Kultur

Deutscher Buchpreis – auch was für Studis?

Was lesen Studierende heute? Zwischen Booktok-Trends, New Adult und Romantasy scheint sich die Gen Z wenig für zeitgenössische Literatur zu interessieren. Doch die Deutsche-Buchpreis-Shortlist liefert dieses Jahr eine Antwort darauf, wieso gerade Studierende auch mal einen Blick über TikTok hinauswerfen sollten – ein Kommentar.

Das erste Mal, dass ich vom Deutschen Buchpreis so richtig Notiz genommen habe, war durch mein FSJ nach dem Abitur. Meine Kolleg*innen beim Ensemble Modern diskutierten wochenlang bei unserer Mittagsrunde darüber, welche Romane es auf die Shortlist geschafft hatten, welche sie schon gelesen hatten, wer auf die Frankfurter Buchmesse gehen würde und ob sich die Lesungen mit den Autor*innen gelohnt hatten. Ich habe zu der Zeit hauptsächlich englischsprachige Literatur gelesen. Als ich mir die damalige Shortlist anschaute, erschien sie mir eher als etwas, worüber meine Ü40-Kolleginnen reden würden und nicht wie eine Liste, die auch unter meinen Freund*innen Gefallen finden würde. Zwei Jahre später sitze ich auf meiner Terrasse zu Hause und lese genau so ein Buch – Anton und Alma von Dana Vowinckel –  von der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises. Ein Buch, das mich neugierig macht, darauf, ob der Deutsche Buchpreis nicht doch auch eine Leseempfehlung für junge Menschen sein kann oder werden könnte. 

And the Deutsche Buchpreis goes to …

Seit 2005 wird jeden Oktober kurz vor der Frankfurter Buchmesse der Deutsche Buchpreis verliehen. Eine Longlist von 20 Romanen, eine Shortlist, auf der nur noch sechs übrigbleiben, und am Ende steht ein Werk fest, das fortan den Aufkleber 2026 Deutscher Buchpreis Roman des Jahres trägt. Dieses Jahr wurde Die Lücken von Shida Bazyar von der Jury ausgezeichnet.

Die diesjährige Shortlist des Deutschen Buchpreises. Bild: Lena Everding

Auf meiner Entdeckungstour durch das Archiv des Buchpreises sind mir mehrere Dinge aufgefallen: Ja, fast jedes Jahr ist mindestens ein Roman mit DDR-Thematik auf der Shortlist und teilweise gibt es Romane, die die Protagonist*innen ein Leben lang begleiten. Wirklich viele Bücher, bei denen Studierende eine große Rolle spielen oder die zum Leben von Studierenden passen, gibt es aber nicht. Lediglich den ein oder anderen Exoten. Blumenberg von Sibylle Lewitscharoff aus dem Jahr 2011 – ein Roman, in dem es unter anderem um Studierende geht, die den Philosophen Hans Blumenberg verehren. Identitti von Mithu Sanyal aus 2021, der an einer Universität spielt und Fragen rund um die Themen Race, Class und Gender behandelt, die Studierende umtreiben. Aber die Großzahl der Werke scheint doch eher Geschichts- oder Politikstudierenden oder Studierenden der Germanistik vorbehalten. 

Die Jugend ohne Geschmack?

Die jungen Leute interessieren sich nicht mehr für Kunst und Kultur. Diesen äußerst kreativen Spruch haben wir alle schon irgendwo gehört. Und ja, in einigen Genres lässt sich das auch beobachten. Während meines FSJs konnte ich bei vielen Konzerten zeitgenössischer Musik beobachten, dass das Publikum leider weitestgehend alt und weiß ist. Leider scheint das kein Phänomen zu sein, das sich nicht nur auf dieses Genre der Musik bezieht. Viele teils renommierte Ensembles, die Werke aufführen, die im Volksmund oft als „klassische“ Musik bezeichnet werden, kämpfen darum, mit neuen Formaten junge Leute wieder in ihre Konzertsäle zu locken. Dieses Phänomen ist kein neues, weder in der Musik noch in der Literatur und doch spielt eine neue Instanz eine große Rolle in der Entwicklung – die sozialen Netzwerke.

Die Romance-Buchreihe Heated Rivalry ist besonders unter jungen Leser*innen beliebt. Bild: Sofie Stefanischin

In den sozialen Netzwerken bekommen besonders Bücher aus den Genres New Adult, Romantasy (eine Mischung aus einem Liebesroman und Fantasy) oder – je nach Algorithmus – auch Krimis viel Aufmerksamkeit. Wenn ich in eine Buchhandlung gehe und diese Bücher präsent platziert sehe, dann fällt mir eine Sache immer wieder auf: Sie sehen aus wie Massenware. Ein ähnliches Cover, ein ähnlicher Klappentext und ein so großes Meer an Auswahl, dass man gar nicht weiß, für welches man sich entscheiden soll. Jede*r sollte lesen, was man möchte. Doch wenn ich diese Bücherregale sehe, fehlt mir ein bisschen mehr Genre-Vielfalt, ein bisschen mehr Gegenwartsliteratur und ich denke mir: Ein bisschen weniger Eskapismus wäre schon wünschenswert. 

Junge Leute wieder an Bord holen

In unserer aktuellen welt- und klimapolitischen Lage ist der Drang, sich in Literatur zu flüchten, die auf den ersten Blick simpel, schön und fern von der eigenen Realität erscheint, verständlich. Ich bin zwar kein großer Fantasy-Fan, aber den Sog von einer Romance-Novel, in die man einfach nur abtaucht und sich auf das Happy End freut, verstehe ich auch. Nichtsdestotrotz finde ich es sehr wichtig, dass junge Leute anfangen, auch andere Genres mehr zu lesen. Denn Literatur kann ein wunderbarer Weg sein, um sich mit Problemen auseinanderzusetzen – seien es aktuelle oder vergangene, die uns weiterhin auch viel über menschliches Verhalten heute lehren. 

