Kultur Theater

Shakespeare stürmt durch das Zimmertheater

Drei Schauspieler*innen scheinen zu genügen, um ein Werk von William Shakespeare auf die Bühne zu bringen. Dies bewies die Aufführung von Shakespeares Der Sturm im Tübinger Zimmertheater. Diese radikale Kürzung ist aber bei weitem nicht die einzige Besonderheit der Inszenierung.

Es gibt zahlreiche Darbietungen von Shakespeares Der Sturm (im engl. Original The Tempest). Es ist das letzte große Werk des wohl größten englischen Schriftstellers vom elisabethanischen Zeitalter bis in die heutige Zeit. Und dennoch sticht diese Aufführung durch einige Merkmale besonders hervor. Bereits das Bühnenbild sorgte für Staunen, da dieses gänzlich in Silber gestaltet war.

Nicht nur die Wände, Türen und Geländer, sondern auch die Fenster waren von glänzender Folie bedeckt. Linkszentriert fand sich eine silbrige Rutsche und es wirkte ein wenig so, als wäre ein Kinderspielplatz in Silber getunkt worden. Somit transportierte der Raum schon von Beginn an eine Magie, die sich die Schauspieler*innen des Stückes maßgeblich zu Nutzen machen konnten. 

Der Sturm: Shakespeares letztes Stück 

Die Geschichte spielt auf einer abgelegenen Insel. Hier werden der ehemalige Herzog von Mailand, Prospero (Bernhard Hurm), und seine Tochter Miranda (Johanna Engel) angespült, nachdem sie von Prosperos Bruder Antonio (nicht in dieser Inszinzierung) auf ein Schiff gesetzt und der Natur überlassen werden. Die Insel ist unter anderem vom Luftgeist Ariel (Christina Weiser) und von Caliban (Johanna Engel), einem vulgären und wilden menschlichen Charakter bewohnt. Prospero macht sich die Insel zu eigen und versklavt sowohl Caliban als auch Ariel. Nach Prosperos Anordnung bringt Ariel das Boot von Antonio zum Kentern, als dieser auf hoher See unterwegs ist. 

Auf dem Boot befinden sich außerdem: Antonios Sohn Ferdinand (Christina Weiser) und die zwei heiteren Mitglieder des Hofstaats Trincolo (Bernhard Hurm) und Stefano (Christina Weiser). Prosperos Feinde stranden durch seinen Willen auch auf der Insel. Mit diesem Aufeinandertreffen sind Konflikte vorprogrammiert. Und innerhalb all der Intrigen verlieren Ferdinand und Miranda auch noch ihr Herz aneinander. „Shakespeares Sturm kann als Konzentrat seines gesamten Schaffens betrachtet werden“, hält der Dramaturg Dr. Stefan Tigges fest.

Prospero (Bernhard Hurm) schmiedet den Plan, seine Feinde auf die Insel schwemmen zu lassen. Bild: Patrick Gerstorfer

Das Stück verarbeitet bedrückende Themen wie Kolonialismus und die menschliche Vergänglichkeit. Tigges hob jedoch eine positive Wendung des Stückes hervor. Es gehe im Angesicht eben dieser Vergänglichkeit um Vergebung. „Denn kostbarer als die Rache ist die Gnade“, betont er.

Weiter hob dieser während der Stückeinführung hervor, dass die hier gezeigte Fassung einen „Tübingen-Bezug“ beinhalte. Denn jene Textgrundlage gehe auf den ehemaligen Tübinger Studenten Joachim Lux zurück, welcher das Stück für das Wiener Burgtheater so drastisch kürzte, dass es durch drei Spielende aufgeführt werden kann. Dies stellt jene weitere Besonderheit des Stückes dar. Von den ursprünglich zwanzig Figuren haben es lediglich sieben auf die Bühne geschafft, gespielt von drei Schauspieler*innen.

Offene Verwandlungen auf der Bühne

Diese Doppel- oder gar Dreifachbesetzung erregte ebenfalls Aufsehen im Publikum. Die Zuschauer*innen reagierten in der anschließenden Nachbesprechung positiv überrascht über die Rollenzusammenführung. Diese gelingt durch die virtuosen Rollenwechsel mitten auf der Bühne. Von einem Moment auf den anderen verwandelt sich der dominante, aufbrausende Prospero in den albernen Trincolo, der in dieser Inszenierung schwäbelt. Christina Weiser spielt an diesem Abend sogar ganze drei Rollen. Dabei überzeugt sie nicht nur als Luftgeist und Prinz Ferdinand, sondern auch als Trincolos Kumpane Stefano, mit einem charmanten hessischen Dialekt. 

