Die Sternenwanderer mit einer Uraufführung im Brechtbautheater: Ein Egoist im ungewöhnlichen Grade – eine Komödie von Eli Winkler über den Gossip am Weimarer Theater, Intrigen und die Frage: Wie intim war Goethe und Schillers Freundschaft wirklich?
Weimar im Jahre 1801. Schriftsteller August von Kotzebue ist aus Russland nach Weimar zurückgekehrt, um dort die Aufführung eines seiner Stücke am Weimarer Theater zu besuchen. Zusätzlich möchte er sich mit Friedrich Schiller gutstellen und lädt diesen zu einer Abendrunde ein zum Thema Zensur und Kunst am Theater. Schnell wird klar: Kotzebue möchte mit Schiller einen Verbündeten gegen Goethe gewinnen, der zurzeit Direktor am Weimarer Theater ist und von dem Kotzebue seine Stücke zu ungerecht zensiert findet.
Doch Schiller fällt Goethe nicht in den Rücken und die Situation eskaliert, sodass Kotzebue Goethe verbietet, seine Stücke am Theater zu spielen. Das stürzt Goethe und das Weimarer Theater in eine Krise und befördert Schiller weiter zwischen die Stühle, da Kotzebue weiterhin nicht davon ablässt, Schiller für sich gewinnen zu wollen. Er schmiedet den Plan, eine Feier zu Ehren Schillers ausrichten zu lassen, was diesem unangenehm ist und schlussendlich durch Intrigen von Goethe vereitelt wird.

Gossip und Intrigen – historisch akkurat!
Das Weimarer Theater ist durchzogen von Intrigen und alle zerreißen sich hinterrücks das Maul darüber. Heutzutage würde man wohl sagen: Alle teilen den neusten Gossip und der Beef zwischen den Dichter-Egos ist der neuste Shit, der unter den Girls weitergegeben wird.
Bei solchen Geschichten rund um den Kampf um Macht und Einfluss liegt es nahe, zu vermuten, dass es sich hierbei um eine von Autor Eli Winkler ausgedachte und überspitzte Darstellung der Ereignisse handelt. Doch das Stück macht klar: Viele von den auf der Bühne gezeigten Szenen sind wirklich so passiert. Das ‚historisch akkurat‘-Schild, das auch für kleine Lacher sorgte, kennzeichnete für das Publikum, welche Szenen direkte Zitate aus Briefen oder anderen Aufzeichnungen darstellten. Eine Maßnahme, die das Publikum darüber staunen lässt, wie die Figuren wirklich übereinander gedacht haben.
Die Widersacher Goethe und Kotzebue
Goethe und Kotzebue sind in dem Stück nicht nur Gegenspieler, sondern wahrlich Kontrastfiguren. In ihren Positionen dazu, was Theater ist und wie viel Zensur beziehungsweise Bearbeitung von Stücken erlaubt sein sollte, unterscheiden sie sich grundlegend. An ihnen zeigt sich zudem eine Stärke, aber auch eine Schwäche des Stückes.

Beide Figuren sind mit ihrer überheblichen, intriganten Art eher für einen Lacher gut als dass sie wie Schiller oder Hölderlin um den Platz des Publikumslieblings konkurrieren könnten. Kotzebue wirkt meist überheblich, arrogant, laut, ein wenig bösartig intrigant. Aber als sein Plan vom großen Schillerfest durch Goethe durchkreuzt wird und er der Realität gegenübersteht, nun alles absagen zu müssen und der Demütigung entgegenzutreten, sieht man ihn klein, geknickt, fast traurig. Teya Rohner spielt Kotzbue mit viel Feingefühl und gutem Gespür für Komik.
Versteckte Goethe-Kritik?
Goethe hingegen ist eine der Figuren, die dank ihrer übertriebenen Stimmung und ihres charakterlichen Wiedererkennungswerts besonders komisch wirkt. Eine Stärke des Stücks, da oft lustige Momente durch Referenzen anderer Figuren auf genau diese starken Emotionen und Eigenarten entstehen. Die Rolle wird durch Maruscha Winkler auch höchst komisch und beeindruckend umgesetzt. Auf der anderen Seite verliert die Komödie dadurch etwas an Tiefe. Goethe ist schlichtweg immer am Wein trinken, mürrisch, zynisch oder passiv-aggressiv. Egal, ob er gerade in seiner Abendsalon-Runde sitzt, am Theater die Schauspieler rundmacht oder sich über die missglückte Aufführung des Stückes von Schlegel in Rage redet.

