Im Großen Senat der Neuen Aula simulierten Studierende letzte Woche Freitag die Arbeit der Vereinten Nationen. Bei der 25. Ausgabe der Tübingen Model United Nations diskutierten die Delegierten über nachhaltigen Tourismus. Wie aus Reden politische Texte werden, entscheidet sich dabei oft nicht am Rednerpult, sondern zwischen Tür und Angel.
Schon nach den ersten Plenarreden bilden sich im Gang kleine Gruppen. Einige halten Ausdrucke in der Hand, andere tippen Formulierungen ins Handy, wieder andere sprechen leise über Mehrheiten. „Resolutionen entstehen – und sie stehen und fallen – in den Flurgesprächen. Nicht im großen Forum“, sagt Pascal Läpple. Er ist Vorsitzender des Tübinger Teams des National Model United Nations (NMUN) und begleitet die heutige Sitzung als Rapporteur und Teil der Sitzungsleitung, dem Chair.
Die Simulation bringt Delegationen der Universitäten Tübingen, Hohenheim und Heidelberg zusammen. Insgesamt sind 37 Delegierte anwesend. Für Beschlüsse braucht es je nach Abstimmungsmodus eine einfache Mehrheit von 19 Stimmen oder eine Zweidrittelmehrheit von 25 Stimmen. Der Sitzungstag dauert von 9:30 Uhr bis 18 Uhr, zwischendurch organisiert das Tübinger Team ein Buffet.
„… to save us from hell“
In seiner Willkommensrede erinnert der Friedensforscher Andreas Hasenclever an die Idee hinter den Vereinten Nationen und skizziert ihre Rolle in der internationalen Ordnung. Dabei zitiert er Dag Hammarskjöld, den ersten Generalsekretär der Vereinten Nationen: „The United Nations was not created in order to bring us to heaven, but in order to save us from hell.“

Aus dieser Perspektive begründet er auch den Sinn des Formats: Die Vereinten Nationen prägten internationale Politik bis heute, umso mehr brauche es Menschen, die auf solche Arbeit vorbereitet sind. Die Tübingen Model United Nations sollen diese Vorbereitung leisten.
Lea Augenstein, Projektleiterin und heute auch im Chair, verkündet anschließend die beiden zur Auswahl stehenden Themen der Tagesordnung: Relationship between disarmament and development und Sustainable Tourism. Die Delegierten stimmten schließlich für nachhaltigen Tourismus als Agenda der Plenarsitzung.
Vom Rednerpult zum Working Paper
Der Ablauf folgt festen Regeln. Nach der Agenda-Entscheidung halten mehrere Delegierte kurze Reden zum Thema. Dann unterbrechen sie die Sitzung und die Arbeitsphasen beginnen. In Gruppen schreiben die Delegierten an sogenannten working papers – Arbeitsentwürfe, die später abgestimmt werden sollen.

Wir fragen Pascal, woran er als Chair merke, dass eine Debatte gut läuft. „Wenn die Leute nicht nur versteinert rumsitzen, sondern tatsächlich auf das Gesagte reagieren. Positiv oder negativ ist egal – Hauptsache, das Gesprochene erzeugt Input und löst Reaktionen aus.“
Im Laufe des Tages entstehen mehrere Working Papers. Am Ende werden sie abgestimmt und angenommen. Ihre Titel zeigen, wie breit der Begriff Sustainable Tourism ausgelegt werden kann: So etwa Sustainable Cities, Community Based Eco Tourism und Preserving Cultural and Natural World Heritage Sites.
Portugal, Meer und die Frage nach dem Einstieg
In einem Planspiel, bei dem alle auf Englisch sprechen, entscheidet nicht nur Fachwissen. Auch die Frage, wie schnell jemand in die Abläufe findet, prägt den Tag. Benedikt Bader, der Portugal vertritt, beschreibt seine Motivation zunächst persönlich: „Ich vertrete heute Portugal, die Portugiesische Republik. Ich finde das Land erstmal spannend, weil ich letztes Jahr dort im Urlaub war.“ Sein politischer Fokus ergibt sich daraus fast automatisch: „Mein Hauptziel ist heute, Portugal so gut wie möglich zu vertreten – vor allem mit Blick auf die maritime Lage: Wir liegen direkt am Meer.“

Zur Vorbereitung braucht es Teamarbeit. Benedikt, der an der Universität Hohenheim studiert, berichtet von regelmäßigen Treffen und einer Übungssimulation. Am Vorabend habe er zwei Reden ausgearbeitet und den Ablauf noch einmal durchgesehen. Er sagt auch: „Ich bin tatsächlich noch recht neu in dem Ganzen – deshalb bin ich manchmal noch ein bisschen lost.“ Gerade solche Sätze zeigen, was Model United Nations neben Weltpolitik noch ist: ein Training in Routinen, Sprache, Verfahren und Selbstsicherheit.
Zwischen Weltrettung und Reality-Check
Viele kommen mit großen Erwartungen, beobachtet Pascal, und stoßen dann auf Grenzen. „Viele unserer Studierenden kommen mit dem Anspruch zu Model UN, die Welt zu verbessern. Sie wollen ‚die Welt retten‘“, sagt er. „Aber man lernt ziemlich schnell, wie begrenzt der Einfluss von Diplomaten und solchen Organisationen sein kann.“
Für Pascal ist das kein Argument gegen das Format, sondern Teil des Lernprozesses. Es gehe um einen Reality-Check: Der eigene Beitrag – etwa über Position Papers und Formulierungsarbeit – sei klein, „aber manchmal doch ausschlaggebend.“ Als Beispiel nennt er Entwicklungen im Bereich Krieg und Frieden: Verglichen mit früheren Formen der Kriegsführung sei es ein Fortschritt, wenn sich die Welt auf Regeln und Standards einigt. Solche Veränderungen entstünden nicht nur, weil zwei Staaten miteinander reden, sondern weil internationale Ordnungspolitik verhandelt und fixiert wird – oft in vielen kleinen Schritten.
Am Ende bleibt von diesem Tag nicht nur das Bild von Delegierten am Mikrofon. Es bleibt auch die Erinnerung daran, wie politische Texte entstehen: Satz für Satz, Stimme für Stimme – und, wie Pascal es beschreibt, häufig im Flur.
Beitragsbild: NMUN Tübingen Delegation 2026