Junge Leute bekommen ihre Buchempfehlungen heute nur wenig in Buchhandlungen. Bild: Kévin et Laurianne Langlais auf Pexels

Doch diese Art von Literatur wird durch den Algorithmus wenig gefördert. Viel zu selten wird dort über Bücher aus anderen Genres diskutiert. Der Deutsche Buchpreis erweist sich hier als Chance. Ein prestigeträchtiger Wettbewerb, bei dem spekuliert wird wer gewinnt, klingt wie ein gefundenes Fressen für gute Präsenz in den sozialen Netzwerken. Tatsächlich bin ich auch durch Instagram auf Anton und Alma aufmerksam geworden. Wenn es also auch in den nächsten Jahren Romane, die sich mit Themen, die Studierende bewegen, auf die Buchpreis-Shortlist schaffen, dann bietet die Shortlist vielleicht auch eine Chance. Eine Chance mehr, junge Leute an Romane heranzuführen, die nicht den Genres entsprechen, die sonst am meisten Raum bei den Buchempfehlungen einnehmen. Einer dieser Romane, der es auf die Buchpreis Shortlist 2026 geschafft hat, ist der oben angesprochene Roman Anton und Alma.

Ein Roman hautnah

Anton und Alma ist ein Roman, der durch seine Nahbarkeit besticht. Die beiden Protagonist*innen Anton und Alma sind zwei Studierende, die ihren Weg miteinander und in der Welt suchen. Die Geschichte verbindet Themen von Zugehörigkeit, Entscheidungsfindung und Forschungsinteressen mit einem Schreibstil, der nüchtern, direkt, schonungslos nah ist und doch so tiefgehend, dass es einem beim Lesen ins Herz schneidet. Denn wenn man Anton und Alma als Studi liest, begegnet man schnell auch sich selbst, der besten Freundin, einem Kommilitonen oder dem aktuellen Seminar-Crush. Als Liebesgeschichte vermarktet, ist der Roman weit mehr als das. Denn er zeigt dem Lesenden etwas, ein Fenster in das Leben anderer, eine Unentschlossenheit und eine Verletzlichkeit, die uns alle menschlich macht. 

Ein Buch, das deutlich mehr ist als nur eine Liebesgeschichte. Bild: Katharina Schmidt

Die zentrale Frage, die der Roman stellt, beschäftigt die meisten Studierenden: Wie soll mein Leben sein? Was will ich aus meinem Leben machen? Für die beiden Protagonist*innen bezieht sich das nicht ausschließlich auf die Liebe füreinander, sondern viel mehr darauf, wo sie ihr Leben hinführt und was sie damit wirklich anfangen wollen. Der Roman stellt diese Frage nicht aufdringlich, vielmehr pocht sie immer wieder im Hinterkopf wie immer stärker werdende Kopfschmerzen. Denn umso näher man dem Abschluss, einem neuen Abschnitt und den nächsten Lebensentscheidungen kommt, umso drückender wird die Frage.

Das Weltgeschehen zwischen uns

Anton und Alma bleibt trotzdem ein Roman, der sich mit politischem Weltgeschehen und einer Thematik beschäftigt, die man häufig bei ausgezeichneter Literatur findet. In Anton und Alma sind diese Probleme nicht nur die Probleme zwischen ihnen, sondern auch ganz konkret: Wo fühle ich mich zugehörig? Wo möchte ich hin? Wie finde ich Sinn in all diesem Chaos? Zentral ist hierbei das Judentum als ethnische Gruppe und als Glaubensgemeinschaft, das die beiden Protagonist*innen auf unterschiedliche Weise umtreibt. Der jüdische, aber nicht besonders gläubige Protagonist Anton entdeckt in seinem Studium ein Forschungsgebiet rund um die Konversion zum Judentum für sich, was für ihn auch die Frage nach einer ethnischen Zugehörigkeit aufwirft. Die atheistisch erzogene Alma findet währenddessen Halt in der jüdischen Gemeinschaft. In Berührung mit der Religion kommt sie durch ihren Freund Anton, aber wirklich zugehörig, fühlt sie sich erst, als ihr Leben aus den Fugen gerät und ihr der Glaube einen sicheren Anker bietet. 

Die Lage in Gaza beschäftigt auch die Protagonist*innen in Anton und Alma. Bild: Alfo Medeiros auf Pexels

Besonders in einer oft sehr pro-palästinensischen Bubble im universitären Kontext ist dieses Buch spannend, weil es eine jüdisch-israelische Perspektive liefert, ohne dabei zionistisch und unkritisch zu sein. Nach dem Anschlag am 7. Oktober 2023 in Israel findet sich Anton inmitten der polarisierenden Stimmung wieder. Der Roman zeigt, wie sehr man inmitten von geopolitischen Entwicklungen persönlich zerrissen werden kann und verdeutlicht, wieso man Menschen für ihre Meinung vielleicht nicht vorschnell verurteilen sollte. Denn hinter jeder Haltung steht ein Kontext, den man erst im Austausch erfährt. 

An die Bücher, fertig, los

Pünktlich zum Semesterstart erinnert die Verleihung des Deutschen Buchpreises daran, sich mal wieder bewusster mit aktueller deutschsprachiger Literatur auseinanderzusetzen. Die Long- und Shortlists können hierbei wunderbar zu einem Blick über den eigenen literarischen Tellerrand inspirieren. Dieses Wintersemester sollten wir vielleicht alle daran denken, öfter mal zum Buch statt zum Handy zu greifen. 

Beitragsbild: Lena Everding

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