkt chocolART vor dem Tübinger Rathaus. Bild: Selin Tasdemir

Schokolade aus der ganzen Welt

Wer über den Tübinger Schokoladenmarkt schlendert, erkennt Stände aus den unterschiedlichsten Ländern dieser Erde: Nicht nur italienische und schweizerische Aussteller*innen sind vor Ort – auch englische, polnische, französische und deutsche Anbieter*innen sind Teil des chocolART Festivals. Die Vielfalt der Geschmacksrichtungen und handgefertigten Schokoladenkreationen zieht Besucher*innen aus aller Welt an. Der Markt bietet eine einzigartige Gelegenheit, die reiche kulturelle Palette der Schokoladenwelt zu entdecken und die kulinarischen Einflüsse verschiedener Länder zu genießen.

Die lateinamerikanischen Stände präsentierten stolz ihre einzigartigen Schokoladensorten, die oft von der reichen Kakaoernte der Region geprägt sind. Von den intensiven Aromen ecuadorianischer Schokolade bei Kallari Futuro bis zu den subtilen Nuancen der guatemaltekischen Kakaonibs bei Cielito, bietet jeder Stand eine faszinierende Reise durch die Geschmacksvielfalt Lateinamerikas. Die Verbindung zwischen Schokolade und lateinamerikanischer Kultur wird hier lebendig und die Besucher haben die Chance, in die authentischen Geschmackserlebnisse dieser faszinierenden Schokoladentradition einzutauchen.

„The Chocolate Way“ – Nachhaltigkeit und faire Preise in der Schokoladenbranche

Das Tübinger Schoko-Festival wird in Zusammenarbeit mit The Chocolate Way von der Tübingen Erleben GmbH organisiert. Die europäische Organisation The Chocolate Way setzt sich für nachhaltigen Kakaoanbau und faire Handelspraktiken in der Schokoladenindustrie ein. Ihr Ziel ist es, die Lebensbedingungen der Kakaobauern zu verbessern, Umweltauswirkungen zu minimieren und die Qualität des Kakaoanbaus insgesamt zu fördern.

Süße Verantwortung: Schokolade, die nicht nur Umwelt, sondern auch Gaumen erfreut! Bild: Amirali Mirhashemian, Unsplash

„The Colors of Latin America“

Dass die Schokoladenbranche nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen ist und mit viel Kritik zu kämpfen hat, ist kein Geheimnis: Das diesjährige Thema des Festivals, „The Colors of Latin America“, soll nicht nur lateinamerikanische Schokolade zelebrieren, sondern auch auf die Missstände der Schokoladenindustrie in Lateinamerika aufmerksam machen.

Lateinamerika ist für rund 17 Prozent der weltweiten Kakaoernte verantwortlich – doch hinter dem lieblichen Genuss der Schokolade verbirgt sich eine Schattenseite. In vielen kakaoproduzierenden Ländern der Region sind Missstände wie Kinderarbeit, unfaire Arbeitsbedingungen und niedrige Einkommen für die Kakaobauern weitverbreitet. So erhielten Kakaobauern in Lateinamerika laut Fair-Trade-International im Jahr 2020 durchschnittlich nur etwa 24 Prozent des Endpreises von Schokolade. Für viele bedeutet dieser geringe Anteil am Endpreis des Produkts ein Leben in Armut und wirtschaftlicher Unsicherheit. Neue Konzepte und nachhaltige Lösungen sind daher dringend notwendig.

Kallari Futuro – mehr Rechte und Geld für Kakaobauern

Kallari Futuro war eines der Unternehmen auf dem chocolART Festival, das Lösungsansätze bieten kann: Das Schokoladengeschäft wurde 2012 in Tübingen gegründet und widmet sich dem fairen und direkten Handel mit der Genossenschaft Kallari und anderen kleinen Initiativen aus dem Amazonasgebiet. Das Ziel von Kallari Futuro ist es, kleine Erzeuger insbesondere aus indigenen Völkern in der direkten Vermarktung ihrer Produkte zu fördern und einen bedeutenden Beitrag zur Erhaltung von Artenvielfalt, Kultur und Tradition zu leisten. Durch den fairen und direkten Handel mit diesen Erzeugern, möchte Kallari Futuro eine Brücke zwischen ihren Kunden, der beeindruckenden Natur Südamerikas sowie der traditionellen Lebensweise der indigenen Völker bauen.

