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Crisp Crumb Coating – Ein Hymnus auf finnische Fischstäbchen, gespielt auf einem Kulturschmelzofen

„Weltmusik“. Ein nicht gerade griffiges Wort, um ein Musik-Genre oder ein Konzert zu beschreiben. Der Duden spricht von „Musik, die musikalische Elemente anderer Kulturen übernimmt.“ Das könnte alles Mögliche sein – Hauptsache, es ist unseren europäischen Ohren nicht so vertraut. Doch nicht unweit von Tübingen, im Kulturzentrum franz.K, trat am Freitag ein Instrument auf, das etwas Klarheit bringen könnte: die Oud.

Für zwei Stunden fand am 09.12.2023 die (halbe) musikalische Weltkugel Platz im Saal vom franz.K in Reutlingen. Im Zentrum dieser kulturellen Verflechtung steht Rabih Abou-Khalil, libanesischer Komponist und Instrumentalist. Auf seinem Schoß ein birnenförmiger Kultur-Schmelzofen, eine strategische Dirigentin, die wie keine Zweite Fäden aufnehmen und dabei Menschen und Musik verbinden kann: die Oud.

Die Oud, arabisch für „Holz“, ist eine traditionelle Kurzhalslaute, die vor allem in den arabischen Ländern, aber auch in Kleinasien, Griechenland und Spanien sehr verbreitet ist. Durch ihre elf Saiten, fünf davon doppelchörig und eine Einzelsaite, und vor allem wegen ihres bundlosen Halses ist sie prädestiniert für Mikrotonale Musik – Intervalle, die kleiner sind als die Halbtonabstände der klassischen Musik. Das macht sie unglaublich vielseitig einsetzbar und eröffnet neue Klangwelten: die Maqame – eine Art von Tonleitern in der arabischen und türkischen Musiktheorie, die durch die Abfolge von Notenabständen definiert sind, die eben auch kleiner als Halbtöne sein können.

Von hähnchenzüchtendem Hartmut hin zu kross-krustigen Fischstäbchen. Das Programm geht auf Weltreise

Mit viel Humor leitet Abou-Khalil die Stücke ein und das Quartett gewährt musikalisch einer halben Welt Einlass in das franz.K: So spielen sie Lieder über das Verlassen-Werden und die mühevolle Partner*innen suche danach; über Hartmut, den hähnchenzüchtenden Schweizer Kreuzritter, der auf seinem Weg nach Jerusalem seine große Liebe in einer südländischen Hähnchenzüchterin findet und sich vom Krieg abwendet, hin zu Graf Draculas Schloss. Ein Loblied auf die finnische Küche und ihr „krosses und krustiges Nationalgericht“, darf laut Abou-Khalil natürlich auch nicht fehlen: „Crisp Crumb Coating“ heißt die Widmung, die der Oud-Spieler während einer Tour im Norden verfasst hat, als er in einer Bar nach seinen Eindrücken der Landesküche gefragt wurde.

Doch bei allem Humor und spielerischer Witzigkeit, setzt das Musik-Quartett auch ernste Töne. „Dreams of a Dying City“ ist ein Stück, das Abou-Khalil im Kontext des Bürgerkrieges in Libanon für seine Geburtsstadt Beirut geschrieben hat, in der Hoffnung es nicht nochmal spielen zu müssen.

Die Scheinwerfer sind auf Abou-Khalils Oud-Solo gerichtet, während er “Dreams of a Dying City” spielt. Foto: Alexandros Mantzaridis

Das Publikum hängt an diesem späten Freitagabend von den Lippen Abou-Khalils, der durch persönliche Anekdoten, Selbstironie, Witz und Virtuosität am Instrument durch den Abend leitet. Solo-Einlagen aller vier Musiker werden vom vollen Saal phrenetisch gefeiert – da macht es auch nichts aus, wenn der Geigenbogen mal kurz abreißt. Zweimal verlangt das Publikum eine Zugabe, wobei das Quartett „auf die Eventualität natürlich nicht unvorbereitet gekommen ist“ und mit einem Augenzwinkern nachlegt.

Eine Verschmelzung musikalischer Welten

Mit seiner Musik sitzt Rabih Abou-Khalil genau an der Schnittstelle zwischen der arabischen und der sogenannten klassischen westlichen Musik. Aufgewachsen in Beirut lernte er Oud, von wo er aber aufgrund des Libanesischen Bürgerkrieges fliehen musste und nach Deutschland kam, wo er klassische Musik studierte. Er wird gerne als musikalischer „Grenzgänger“ bezeichnet, weil er arabische Musik, europäische Klassik und amerikanischen Jazz zusammenbringt. Wie das Verbinden von Klang- und Musikwelten konkret gelingen kann, führt Abou-Khalil im franz.K eindrücklich vor.

Die Verschmelzung musikalischer Formen und Welten zeigt sich auch bereits in der Besetzung des Quartets. Foto: Alexandros Mantzaridis

Das Programm ist eine Verschmelzung und ein Übergang von Kulturen. Das zeigt sich bereits in der –nach außen hin eher unüblich wirkenden – Besetzung: Schlagzeug (Jarrod Cagwin), Cello (Krzysztof Lenczowski), Geige (Mateusz Smocynski) und im Mittelpunkt die Oud.

Einblicke eines Meisters

Nach dem Konzert nimmt sich Rabih Abou-Khalil Zeit für das Publikum hinter der Bühne und auch ich schlüpfe kurzerhand hinter den Vorhang, in der Hoffnung auf ein kleines Gespräch. Denn seit einem halben Jahr lerne ich selber auch Oud spielen. Abou-Khalilis prominent platziertes Veranstaltungsposter im Tübinger Brechtbau, auf dem die arabische Laute zu sehen ist, hatte nach einer Vorlesung meinen Blick gebannt und machte mich so überhaupt erst auf das Konzert aufmerksam. Begegnung mit Meistern des eigenen Instruments sind besonders aufregend, weil man hautnah erfährt, was alles möglich sein kann mit dem Instrument. Daher fragte ich ihn auch nach einem Ratschlag für angehende Oud-Spieler*innen. Seine Antwort fasst seinen Stil denke ich am treffendsten zusammen: 

„Spiel nicht wie alle anderen auch. Mach etwas Neues.“

Rabih Abou-Khalil

Etwas Neues. Das hat Abou-Khalil geschaffen. Eine Verbindung von arabischer und europäischer Musik mit einer starken Jazz-Färbung. Nicht zuletzt dafür gewann er auch den Deutschen Jazzpreis 2023 in der Kategorie „Besondere Instrumente“.

Eine konkrete Antwort auf einen abstrakten Begriff

Müsste man „Weltmusik“ abschließend in einem einzigen Konzert zusammenfassen, dann wäre es wohl dieses hier. Weltmusik ist hier kein abstrakter Begriff, der auf andersklingende Musikelemente drüber gestülpt wird. Nein, im Gegenteil, er wird wortwörtlich mit Leben und Klang gefüllt. Die Titel, die Geschichten der Lieder, die Besetzung des Quartetts und die musikalischen Spielsysteme – zusammen erzeugen sie eine dichte Verbindung unterschiedlicher Einflüsse. Rabih Abou-Khalil wird seinem Ruf als “Grenzgänger” gerecht. Und das verdankt er nicht zuletzt seiner Virtuosität am musikalischen Knotenpunkt der Kulturen: der Oud.

Trotz der kleinen Dimension des Saals passt (musikalisch) die halbe Welt rein. Foto: Alexandros Mantzaridis

Beitragsbild: Alexandros Matzaridis

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