Kultur

Hälfte des Lebens – Ein Besuch der Dauerausstellung im Hölderlinturm

Wir alle kennen ihn: den Dichter Friedrich Hölderlin. Wenn nicht aus der Schule, dann spätestens nach einem Besuch in Tübingen. Überall machen Plakate auf den berühmten Dichter aufmerksam. Und wenn man schon einmal über die Neckarinsel geschlendert ist, dann weiß man auch vom Hölderlinturm, welcher als Wahrzeichen der Stadt sogar im städtischen Logo zu finden ist. Doch wer steckt hinter der Persönlichkeit Hölderlin? Und was verrät der Turm über seinen einstigen Bewohner?

Um dies zu erfahren, habe ich an der Sonntagsführung teilgenommen, welche jeden ersten und dritten  Sonntag des Monats angeboten wird.

Überrascht blicke ich mich um, als ich die kleine hölzerne Tür der Bursagasse 6 öffne: Ein schmaler, lichtdurchfluteter Gang empfängt mich und ist so ziemlich das Gegenteil dessen, wie ich mir das Innere des Hölderlinturms vorgestellt habe. Statt eines maroden Altbaus sind die Wände in einem frischen Weiß gestrichen und verleihen dem ganzen Museum somit einen modernen Eindruck.

Die Geschichte des Hölderlinturms

Zu Beginn der Führung erfahre ich, dass sich das Aussehen des Hölderlinturms nicht nur aufgrund der Sanierung verändert hat, die 2020 beendet wurde: Der zuvor fünfeckige Turm hat heute eine runde Form, da er 1875 – drei Jahrzehnte nach dem Tod Hölderlins – völlig niederbrannte und im Folgejahr neu aufgebaut wurde. Somit ist nur noch die Natur um den Turm herum Zeuge von dem, was Hölderlin einst umgeben hat.

Bei dieser Schilderung stehen wir in einem kleinen Raum mit Fenstern, deren Lichteinfall durch einen hölzernen Bogen, mit Informationen zu Hölderlins Leben, abgedämpft wird. Dies hat einen Grund: Einst gehörte der Hölderlinturm Ernst Zimmer, einem Schreiner, dessen Werkstatt sich in eben diesem Raum befand. Was heute große Fenster sind, waren damals nur Schießscharten. Durch die Lichtdämpfung soll der Eindruck, wie Zimmer den Raum seinerzeit erlebt haben muss, aufgefangen werden.

Die ehemalige Werkstatt von Ernst Zimmer. Bild: Franziska Weiss

Fortlaufend erhalten wir einen Überblick über Hölderlins Leben, wie zum Beispiel über seine Krankenakte und über die Geschichte des Turms. Interessant ist vor allem, dass der Turm, nachdem Zimmers Tochter Lotte das Gebäude verkaufen musste, von seinem neuen Besitzer Carl Friedrich Eberhardt in eine Tübinger Badeanstalt umgebaut worden war. Bei heutiger Betrachtung des Raumes, kann man sich das gar nicht mehr vorstellen und so verweist nur noch der Überrest einer steinernen Rinne, die im Nebenzimmer im Boden eingelassen ist, auf die Badeanstalt.

Als wir den schmalen Flur betreten, um unseren Weg durch den Turm fortzusetzen, laufen wir an einem großen symbolisierten Metronom vorbei, welches an der Wand schwingt. Diese Erfindung war in Hölderlins Leben von großer Bedeutung, da ihm der Rhythmus seiner Lyrik sehr wichtig gewesen ist.

Anschließend führt eine kleine Wendeltreppe in das obere Geschoss, in dem die Familie Zimmer sowie Hölderlin und zwischenzeitlich auch zwei Studenten gelebt hatten. Bevor man die Treppe erklimmt, verweist ein grüner Schriftzug an der Wand auf eins von Hölderlins bekanntesten Gedichten: „Hälfte des Lebens“. Auch wenn er das Gedicht drei Jahre bevor er in den Turm zog, fertigstellte, scheint es ein mehr als passender Titel für den Weg ins erste Obergeschoss. Schließlich verbrachte Hölderlin tatsächlich die zweite Hälfte seines Lebens im Turm, welche oben genauer thematisiert wird. Dennoch bleibt auch seine Zeit als Student, die er ebenfalls in Tübingen verbrachte, nicht unerwähnt.