„Für mich ist wichtig, dass wir einerseits kontemporäre Lebensweisen kennen, aber andererseits unsere Traditionen bewahren. Vor allem die Ausbildung der neuen Generationen in den Gemeinden liegt mir am Herzen.“

Raquel Cayap Tapuy, Gründerin von Kallari Futuro

Der zuckersüße Geschmack von Nachhaltigkeit

Ein weiteres drängendes Thema ist die Nachhaltigkeit des Kakaoanbaus: Die steigende Nachfrage nach Schokolade führt zu verstärkter Landnutzung, was wiederum Entwaldung und andere ökologische Auswirkungen zur Folge hat. Zudem belastet auch der Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln die Umwelt. Laut einem Bericht der WWF wurden zwischen 1998 und 2008 global zwischen zwei und drei Millionen Hektar Wald vernichtet.

Nachhaltiger Genuss: Die steigende Nachfrage nach Schokolade führt zur Entwaldung. Bild: Monika Guzikowska, Unsplash

Auch Kallari Futuro setzt sich für den Erhalt der Natur ein, indem es Projekte zur Aufforstung unterstützt. Das Unternehmen fordert traditionell nachhaltige Anbaumethoden, wie den Aufbau von Chakras: Chakras sind kleine Flächen im Amazonasgebiet, auf denen Kichwa-Familien traditionell Produkte anbauen, um sich selbst zu versorgen. Später werden dort für kommerzielle Zwecke Kakao oder Guayusa angebaut. Diese Anbaumethode hat sich über Generationen bewährt und trägt zum Erhalt des Regenwaldes und der Artenvielfalt bei. Die Chakras dienen als natürliche Waldgärten, die ein stabiles Ökosystem bilden und die Vielfalt der lokalen Arten abbilden. Durch den nachhaltigen und ökologischen Anbau im Einklang mit dem natürlichen Ökosystem wird die Altenvielfalt im Amazonasgebiet somit erhalten und gefördert.

Jährlich grüßt der Schokoladenmarkt

Mit weihnachtlichem Konsum und dem Streben nach nachhaltiger Schokolade im Fokus entfaltet das Schokoladenfestival in Tübingen eine faszinierende Welt der Aromen und kulturellen Verbindungen. Die Vielfalt der Stände, von lateinamerikanischer Intensität bis zur zarten Versuchung der italienischen Cantucci, spiegelt die globale Reichhaltigkeit der Schokoladentradition wider. Inmitten der wunderschönen Tübinger Altstadt wird nicht nur der Gaumen, sondern auch der Sinn für die Missstände in der Kakaoindustrie sensibilisiert. Ein Bewusstsein für nachhaltige Praktiken wird geweckt, während der Duft von Glühwein die festliche Stimmung unterstreicht.

Als Besucher*innen warten wir gespannt auf das nächste Jahr, wenn die Entscheidung zwischen English Fudge und einer heißen Schokolade mit Schuss erneut ansteht. Doch Vorsicht vor der wärmenden Köstlichkeit! Bei so vielen Menschen kann sie schnell mal auf euren Schuhen landen …

Beitragsbild: Rodrigo Flores, Unsplash

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2 Kommentare

  1. Katja says:

    Schöner Beitrag, der eine tiefere Einsicht in das “Schokoleben” gibt, die über das Essen hinaus geht. Finde auch gut, dass viel über die Produktion geredet wurde, statt den Weihnachtsmarkt einfach nur gut zu reden! Gerne mehr von Selin!

  2. Sarah says:

    Top Beitrag! Erläutert nicht nur die „schönen“ Seiten. Gerne mehr davon

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