Im Online-Talk sprechen Ann Arbors Bürgermeister Christopher Taylor und DAI-Direktorin Katharina Luther über die Auswirkungen der US-Bundespolitik auf die kommunale Ebene. Dabei erklären sie auch, warum transnationale Städtepartnerschaften im Kontext eines zunehmenden Vertrauensverlusts in die Politik als demokratische Ressourcen dienen können.
Was hält Gesellschaften zusammen, wenn politische Lager sich verhärten, staatliche Institutionen unter Druck geraten und die öffentliche Debatte zunehmend von Konfrontation geprägt ist? Genau dieser Frage widmete sich der Online-Talk From Michigan to Baden-Württemberg: Democracy in Action, zu dem das Deutsch-Amerikanische Institut Tübingen im Rahmen seiner Reihe What Unites U.S.? eingeladen hatte. Zu Gast war Christopher Taylor, Bürgermeister der US-amerikanischen Partnerstadt Ann Arbor, der mit DAI-Direktorin Katharina Luther sprach.
Das Gespräch fand anlässlich der seit Jahrzehnten bestehenden Städtepartnerschaft zwischen Tübingen und Ann Arbor statt, die das DAI im Text zur Veranstaltung als Beispiel für gelebte transatlantische Beziehungen hervorhob. Solche „people-to-people ties“ bildeten, so das DAI, ein stabiles Rückgrat der transatlantischen Beziehungen auf lokaleren Ebenen. Genau daran knüpfte der Dialog an, denn im Vordergrund stand die Frage, wie viel politische Stabilität, Vertrauen und Verständigung aus Städtepartnerschaften erwachsen können.
Wenn Washington in den Kommunen ankommt
Taylor zeichnete dabei ein deutliches Bild der politischen Lage in den Vereinigten Staaten. Die nationale Stimmung beschrieb er als belastend, insbesondere für eine Stadt wie Ann Arbor, die politisch klar demokratisch geprägt sei. Besonders scharf kritisierte er die aktuelle US-Migrationspolitik und sprach von einer bewusst erzeugten Atmosphäre aus Angst, Unsicherheit und Einschüchterung. Für Ann Arbor, so Taylor, sei eine solche Politik „anathema“, also dem eigenen Selbstverständnis fundamental entgegengesetzt, denn die Stadt verstehe sich als offene und einladende Gemeinschaft.

Dabei blieb das Gespräch nicht auf der Ebene politischer Haltung stehen. Taylor machte auch deutlich, wie sich Entscheidungen in Washington ganz praktisch auf die kommunale Ebene auswirken: durch wegfallende Fördermittel für Klimapolitik, durch Kürzungen in sozialen Bereichen und durch Bedrohungen für Programme der Wohnraumunterstützung.
Weiter sprach der Politiker über den Druck auf Hochschulen und Wissenschaft. Für Ann Arbor spiele die University of Michigan als prägende Institution der Stadt, eine große Rolle. Wie Taylor erklärte, habe ihn besonders der Angriff auf Hochschulen und die fragile akademische Freiheit in der aktuellen Ausprägung überrascht.
Demokratie lebt von Nähe
Taylor beschrieb die kommunale Ebene als Ort demokratischer Glaubwürdigkeit, denn Vertrauen in Politik entstehe dort, wo Verwaltung sichtbar, ansprechbar und überprüfbar sei: in öffentlichen Sitzungen, bei Verkehrsplanungen, in Gesprächen mit Anwohnerinnen und Anwohnern und in konkreten Aushandlungsprozessen. Während nationale Politik oft fern und abstrakt erscheine, sei lokale Politik unmittelbar. Man rede miteinander, sehe sich wieder, erkläre Entscheidungen. Demokratie erschien in diesem Gespräch deshalb weniger als großes Prinzip, sondern mehr als Praxis der Nähe.
Gerade in diesem Kontext erscheint die Städtepartnerschaft zwischen Tübingen und Ann Arbor als politisch relevante Infrastruktur der Verständigung. Taylor sprach ausdrücklich davon, dass solche Partnerschaften die Welt „kleiner“ machten: Sie ermöglichten Lernen, Perspektivwechsel und persönliche Verbindung über nationale Grenzen hinweg. Sein Besuch in Tübingen habe ihm beispielsweise die Fahrradkultur nähergebracht und ihn dazu bewegt, öfter aus Rad zu steigen.
Lokale Beziehungen als demokratische Ressourcen
Das Gespräch machte damit zweierlei deutlich. Erstens: Die Krise demokratischer Öffentlichkeit in den USA ist keine rein amerikanische Angelegenheit. Themen wie Wissenschaftsfreiheit, Vertrauen in Institutionen, Migration oder politische Polarisierung berühren auch europäische und deutsche Debatten. Zweitens zeigte das Gespräch, dass gerade die lokale Ebene Räume eröffnen kann, in denen demokratische Werte nicht nur besprochen, sondern praktiziert werden: in Verwaltungen, Universitäten, Vereinen und eben auch in Städtepartnerschaften.
Hinweis: Dieser Artikel entstand im Zuge einer Medienpartnerschaft zwischen der Kupferblau und dem Deutsch-Amerikanischen Institut.
Beitragsbild: Christopher Taylor / dai

