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Von Suiten und Sinfonien – Klangvielfalt beim Sommerkonzert der Tübinger Studentenphilharmonie

Am vergangenen Donnerstag fand das Sommerkonzert der Tübinger Studentenphilharmonie im Festsaal der Neuen Aula statt. Mit sanften Klängen und bewegten Melodien lässt das Orchester seine Zuhörer für kurze Zeit den Alltag vergessen und setzt ein Zeichen für musikalische Gemeinschaft.

Bereits eine halbe Stunde vor Konzertbeginn herrscht reger Andrang vor und in dem Festsaal der Neuen Aula. Grund dafür ist ein Event, das sich halbjährlich immer zum Semesterabschluss wiederholt: die Studentenphilharmonie Tübingen präsentiert heute Abend drei Stücke, welche gemeinsam in den letzten Wochen und Monaten einstudiert wurden. Unter die wartenden Besucher*innen mischen sich elegant in schwarz gekleidete Personen und man kann erahnen, dass es sich hierbei um die Musiker*innen handeln muss. Pünktlich zur akademischen Viertelstunde nehmen wir um 20 c.t. unsere Plätze ein.

Der erste große Auftakt für Ioannis Boyatzis

Noch ist die Bühne leer, erwartungsvoll stehen Großinstrumente wie Kontrabässe, die Harfe oder das Schlagwerk bereit. Als die Musiker*innen sich schließlich setzen, erklingt zuerst ein Stimmton des Konzertmeisters Sebastian Fetzer, woran sich das gesamte Orchester anschließt. Unter Applaus nimmt der Dirigent Symeon Ioannidis vor seinem Pult Stellung, hält eine kurze Ansprache zur Charakterisierung der ersten beiden Stücke und dann beginnt auch schon das eigentliche Konzert. Generell wird sich heute Abend nicht an großen Reden aufgehalten, Wesentliches wird zu den Stücken gesagt und eine ausführliche Programmbeschreibung ist gegeben – zum Sprechen wird die Musik genutzt, sie steht völlig im Mittelpunkt.

Der Auftakt des Abends ist bereits ein Highlight, denn es wird zum ersten Mal überhaupt das Stück eines jungen Komponisten vertont. Ioannis Boyatzis (*2001) ist mit seinem Werk „The Hidden Path – for orchestra“ Preisträger des Philharmonie Kompositionspreises, dabei wird das Gewinnerstück dieses Wettbewerbs immer von der Studentenphilharmonie (StudPhil) uraufgeführt. Den Zuhörer*innen wird nun ein Kompositum zweier völlig konträrer Grundideen geboten: Boyatzis spielt in seiner Musik mit schnellen und enthusiastischen Läufen, denen statische und strenge Melodien gegenüberstehen. In seinem Stück wird Abenteuerliches und Ruhiges in eine wunderbare Einheit gewoben.

Rechts im Bild: Ioannis Boyatzis mit Urkunde. ©Daniel Spülbeck

Sehnsuchtsvolle Klänge im ganzen Raum

Mit der „Dodekanesischen Suite Nr. 1“ des griechischen Komponisten Yannis Constantinidis (1903-1984) wird das zweite Stück des Abends präsentiert. Doch davor tritt auf der Bühne eine kurze Unruhe ein, Stühle werden gerückt und in der Mitte der Musiker wird Platz geschaffen für den Violinisten Antonis Sousamoglou. Er ist nicht nur Solist, sondern auch Arrangeur des folgenden Werkes und schrieb der Dodekanesischen Suite eine eigene Stimme für die Solo-Geige ein, deren Notentext er heute Abend hingabevoll lebendig werden lässt. Sanft untermauert das Orchester die zarten Töne des Solisten und lässt die Zuhörer*innen an einer ganz besonderen musikalischen Intensität teilhaben.