Bis auf die Schlussszene, in der er merklich wärmer gegenüber Hölderlin wirkt, und vereinzelte kleine Momente mit Schiller verharrt Goethe durchgehend in dieser Stimmung. Im Vergleich mit Schiller und Hölderlin kommt er dadurch äußerst schlecht weg. Auch wenn man ihn mit Kotzebue vergleicht, wirkt er unsympathischer, da ihm die menschlichen Momente der Schwäche und des Eingeständnisses fehlen. Ob sich dahinter wohl eine Goethe-Kritik des Autors versteckt? Man könnte es fast vermuten.
Schiller – die wahre Hauptfigur
Auch wenn man das Stück zunächst als Blick auf die beiden großen Schriftsteller der Weimarer Klassik versteht, wird bei näherem Hinsehen klar, dass den Dreh- und Angelpunkt des Stückes tatsächlich ausschließlich Friedrich Schiller bildet. Der an Tuberkulose leidende Dichter gerät zwischen Kotzebue und Goethe, lockt Friedrich Hölderlin nach Thüringen und das Publikum sieht ihn auch privat mit seiner Frau. Dank vieler lustiger Szenen, seiner bescheidenen und harmoniebedürftigen Art wird ‚Fritz‘, wie ihn seine Frau liebevoll nennt, schnell zum Publikumsliebling.

Bild: Schall und Schiller
Als Schiller Goethe danach fragt, wann er denn nun endlich seinen Faust fertig hätte, ist die Stimmung auf einmal schlagartig gedrückt. Schillers Krankheitsleiden wird in dem Stück oft für lustige Momente genutzt, aber an dieser Stelle wird allen im Zuschauerraum die Tragik dieser vor Augen gehalten. Denn Schiller sollte den Faust nie zu lesen bekommen. Er starb 1805, drei Jahre bevor Goethe den ersten Teil fertigstellte.
„Hölderlin hat mich tatsächlich besucht. Ich musste feststellen, er ist wirklich liebenswürdig und mit Bescheidenheit, ja mit Ängstlichkeit offen.“ – Goethe in der Schlussszene über Hölderlin
Benni Suchalla brilliert in der Rolle Friedrich Schillers und bringt das Publikum wiederholte Male zum Lachen und an einer Stelle womöglich auch ein bisschen zum Weinen. Schlussendlich kann man das Bild, das Eli Winkler in seinem Stück von Schiller zeichnet, nur liebgewinnen.
Fan-Service – Hölderlin in Weimar
„Nicht noch ein Friedrich aus Schwaben!“, so Goethes Reaktion, als Schiller ihm von Hölderlins baldigem Besuch erzählt. Eine Aussage, die der Schriftsteller zwar so wohl nicht getätigt hätte, doch ganz zur Freude des Publikums geschah. Dieses darf einen jungen Hölderlin erleben, der mit seiner naiven und liebenswürdig Schwäbisch sprechenden Art alle im bis auf den letzten Platz gefüllten Zuschauerraum entzückt.
Ein erfrischender Blick auf den Dichter, der sonst meist nur über seine psychische Krankheit definiert wird. Eine Darstellungsweise, die dem einen oder anderen in Tübingen Lebenden vielleicht auch schon aus den Ohren rauskommt. Trotzdem darf auch ein kleiner Moment seiner psychischen Labilität in diesem Stück nicht fehlen – als Hölderlin, gedrängt von Kotzebue, Schillers Glocke vorliest. Eine von Aschen Dehner exzellent schauspielerisch umgesetzte Szene, in der Hölderlin während seines Monologs immer weiter in den Wahnsinn abrutscht.

History hates lovers!
Wohl kein einziges modernes Stück über Goethe und Schiller lässt dieses Thema unkommentiert: Waren Goethe und Schiller nur enge Vertraute oder hat die Geschichte sie möglicherweise fälschlich nur als „close friends, bеsties, roommates, colleagues, sidekicks, family, good pals, buddies“ abgespeichert, wie es in dem Lied History hates Lovers von der Künstlerin Oublaire zu hören ist? Dieses erklang während der Umbaupausen auf der Bühne in einer Coverversion von Lilith Pauly – eine der wohl schönsten verstecken Anspielungen auf eine mögliche Romanze zwischen den beiden Dichtern, die im Stück verteilt eingestreut sind.
Was das Stück besonders gut macht, ist dass es nie zu einer plumpen Fan-Fiction mutiert. Stattdessen ist das Stück zwar direkt in seinen Anspielungen, diese sind aber so geschickt in die Komik und den natürlichen Fluss der Szenen eingebunden, dass sie den Zuschauern Interpretationsfreiraum lassen. Erst in der Schlussszene wird Eli Winklers Interpretation klar. Das Stück endet mit der Inszenierung einer historisch akkuraten Briefpassage, in der Goethe an Schiller schreibt „und lieben Sie mich“ und beide gemeinsam darauf antworten „es ist nicht einseitig“. Winkler scheint die beiden Dichter als Lovers zu sehen oder zumindest diese Art von Beziehung für möglich zu halten.
Beitragsbild: Schall und Schiller

