Film Kultur

Fliegender Reis und Lederröcke – Ein Abend voller Rocky Horror im Arsenal

“I would like, if I may, to take you on a strange journey”, beginnt der Erzähler mit ruhiger
Stimme. Es ist der Start einer Geschichte, die so schnell niemand wieder vergisst. Eine
Geschichte, die selbst nach mehr als 40 Jahren in den Kinos gezeigt wird und tausende
Menschen in ihren Bann zieht. Es geht um sexuelle Freiheit, Genderrollen und Identität,
gepaart mit Glitzer, Strapsen und überirdisch guter Musik. Die Kupferblau besuchte die
letzte Aufführung der „Rocky Horror Picture Show“ im Kino Arsenal.

Herzförmige Lollis

Am 27. Oktober sammelten sich gegen 20 Uhr kleine Grüppchen an Menschen vor den Türen
des Arsenals, um auf den Einlass ins Kino zu warten. Alle 6 Monate wird die Rocky Horror
Picture Show im Arsenal Kino gezeigt, und jedes Mal kommen begeisterte Fans zusammen,
um den Kultfilm gemeinsam aufs Neue zu schauen. Im Jahr 1975 wurde der Film zum Musical
The Rocky Horror Show von Richard O`Brian das erste Mal auf die Leinwand gebracht.

Die Stimmung der Menschen ist ausgelassen und die Vorfreude steht vielen ins Gesicht
geschrieben. Der Kneipenraum vor dem Kinosaal ist bereits mit Halloween-Dekoration
behangen, es gibt Süßigkeiten in Form von Vampirzähnen und eine Maschine sorgt für
schaurige Nebelschwaben. Die Leute schauen sich gespannt nach den besten Verkleidungen
um, denn es gibt einen Kostümwettbewerb und viele Fans haben sich in Schale geschmissen.
Es gibt viele Outfits zu bestaunen, von dunkelroten Lippen und schwarzgeschminkten Augen,
bis hin zu Lederröcken, Strapsen und Korsetts.

Rocky Horror Picture Show
Mit Herzlolli im Mund: Kinogäste warten gespannt auf den Filmstart. Foto: Kim Lea Buss

Die Türen werden geöffnet und der Saal füllt sich bis in die hintersten Reihen. Teile des
Personals laufen durch die Reihen und verteilen Mitmach-Tüten, denn es ist keinesfalls ein
normaler Filmbesuch. Im Laufe der Jahre ist ein großer Kult um den Film entstanden und dazu
gehört die aktive Beteiligung des Publikums in bestimmten Szenen und eben auch die
Verkleidungen. Es wird Reis und Klopapier geworfen, Charaktere werden ausgebuht und ganze
Musical-Abschnitte mitgetanzt. Vor allem für neue Zuschauer ist es ein aufregendes Spektakel.

Bevor der Film allerdings überhaupt startete, wurden die Zuschauer vom Arsenal herzlich
willkommen geheißen. Das Kino zeigt die Rocky Horror Picture Show bereits seit 2018 zwei
Mal jährlich und ist auch abgesehen davon zu einer Stätte der queeren Community in Tübingen
geworden. Die Veranstalter arbeiten auch mit der AIDS-Hilfe zusammen, um deren
Aufklärungsarbeit und wichtige Hilfeleistungen sichtbarer zu machen. So wurden Info-Flyer,
Postkarten mit Sprüchen, wie „Kein Grund rot zu werden!“, und herzförmige Lollis verteilt. Da
das Arsenal Kino im neuen Jahr umziehen muss, war diesen Freitag leider die letzte Aufführung
des Kultfilms zu bestaunen.

„Don’t dream it, be it …“

Das Musical und der Film haben über die Jahre vor allem die queere Community angesprochen
und mitgerissen. Die Charaktere Brian und Janet stellen ein untadeliges Paar dar und stehen für
eine Gesellschaft, in der man sich an die allgemein bekannten Normen hält. Die beiden werden
wortwörtlich in eine andere Welt geworfen, jedenfalls in ein Haus mit Kreaturen einer anderen
Galaxie. Dr. Frank-N-Furter und seine Dienerschaft kommen aus der Galaxie Transylvania,
vom Planeten Transsexual. Die schrillen Charaktere stellen eine Realität dar, in der sexuelle
Freiheit ausgelebt wird und die eigene Identität an keine Normen gebunden ist.

Rocky Horror Picture Show
Brian und Janet auf dem Weg zur Gruselvilla. Das Publikum macht sie nach. Foto: Lena Schulz

Auf der Leinwand des Kinosaals war anfangs ein Bild des Hauptdarstellers Dr. Furter zu sehen,
wie er zwischen den knallrot geschminkten Lippen eines Mundes liegt, als wäre es sein
Wohnzimmersessel, darunter steht: ‚give yourselve over to absolute pleasure‘. Diese Zeile
greift die Lust und Sinnlichkeit auf, die auf der Leinwand überspitzt hervorgehoben wird.
Dahinter steckt ein großer Traum, der von verbotenem Verlangen und der Sehnsucht handelt,
ein Leben zu führen, das der Rest der Welt verpönt. So stehen die Zeilen „don`t dream it, be it“
für die Auflehnung gegen Unterdrückung seiner eigenen Identität.

Leider gab es ab der Hälfte der Vorstellung technische Probleme, wodurch der Film mehrere Male unterbrochen werden musste. Da sich das Problem nicht hatte lösen lassen und die zweite Hälfte der Vorstellung nicht so reibungslos ablief, wie erhofft, war die Stimmung einiger Zuschauer nicht durchweg positiv. Die meisten Besucher allerdings verlassen den Kinosaal mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht, beeindruckt von den Eindrücken der vergangenen 100 Minuten. Es scheint fast komisch in die
normale Welt zurückzukehren, die Bilder sitzen tief und die Musik hallt in den Köpfen nach.
Speziell die letzten Zeilen des Erzählers geistern in Gedanken noch lange umher: „And
crawling, on the planet’s face, some insects, called the human race. Lost in time, and lost in
space… and meaning.”

 

Beitragsbild: Jana Svetlolobov
Anmerkung: Das Beitragsbild zeigt das Kino Arsenal, jedoch nicht zum Zeitpunkt der oben dargestellten Filmvorführung.

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