Kultur Theater

Macbeth erobert die Burg Hohenzollern

Auf der Burg Hohenzollern, tief im Schwabenland, wird der Kampf um die Krone Schottlands ausgefochten. Doch kann Shakespeares düstere Tragödie Macbeth auch heute noch ein modernes Publikum begeistern?

Es ist bereits zur Tradition geworden: Seit über zehn Jahren besucht die American Drama Group Europe (ADGE) jährlich die Burg Hohenzollern, den Stammsitz des Hauses Hohenzollern, um Shakespeare im englischen Original einem deutschen Publikum zugänglich zu machen. Die Texte werden nur leicht angepasst, sodass Nicht-Muttersprachler dem Stück trotzdem folgen können, aber dennoch der Charme des Originals erhalten bleibt. Vergangenes Jahr wurde Much Ado About Nothing aufgeführt, während die Wahl dieses Mal auf Macbeth fiel.

Shakespeares große Tragödie um den schottischen Thron

Wann genau Macbeth entstand, ist unbekannt, allerdings lässt es sich auf den Zeitraum zwischen 1603 und 1611 eingrenzen. Der erste überlieferte Druck erschien 1623 in der First Folio, der ersten Gesamtausgabe der Dramen Shakespeares. Eine der wichtigsten Inspirationen für das Stück waren Holinshed’s Chronicles, ein großes Werk über die  Geschichte der britischen Inseln, welche außer Macbeth noch weitere Dramen Shakespeares wie King Lear beeinflussten.

In Macbeth kehren der titelgebende Protagonist und sein Freund Banquo aus einer Schlacht zurück. Auf einer einsamen Heide treffen sie auf drei Hexen, die Macbeth den Titel Thane of Cawdor (‚Graf von Cawdor‘) sowie die Krone und Banquo eine Königsdynastie verheißen. Als sich kurz darauf der erste Teil der Prophezeiung erfüllt und Macbeth zum Thane of Cawdor wird, erwacht in ihm Ehrgeiz. Von seiner Frau, Lady Macbeth, angestachelt, ermordet er König Duncan im Schlaf. Duncans Söhne Malcolm und Donalbain fliehen, und Macbeth besteigt den Thron.

Die drei Hexen nehmen Banquo und Macbeth gefangen. Bild: Jeta Syla.

Von Misstrauen zerfressen und aus Furcht vor Banquos Nachkommen lässt Macbeth seinen ehemaligen Freund ermorden, doch dessen Sohn Fleance kann ebenfalls entkommen. Auf der Suche nach Sicherheit sucht Macbeth erneut die Hexen auf, die ihm drei neue Sprüche verkünden: Er solle Macduff fürchten kein von einer Frau Geborener könne ihn besiegen, und er sei erst in Gefahr, wenn der Birnam-Wald gegen seine Burg vorrücke.

Lady Macbeth wird wahnsinnig vor Schuldgefühlen und nimmt sich das Leben, während Prinz Malcolm mit einem Heer gegen Macbeth zieht. Die Soldaten tarnen sich mit Zweigen des Birnam-Waldes und erfüllen so einen Teil der Prophezeiung. Im finalen Duell stellt sich Macbeth Macduff. Als Macduff enthüllt, dass er nicht auf natürlichem Wege, sondern per Kaiserschnitt zur Welt kam, erkennt Macbeth sein drohendes Ende. Macduff tötet ihn, und Malcolm wird als rechtmäßiger König von Schottland eingesetzt.

Historische Tragödie auf echter Burg

Eine besondere Wirkung erzielte bei der Darstellung des Stückes über Rache, Schuld und Schicksal der besondere Aufführungsort. Während die einzigartige Kulisse in jedem Jahr einen eigenen Höhepunkt darstellt, wirkte sie vor allem für dieses in großen Schlössern und alten Burgen spielende Stück äußerst eindrucksvoll und trug maßgeblich zur Stimmung bei. Auf die hohen Türme und Buntglasfenster zu blicken, während Macbeth mit seiner Frau Pläne schmiedet, verstärkte die Immersion zusätzlich.

Lady Macbeth und Macbeth nach der Krönung. Bild: Jeta Syla.

Diesen Vorteil wussten die Schauspieler auch gekonnt zu nutzen, was besonders wichtig war, da das sonst sehr kostüm- und bühnenbildintensive Stück aufgrund der Aufführung durch eine Wandergruppe mit sehr wenig auskommen musste. Das Bühnenbild war schlicht gehalten und bestand aus zwei kleinen künstlichen Mauern, einer künstlichen Efeuwand und einem Thron. Die Kostüme waren simpel, aber passend. Als wir Dan Wilder, Tourmanager und Schauspieler Banquos, fragten, wie man auf diese erzwungene Knappheit reagiere, sagte er uns: „We try to be centered on the story and the text. And let the actor convey the world rather than spend lots of time and money with fiddly props. A few important props that support the imagery can be so much more effective than trying to make a full set with all the things. Theatre should ignite everyone’s imagination.“ 

Knappes Bühnenbild, großes Schauspiel

Diese Reduktion prägte auch die Bühnengestaltung. Die wenigen Requisiten, die zum Einsatz kamen, gewannen dadurch umso mehr an Bedeutung, allen voran die echten Schwerter. Sie verliehen den Kämpfen eine ganz eigene, ernste Atmosphäre: Ihr Gewicht und das laute Klirren, wenn Klinge auf Klinge traf, ließen die Auseinandersetzungen lebendig und schwer wirken. Auch die Kronen setzten bewusst Akzente. Ihre schlichte, metallene Oberfläche bildete einen prägnanten Kontrast zu den meist dunklen und einfarbigen Kostümen und strahlte förmlich, wenn sie aus den schwarzen Mänteln der Träger hervortraten.

