Kultur Theater

Opa auf Dreirad, Bananenbrot und die große Katastrophe

„Wenn du nicht wachsen wirst: lebe nicht.“ Die Theatergruppe Scenario inszeniert ein tiefgründiges und lustiges Stück über das Altern und nukleare Katastrophen.

Drei alte Bekannte und ein Schlag auf die Nase. Blutrünstig beginnt die Dramödie „Altlasten“. Nach 28 Jahren besucht Atomphysikerin Rosa zwei ehemalige Kolleg*innen, das Ehepaar Heidi und Martin, an der deutschen Nordsee. Heidi, die Rosa erst für einen Einbrecher hält, verpasst ihr zum Auftakt eine blutige Nase. Dann folgt der übliche Höflichkeitsschnack à la „Wie geht’s den Kindern?“, „Was macht die Gesundheit?“, „Wirklich schönes Wetter heute!“. Doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm: Nach und nach kommen eine alte Affäre, Konflikte und ein wortwörtlicher Super-GAU zum Vorschein. Und es stellt sich die Frage: Aus welchem Grund ist Rosa eigentlich gekommen?

Geigerzähler und Wasserspender

„Kein Wasser aus dem Wasserhahn, nehme ich an?“, fragt Rosa und läuft zum Wasserspender. Martin fährt das Dreirad, das er von draußen für seinen Enkel mitgebracht hat, erstmal mit einem seltsamen kleinen Gerät ab. Fazit: „Es ist sicher.“ Und Heidi erinnert sich, dass sie dabei war, Bananenbrot zu backen, als ES passierte. Ganz beiläufig erfährt der Zuschauer, vor welchem Hintergrund das Treffen der drei Protagonist*innen abläuft. ES ist ein Jahrhundertbeben, das die Kühlung des Atomkraftwerkes, in dem Rosa, Heidi und Martin gearbeitet haben, ausfallen lässt. Nach dieser Katastrophe, die einen ganzen Landstrich zum Entwicklungsland macht, verlässt Rosa Deutschland und siedelt in die USA über, während Heidi und Martin an den Rand des Sperrgebietes ziehen. Und jetzt, 28 Jahre später, ist Rosa zurück. Das mysteriöse Gerät, das nicht mehr aus dem Alltag von Heidi und Martin wegzudenken ist: ein Geigerzähler zum Messen radioaktiver Strahlung.

„Alte Schachtel!“ – „Alter Sack!“ Es geht hoch her im Brechtbautheater. Bild: Scenario

Doch auch wenn die nukleare Katastrophe ständiger Begleiter ist in diesem Stück – es geht noch um mehr. Denn nach 28 Jahren ist man nicht mehr ganz jung, sondern schon etwas älter. Martin und Heidi sind das Paradebeispiel für ein plänkelndes, betagtes Ehepaar: Heidi meint, sie würde es schon aushalten, ihren nicht mehr ganz jungen Gatten anzuschauen, wenn sie die Augen nur ganz schmal macht. Martin wiederum spöttelt über die „Dekadenz aus dem Munde seines Weibes“, wenn sie ihm zum Essen Cracker und Salat anbietet. Zwischendurch werden „alter geiler Sack“ und „alte Schachtel“ durch den Raum geworfen. Inmitten dieser lustigen, weil so nahbaren, Szenerie werden dann aber ernstere Töne angeschlagen. Martin fordert seine penibel gesundheitsbewusste Ehefrau auf: „Kannst du nicht mal an etwas anderes, als an deinen Körper denken? Es ist doch alles nur geliehenes Fleisch.“ Eine besondere Situation, alltägliches Geschehen und ein bisschen Philosophie treffen hier aufeinander und entfalten so die volle Schlagkraft des Stückes.

Apokalyptisches Buddelschiff

Der Guardian platziert das Stück der englischen Dramaturgin Lucy Kirkwood auf Rang 3 der 50 besten Theaterstücke seit dem Jahre 2000. Unter dem Titel „The Children“ wurde es 2016 im Londoner Royal Court Theatre uraufgeführt. Für die Produktion der Theatergruppe Scenario übersetzte Regisseur Thomas Rösner das Stück ins Deutsche und übertrug den Handlungsort von der britischen Küste an die Nordsee.

Martin fährt mit dem Dreirad durch die Gegend und sorgt für Lacher zwischen all der Ernsthaftigkeit. Bild: Scenario

Das authentisch eingerichtete Bühnenbild erzeugt die Atmosphäre eines realen Wohnzimmers. Muschelnetz, Buddelschiff und Leuchtturmstatue vervollständigen den Eindruck des norddeutschen Lebensgefühls. Nicht zuletzt der intime Raum des Brechtbautheaters lässt den Zuschauer nah am alltäglichen und doch für den weiteren Lebenslauf der Protagonist*innen so entscheidenden Geschehen teilnehmen. Alle drei Schauspielerinnen können in ihren Rollen voll überzeugen. Besonders Hanna Weiß glänzt als Martin Schwalb und sorgt immer wieder für Lacher – etwa wenn Martin auf dem Dreirad im Wohnzimmer durch die Gegend fährt.

Verpiss dich!

Irgendwann stellt Heidi dann die alles entscheidende Frage:

„Rosa, warum bist du eigentlich da?“

Und die Antwort hat es in sich. Rosa will zurück in das Kraftwerk und dort die notwendigen Überwachungsmaßnahmen übernehmen. Dafür sucht sie ein Team von 20 Leuten über sechzig. Das sieht sie als ihre Verantwortung – sich selbst der gefährlichen Strahlung auszusetzen, um die jungen Menschen zu schützen. Und wie soll es anders sein: 18 Freiwillige haben sich bereits gefunden, zwei fehlen noch. Werden Martin und Heidi diese beiden Plätze besetzen? Immer wieder kommt dieses Motiv der Verantwortung zum Vorschein. Etwa, wenn Martin behauptet, dass Heidi die Pflicht ihren Kindern gegenüber habe, sich irgendwann einmal zu verpissen. Denn das Einzige, was Tochter Laura, die mit 28 immer noch keine Waschmaschine bedienen kann, zwingen wird, erwachsen zu werden, ist, wenn sie aufwacht und ihre Eltern tot sind.

„ROSA HAT IN UNSER KLO GESCHISSEN!“ – mit dieser Aussage erreicht das Stück seinen dramatischen Höhepunkt

Trotz all der Schwere des Stückes, das mit großen Verantwortungsfragen und persönlichen Tragödien umgehen muss, wirkt es nie melodramatisch. Denn klug eingesetzte Komik sorgt für gelungene Auflockerung. Alles kulminiert in einer aberwitzigen Szene, in der die drei in Erinnerung an die guten alten Zeiten zum Hit Sommersprossen der Band UKW tanzen. Plötzlich spricht Heidi vollkommen aufgebracht von Schuld und der Zuschauer meint, dass sie nun endlich die Affäre ihres Mannes mit Rosa anspricht. Doch Fehlanzeige. Das Problem ist: „ROSA HAT IN UNSER KLO GESCHISSEN!“ – trotz eindringlicher Bitte, dies zu unterlassen – und es damit verstopft. Es folgen ein Kuss, eine Ohrfeige und dann spuckt Martin Blut – die Jahrzehnte, die er im Sperrgebiet verbracht hat, haben ihre Spuren hinterlassen.

Namaste

Schlussendlich stimmt Martin zu, Rosa in ihrem Unterfangen zu unterstützen. Heidi weigert sich, bestellt jedoch ein Taxi für die beiden und wird zumindest den ersten Teil der Strecke mitfahren. Ob sie am Ende doch mitkommt? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Die Fassade der Kontrolle ist ihr jedenfalls entglitten. Kirchenglocken, blaues, fast schon unheimliches Licht und ein Yogaflow lassen das Stück eindrücklich zu einem großen Finale kommen. 

Beitragsbild: Scenario

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