V.r.n.l.: Solist Antonis Sousamoglou und Konzertmeister Sebastian Fetzer genießen ihren Applaus. ©Daniel Spülbeck

Der Titan des Abends

Nach einer kurzen Pause mit erfrischenden Getränken und kleinen Snacks sind die Zuhörer*innen und Musiker*innen bereit für den krönenden Abschluss. Die „1. Sinfonie in D-Dur“ von Gustav Mahler (1860-1911) trägt den Beinamen „Titan“ und dieser Titel ist Programm. Knapp eine Stunde und eine umfangreiche Besetzung verschiedener Instrumente umfasst die in vier Sätze gegliederte Sinfonie. Mit Mahlers Werk erzählt das Orchester eine Geschichte, dabei präsentieren sie eine maximale Klangvielfalt, in der die einzelnen Instrumentenregister auf ihre Kosten kommen. Seien es Taktphasen, in denen nur eine einzelne Oboe spielt oder die Gruppe zu einem wogenden Fortissimo ansetzt, Tonqualität und Emotion soll auf direktem Weg die Zuhörerschaft erreichen. Dazu greifen die Musiker*innen zu allen Mitteln und verlassen, um den Klang einer entfernten Trompetenfanfahre zu simulieren, auch gerne einmal den Raum und spielen ihre Einwürfe von Außerhalb. Diese Motivation zieht sich bis zum feierlichen Finale des Konzertes durch. Als die letzten Takte eingeleitet werden, stehen die sieben Hornist*innen auf und erheben ihre hymnenartige Melodie über das brausende restliche Orchester. Die Studentenphilharmonie bietet damit ein wirkungsvolles Schlussbild und empfängt jubelnden Applaus.

Mehr als nur ein Orchester

Die StudPhil ist eine Familie.

– Chefdirigent Symeon Ioannidis 

Dass die Philharmonie mehr als ein bloßes Zusammenkommen mehrerer Musiker*innen ist, betont der Chefdirigent gleich zu Beginn des Konzertes. Symeon Ioannidis feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Jubiläum bei der Tübinger Studentenphilharmonie und hebt in seinem einleitenden Grußwort die außergewöhnliche Zusammenstellung des Orchesters hervor. Unter den knapp 80 Musiker*innen befinden sich einige Ehemalige, die sich anlässlich des Programms bereiterklärten auszuhelfen. Denn nur so ist die Umsetzung von Titelgrößen wie Mahlers Sinfonie in der Form möglich, wie es dem Dirigenten vorschwebt. Maßgebend ist dabei die Besetzung einzelner Instrumentengruppen, die mit mehr Personen leichter zu stemmen ist. Gemeinsam wird das Orchester im August eine Konzertreise nach Griechenland unternehmen, in der sie ihre einstudierten Stücke nochmals darbieten.

Als der Abbau auf der Bühne schon begonnen hat, erhalte ich die Möglichkeit mich kurz mit Yunhe Zhao zu unterhalten. Yunhe ist Promotionsstudent und schon seit einigen Jahren Mitglied der StudPhil, er bereicherte die Aufführung durch sein Können an der Klarinette und der Bassklarinette. Seine Antwort auf meine Frage, was ihn so lange bei der Philharmonie hält, ist klar: die Orchestererfahrung gekoppelt mit dem guten Musikgefühl des Dirigenten. Ihm bereitet die Kooperation mit anderen Instrumentengruppen Freude und das ist es, was musikalische Gemeinschaft ausmacht – Zusammenarbeit. Es geht letztlich nicht darum, wer am lautesten oder besten spielt, sondern darum, jedem Register seinen Platz zu bieten. Jeder soll gehört werden und dazu muss man miteinander spielen. Musik zeigt einmal mehr, dass durch sie nicht nur Gefühle und Emotionen erzeugt werden, sondern dass durch sie insbesondere auch Achtsamkeit ausgedrückt werden kann.

Das Orchester nach Beendigung ihres Konzerts. ©Daniel Spülbeck

Falls Du Lust bekommen hast, dir die Tübinger Studentenphilharmonie etwas genauer anzuschauen, gelangst du hier zur Website. Es werden beständig neue Mitspieler*innen gesucht und ein vorläufiges Programm für das nächste Semester ist ebenfalls einsehbar.

Beitragsbild: Daniel Spülbeck

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