Macduff (Michael Schenck) macht sich zum Kampf bereit. Bild: Jeta Syla.

Zwei große Flaggen, die englische und die schottische, untermalten zudem eindrucksvoll die große historische Dimension, in der das Drama verwurzelt ist. Auf unsere Frage hin, warum die Gruppe sich für Macbeth entschieden hat und ob das Stück denn noch relevant sei, teilte uns Dan Wilder mit: „Macbeth is absolutly relevant today. As I believe all Shakespearian themes are. He writes about the human condition with such eloquence. Jealousy in Othello, ambition and moral bancruptcy in Macbeth, wrestling with what love is and how to navigate in Romeo & Juliet. Shakespeare writes for the core issues of a human heart!“

Macduffs Triumph

Die Schauspielleistungen des gesamten Ensembles waren beachtlich, aber besonders heraus stach Michael Schenck in der Rolle des Macduff. Vor allem als Gegner Macbeths, gespielt von Clark Alexander, tat er sich hervor und lud die gemeinsamen Szenen so mit viel Spannung auf. Beide Schauspieler schafften es, die Rivalität der beiden Feinde sehr gekonnt und geladen auf die Bühne zu bringen. Durch kluge Mehrfachbesetzungen schaffte es das Ensemble trotz seiner kleineren Größe, das sehr figurenreiche Stück gut auf die Bühne zu bringen, und schuf so auch ein paar wohlplatzierte humoristische Momente.

Zum Beispiel, wenn der Hüne Samuel Wright König Duncan, aber eben auch eine der kichernden und lustig dargestellten Hexen porträtierte. Dass die Hexen dabei durchgängig als eher komische, ja fast lächerliche Gestalten auftraten, war wohl einer der wenigen Kritikpunkte, die sich an der Inszenierung anbringen ließen. Dadurch verloren die düsteren Schwestern etwas von ihrer unheimlichen Doppeldeutigkeit, die zwischen Spott und Schrecken changiert.

„Shakespeare writes for the core issues of a human heart!“ Dan Wilder, Tourmanager der ADGE

Auch Lady Macbeth, gespielt von Aimée Hislop, war eine sehr gelungene Besetzung. Sie verstand es, die komplexe Figur, vor allem in den gemeinsamen Szenen mit Macbeth, lebendig und vielschichtig zu gestalten. Generell erwies sich das Zusammenspiel der durchweg talentierten Schauspieler als eine der großen Stärken des Abends. Ob Kathryn Daly als Lady Macduff und Malcolm oder Dan Wilder als Banquo und Doktor allen merkte man die Erfahrung und die spürbare Begeisterung für Theater und Schauspielerei an.

Macbeth und Macduff im Zweikampf. Bild: Jeta Syla.

Dass diese Leistungen unter sehr hektischen Bedingungen gelangen, macht sie umso beachtlicher: Die Wandertruppe baute die gesamte Bühne erst am Morgen der Aufführung auf und baute sie unmittelbar nach dem Schlussapplaus wieder ab ein logistischer Kraftakt, der der Qualität des Abends in keinster Weise schadete.

Ein ganz anderes Theatererlebnis

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage, ob Macbeth auch ein modernes Publikum begeistern kann, war an diesem Abend ein klares Ja: Macbeth auf der Burg Hohenzollern war nicht nur ein eindrucksvolles Theatererlebnis, sondern auch ein Beweis dafür, dass Shakespeares Stoffe nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben ganz gleich, ob auf englischen oder deutschen Bühnen. Während das Stück auf der Burg Hohenzollern nur einmal aufgeführt wurde, zieht die Wandergruppe auch durch viele weitere Städte Europas. Die Möglichkeit, Shakespeare tatsächlich im englischen Original zu erleben, ist dabei ein großes Highlight.

Es lohnt sich allerdings sehr, das Stück zuvor einmal zu lesen, um der Sprache und der Handlung besser folgen zu können. Die ADGE führt außer Shakespeare auch weitere fremdsprachige Stücke auf, wie etwa Gullivers Reisen oder George Orwells Animal Farm auf Englisch, aber auch Stücke in weiteren Sprachen wie L’Avare auf Französisch oder Don Quixote auf Spanisch. Die Inszenierungen im Original, mit wenigen Requisiten und reduziertem Bühnenbild, legen den Fokus ganz auf die Schauspieler. Das ist jedes Jahr aufs Neue ein ganz besonderes Erlebnis. Im nächsten Sommer wird auf Burg Hohenzollern das aufgeführte Shakespeare-Stück The Taming of the Shrew sein.

Auf die Frage, ob es eine Besonderheit daran gebe, in Deutschland aufzutreten, antwortete Wilder nur schmunzelnd: “German audiences are more generous with their applause. English actors often can’t believe we stay for so much applause they get embarrassed and want to leave. And I have to say, it’s a cultural difference: The audience wants to show their appreciation.“

Beitragsbild: Jeta Syla.

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