Hölderlins Gedicht “Hälfte des Lebens” begleitet die Besucher*innen ins erste Obergeschoss. Bild: Franziska Weiss

Hölderlins erste Lebenshälfte

Der kleine Raum, den wir im ersten Obergeschoss zuerst betreten, erzählt von Hölderlins Studentenleben. Genauer gesagt von seinem Leben am Tübinger Stift. Hier traf Hölderlin auch auf seine beiden Freunde aus der Philosophie: Hegel und Schelling. Doch auch die Namen weiterer Freunde des Künstlers tauchen auf: Neuffer und Magenau. Es sind diese beiden, mit denen sich Hölderlin regelmäßig traf und diskutierte. Aus diesen Diskussionen nahmen sie Themen mit, über welche sie bis zum nächsten Treffen schrieben.

Hölderlin – Ein erfolgloser Dichter?

Auch wenn Hölderlin einer der bekanntesten deutschen Dichter ist, sind von seinen Werken nur wenige erhalten. Nur 48 Gedichte wurden überliefert. Es ist allerdings davon auszugehen, dass es noch mehr waren, da viele verloren gingen und heute nicht mehr auffindbar sind.

Einige seiner Aufzeichnungen werden in einem Raum als Faksimiles aufbewahrt, die von den Besucher*innen begutachtet werden können. Außerdem steht ein Sprachlabor zur Verfügung, in denen Metren aufgelistet werden und in welchem die Besucher*innen selbst mit Gedichten und Wortschnipseln herumexperimentieren können. Mithilfe von Audioguides können sich alle selbst ein Bild davon machen, wie die Gedichte Hölderlins vorgetragen werden.

Das Turmzimmer und Virtual Reality

Kurze Zeit später betreten wir den Raum, in dem Hölderlin gelebt hat: das Turmzimmer. Auch wenn dieses so, wie der Großteil des Gebäudes, nur rekonstruiert ist. Ein kleiner hölzerner Tisch ziert die Mitte des Raumes. Es ist das einzige Möbelstück des Museums, das originalgetreu nachgebaut werden konnte, da der originale Tisch Hölderlins tatsächlich noch erhalten ist. Er befindet sich allerdings nach wie vor im Besitz der Familie Zimmer und dient nicht zu Ausstellungszwecken. Nur zur Rekonstruktion des Tisches ist das Original kurze Zeit außer Haus gegeben worden.

Hölderlins Tisch, auf welchem er die Rhythmen seiner Gedichte klopfte. Bild: Franziska Weiss

Auch von den zu Lebzeiten Hölderlins fünf Fenstern sind im Neubau des Turms nur drei wieder gebaut worden. Und auch der Ausblick, der sich damals vor seinen Augen erstreckt hatte, ist mit dem heutigen nicht zu vergleichen. Schließlich sind die damals kleinen Pflanzen heute hochgewachsen. Wenn man bedenkt, dass Hölderlin aus seinem Fenster bis zur Alb sehen konnte, können wir uns heute nur schwer vorstellen, wie die Umgebung seinerzeit ausgesehen hat – dank Virtual Reality müssen wir das jedoch auch nicht.

Im zweiten Obergeschoss des Museums können sich die Besucher*innen durch die 3D-Ansicht selbst ein Bild von Hölderlins damaligem Zimmer und seinem Ausblick in die Natur machen. Durch historische Aufzeichnungen wurde versucht, Hölderlins damalige Perspektive aus dem Turmzimmer möglichst originalgetreu darzustellen. Das war zugegebenermaßen mein persönliches Highlight und ist wirklich sehr zu empfehlen.

Mein Selbstversuch ein Fenster, im virtuellen Turmzimmer Hölderlins, zu öffnen. Bild: Franziska Weiss

Mein Fazit

Abschließend lässt sich sagen, dass ich von der Ausstellung positiv überrascht wurde, da ich sie mir anders vorgestellt hatte. Das Museum verfügt über vielerlei Gadgets und mit Virtual Reality hätte ich wirklich nicht gerechnet. Durch Media-Guides ist es den Besucher*innen möglich, etwas tiefer in die Geschichte Hölderlins und die des Turms einzutauchen, wobei sie sich bei einigen Stationen, wie dem Sprachlabor, auch selbst ausprobieren können. Durch Videos mit Gebärdensprache ist die Ausstellung auch auf gesellschaftliche Randgruppen ausgerichtet.

Ein kleiner Ort, der so viel mehr zu bieten hat, als es von außen scheint. Es ist eine Ausstellung, die man mit allen Sinnen wahrnehmen kann. Und insgesamt lässt sich sagen: Die Dauerausstellung ist definitiv einen Besuch wert.

Hier geht’s zur Webseite des Museums.

Beitragsbild:  Franziska Weiss. 

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1 Kommentar

  1. […] einen Roman. Heute finden sich Spuren des Dichters überall in Tübingen. Man kann zum Beispiel den Hölderlinturm besichtigen, in welchem er während seiner letzten Jahre ein Zimmer bewohnte, Spaziergänger*innen finden eine […]

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