Das Publikum zeigte sich außerdem zutiefst beeindruckt von dem Schauspieltalent Engels. So verkörperte sie zum einen die liebliche und wunderschöne Miranda, zum anderen aber auch den anstößigen und frevelhaften Caliban, im Stück auch „Erdkloß“ genannt. „Grundsätzlich ist es spannender, den Bösewicht zu spielen. Miranda hat [allerdings] eine große Ehrlichkeit – da hat mir die Suche mehr Freude bereitet“ so Engel über ihre Figuren. 

Die Mehrfachbesetzung gelingt außerdem durch organische Kostümwechsel auf der Bühne. Vom Anstecken eines einfachen Halstuchs in der Verwendung von Ariel zu Ferdinand bis zum gegenseitigen Zuwerfen der Brillen und Mützen für die beiden Trunkenbolde bekam das Publikum eine Bandbreite an unterschiedlichen Realisationen dieses Wechsels angeboten. Das führte nicht selten zu einem amüsierten Schmunzeln seitens der Zuschauer*innen.

Der Geist auf der Rutsche

Christina Weiser hinterließ insbesondere in ihrer Verkörperung als Ariel einen bleibenden Eindruck. Nicht nur die Hinterlistigkeit, die jener Erdgeist in sich trägt, sondern auch dessen Unterwürfigkeit verkörperte sie glaubhaft. Durch die galante Nutzung der Rutsche konnte Weiser das Gefühl vermitteln, als wäre sie tatsächlich ein Geist – auch wenn das ausgewählte Kostüm im ersten Moment nicht darauf hinwies. In diesem Falle war die Schauspielerin nicht etwa in ein weißes Laken gekleidet, wie sich so manch einer eine Geisterfigur vorstellt, sondern sie trug einen weißen Mercedes-Hosenanzug.

Christina Weiser als Ariel der Luftgeist. Bild: Patrick Gerstorfer

„Ursprünglich gab es ein anderes Kostüm. […] Für die Proben suchte sie im Fundus nach einem Kostüm und stieß auf diesen Hosenanzug. Ich hatte mich an diesen Anblick gewöhnt. Nach ein paar Wochen sprach ich sie darauf an, ob sie ihn nicht anbehalten wollte. Sie wollte mich dasselbe fragen. Damit war die Sache geklärt“, erklärte Tigges schmunzelnd.

Shakespeare mit Tübinger Charme

Nicht nur die Dialekte und rasanten Kostümwechsel unterscheiden die Inszenierung des Zimmertheaters von der Fassung Shakespeares, wie sie vor über 400 Jahren aufgeführt wurde. Die Fassung des Zimmertheaters begann mit dem Rauschen von Wellen und einem shakespear’schen Sonett über die Vergänglichkeit, eindrücklich vorgetragen von Bernhard Hurm. Das Hinzufügen dieses Teils begründet sich auf der weitverbreiteten Interpretation, dass Shakespeare viel von sich selbst in die Figur des Prospero geschrieben hat. Prospero, als der Herrscher der Insel und in gewisser Hinsicht auch als Regisseur der Handlung.

„The littlest birds sing the prettiest songs“ – Der Tübinger Sturm endet auf einer hoffnungsvollen Note. Bild: Patrick Gerstorfer

Eingerahmt wurde die Inszenierung durch ein atmosphärisches Duett des Songs The Littlest Birds von The Be Good Tanyas aus dem Jahr 2000. Nur die Stimmen von Christina Weiser und Johanna Engel füllten die andächtige Stille. Auf instrumentale Begleitung wurde verzichtet, was das Duett ergreifend und zu einem Highlight des Abends machte. Der Regisseur Thomas Bockelmann beschrieb seine Entscheidung, den Song ins Stück einzubinden, als „Theaterinstinkt“. Das Stück solle am Ende noch etwas Schönes haben, so Bockelmann. Das Publikum wusste das zu schätzen. „Das Lied hat die Ehrlichkeit der Liebe [von Miranda und Ferdinand] gut verkaufen könne“, so ein Zuschauer in der Nachbesprechung des Stücks.

Eine Empfehlung wert

„Wenn man sich mit Shakespeare auseinandersetzt, dann ist das ein riesengroßer Kosmos“, hielt Tigges fest. Die Umsetzung der Stücke geht damit zweifellos mit einigen Herausforderungen einher. Die Tübinger Anglistikdozentin Dr. Ellen Dengel-Janic, welche die Inszenierung gemeinsam mit ihrem Seminar besuchte, zeigte sich ebenfalls beeindruckt. Insbesondere die Tatsache, dass sich das Stück nicht der Originalsprache bediente, hob sie als herausfordernd hervor. Anhand der positiven Reaktionen seitens der Zuschauer*innen lässt sich abschließend festhalten, dass von einer erfolgreichen Umsetzung gesprochen werden kann. 

Beitragsbild: Patrick Gerstorfer

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