Offene Erzählbühne
Kultur

Die Magie der Erzählung – offene Erzählbühne im Café Willi

„Du erzählst, ich erzähle, wir erzählen, das Publikum erzählt“: Nach diesem Motto versammelten sich am vergangenen Montag passionierte Erzähler*innen und aufmerksame Zuhörer*innen zur ersten offenen Erzählbühne des Sommersemesters im Café Willi. Ein Bericht über einen Abend voller schöner Begegnungen, kreativer Geschichten und mitreißender Erzählungen.

Letzter Montag des Monats, 20 Uhr: Langsam füllt sich der Hinterhof des Cafés Willi. Es herrscht eine entspannte, ausgelassene Atmosphäre. Die Stühle und Bänke sind bereits zur Bühne ausgerichtet, auf der an diesem Abend die erste Erzählbühne des Semesters stattfinden wird.

Konzept und Ablauf der Erzählbühne

Marlene ist eine der vier Organisator*innen der Veranstaltung und leitet als Moderatorin durch den Abend. Zu Beginn erklärt sie das Konzept: Die Erzählbühne ist kostenlos und offen für alle. Jede*r soll die Möglichkeit haben, zuzuhören und/ oder eigene Texte vorzutragen. Die Themen sind frei wählbar, sie können real oder fiktiv sein und in Gedicht-, Märchen- oder Anekdotenform vorgestellt werden. Einzige Einschränkung: Es dürfen keine diskriminierenden Stereotype verbreitet werden. Diejenigen, die vortragen möchten, können zu Beginn der Veranstaltung oder in der Pause ihren Namen auf einen Zettel schreiben und in den „Erdbeerhut“ legen. Dann werden die Namen nacheinander aus dem Hut gezogen und geben so die Reihenfolge vor, in der präsentiert wird.

Erzählungen des Abends

Ein erwartungsvolles Schweigen tritt ein, als der erste Erzähler die Bühne betritt. Er erzählt von seinem Auszug von zu Hause und den damit einhergehenden Gefühlen. Außerdem berichtet er auf humorvolle Art und Weise darüber, welche Konsequenzen es auf seine Essroutine hat: aus Kosten- und Zeitgründen verzichtet er auf regelmäßige Mahlzeiten und versucht, den Hunger mit Schlaf zu verdrängen.

Caro berichtet von ihren Assoziationen mit dem Rauch einer E-Zigarette an der Haltestelle. Foto: David Klumpp

Auch die folgenden Geschichten lösen eine breite Palette an Emotionen aus: Es geht unter anderem um die nostalgische Erinnerung an eine erlebte Reise und die Schwierigkeit, wieder zurückzukommen; um die Assoziationen mit dem Rauch einer E-Zigarette an der Haltstelle oder auch um die Reflexion über die eigenen Privilegien während des Essens in einer Gastfamilie in Argentinien nach der naiven Frage, ob es zu den Nudeln auch Sauce gibt. Danach wird von der Trauer über das konstante Be- und Verurteilen und Nicht-Hineinpassen in die Gesellschaft gesprochen. Außerdem blickt eine Erzählerin auf die Arbeit bei einem Künstler zurück, dessen Kunstwerke sie versehentlich entsorgt und mit den Zeichnungen seines Sohnes verwechselt hat.

Besonderheiten der Erzählbühne

Die Geschichten der Vortragenden holen die Zuhörenden für ein paar Stunden aus ihrem Alltag. Sie regen zum Nachdenken an, erweitern die eigene Perspektive, inspirieren, sind nachvollziehbar und zeigen, dass andere Menschen ähnliche Erfahrungen und Gefühle haben, wie man selbst. So gibt es zum Beispiel viel Zustimmung auf die Erzählung über intensive, romantische Begegnungen, bei denen man sich stark verbunden und verstanden fühlt, die dann aber schnell enden und sich herausstellt, dass man nur die Vorstellung von dem, was hätte sein können, idealisiert hat.

Anders als bei einigen Comedy- beziehungsweise Poetry-Slam-Veranstaltungen, bei denen die Texte vom Publikum bewertet und ein*e Gewinner*in ermittelt wird, ist die Erzählbühne nicht kompetitiv. Stattdessen wird allen Vortragenden Wertschätzung entgegengebracht und besonders ihr Mut, sich auf die Bühne zu wagen und ihre Breitschaft, die persönlichen Geschichten, Gedanken und Emotionen zu teilen, bewundert. Marlene berichtet, dass sich das Organisationsteam anfangs Sorgen gemacht hat, dass sich nicht ausreichend Leute zum Vortragen finden würden. Mit der Zeit hätten sich aber immer mehr Personen gemeldet. Allein an diesem Abend wollten über zehn Personen erzählen – so viele, dass manche schon für den nächsten Termin eingetragen wurden.

Der für die Zettel mit den Namen der Erzählenden vorgesehene Erdbeerhut war so gut gefüllt, dass bereits Leute für die nächste Erzählbühne vorgemerkt wurden. Foto: David Klumpp.

Insgesamt war es ein sehr gelungener Abend und Auftakt in die Sommersaison der Erzählbühne. Für alle, die sie auch einmal miterleben oder selbst etwas vortragen möchten: Das nächste Mal findet die Veranstaltung am 27. Mai um 20 Uhr im Café Willi statt. Am 08. Juni um 14 Uhr ist sie darüber hinaus ein Programmpunkt des Münzgassenfests.

Beitragsbild: David Klumpp

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert