Der Kammerchor der Universität Tübingen präsentiert meist kirchliche, ‚klassische‘ Chor-Werke. Für ihr letztes Konzert hatten sie Jazz-Komponist Wolfgang Lackschmid eingeladen. Was passiert, wenn ein Kammerchor auf einen Jazzvirtuosen trifft?
Der Jazz-Komponist und Musiker Wolfgang Lackerschmid war bei der Camerata Vocalis zu Gast. Er schuf für dieses Konzert ein eigenes Programm. Die Camerata ist der Kammerchor des Collegium Musicums an der Uni Tübingen.
Das Programm enthielt eine Mischung aus Eigenkompositionen von Lackerschmid für das Vibraphon und den Chor sowie verschiedene Jazz-Standards. Die Camerata, die sich sonst meist eher mit kirchlichen und ‚klassischen‘ A‑cappella‑Chor‑Werken befasst, wagte sich auf unbekanntes Terrain. Unerschrocken meisterten die 34 Sänger*innen das anspruchsvolle Programm.
Virtuose auf dem Vibraphon
Wolfgang Lackerschmid ist nicht nur Jazz-Komponist, sondern auch ein Virtuose auf dem Vibraphon. Für diese Fähigkeiten ist er hauptsächlich bekannt und stellte diese bei Konzerten und Studioaufnahmen mit Jazz-Legenden wie Chet Baker, Attila Zoller und Lee Konitz unter Beweis.
Das Vibraphon ist ein Instrument, welches in den 1920er Jahren in der Jazz-Szene entstanden ist. Es erinnert vom Aussehen an ein großes Glockenspiel, gleicht aber vom Aufbau eher einer Marimba. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass bei einem Vibraphon der Klang durch Schlagen auf Metall erzeugt wird. Eine Marimba hingegen besteht aus Holz. Zusammen mit eben diesen und dem Xylophon gehört es zu den melodieführenden Instrumenten innerhalb der Schlagwerkgruppe.
Ein Programm eigens für diesen Abend
Der erste Block des Abends bestand aus Eigenkompositionen von Wolfgang Lackerschmid. In dem Stück Clochard Marcel mit dem Text von Florian Fontane imitierte der Chor instrumentale Elemente wie einen Walking Bass. Bei diesem Stück wurde das Publikum mit einem sich wunderbar fein ergänzenden Chor und Vibraphonklang auf das weitere Programm des Abends eingestimmt. Mit einer kurzen Solo-Überleitung am Vibraphon schloss sich das Stück Der alte Mond zur halben Nacht mit Text von Peter Dempf an. Ein reines Chorstück, bei dessen feinen Dissonanzen intonative Perfektion gefragt ist und von der Camerata geliefert wurde.

Danach folgten zwei Lieder mit Text von Bertolt Brecht. Zunächst Die kleine Rose, welches ursprünglich eine Komposition für Vokalsolist*innen war, ohne Chor oder Orchester. Lackerschmid hatte für diesen Auftritt ein Arrangement des Werks für Chor, Klavier und eine Vokalsolistin geschrieben, welches zur Aufführung kam. Mit einem musikalischen Arrangement von Brechts Kriegsfibel folgte auf das ruhige, zaghafte Stück ein von der Fülle und dem Nachdruck des Unisono geprägtes Stück. Besonders der Text der Kriegsfibel wurde dank der vielen Unisono-Passagen verständlich rübergebracht und blieb eindrücklich im Gedächtnis des Publikums.
Dem Komponisten, der bei den reinen Chorstücken andächtig mit auf der Bühne saß, sah man die Freude und den Stolz über die eigenen Stücke an. Das Lächeln, das der Chor ihm ins Gesicht zauberte, war ansteckend. Als Dirigent Philipp Amelung seine Arme als Schlusszeichen senkte, wurden diese beiden Stücke begeistert mit Beifall quittiert. Offenbar hatte es dem Publikum genauso gut gefallen wie dem Komponisten.
Bekannte Klänge
Mit Sanctus folgte ein Stück, welches eher zum üblichen Programm der Camerata passte. Besonders beeindruckten hier die Solist*innen, die allein Einwürfe gestalteten. Lackerschmid kombinierte lateinische und englische Texte, sodass auch Teile vom Liedtext ohne das Programmheft verständlich wurden. Vor dem Laudate durfte das Publikum zunächst noch Lackerschmid lauschen, wie er eindrücklich zeigte, was man mit dem Vibraphon alles machen kann. Das Laudate hob sich durch ein Klaviersolo vom restlichen Programm ab sowie durch ein langes Vibraphonsolo zum Schluss, das vom Chor sanft begleitet wurde.

Das letzte Stück vor der Pause, One More Life mit Text von Tricia Tunstall, leitete der Komponist wieder persönlich ein. Ursprünglich ein reines Instrumentalwerk, erklang es an diesem Abend im Chorsatz. Wie beim ersten Stück des Abends wirkten bei One More Life wieder Chor und Vibraphon zusammen. Beschwingt ging es in die Pause.
Jazz-Standards mal anders
Der zweite Teil des Abends bestand aus einer Mischung von Jazz-Standards. Den Auftakt machte All My Love von Coldplay. Ein jazziger Popsong, der mit Schwung und einer jazzigen Klavierbegleitung sowie einer Vokalsolistin überzeugte. Beim darauffolgenden All of Me von Gerald Marks war auch Lackerschmid wieder am Vibraphon zu hören und spielte ein zunächst virtuos improvisiertes Intro. Im Verlauf des Stücks wurde der Chorteil dann von einem Impro-Block des Klaviers und Vibraphons zusammen unterbrochen, welcher danach mit dem Chorklang verschmolz. Ein richtiges Publikums-Highlight.
Das bekannte Lied, La Vie En Rose, von Édith Piaf schloss mit gleicher Besetzung daran an. Unterbrochen von Vibraphon-Soli verzauberte es das Publikum und machte allen im Saal merklich Spaß. Darauf folgte von Jerome Kern das Stück All The Things You Are. Ein sanftes Chorstück, das zum wiederholten Male an diesem Abend durch Vibraphon-Improvisationen von Lackerschmid zu etwas Besonderem gemacht wurde.

Das Swing-Stück Blue Skies von Irving Berlin schloss sich dem an, bildete charakterlich aber einen großen Kontrast zum Vorausgegangenen. Vibraphon, Klavier und Schnipps-Gruppe prägten das Stück, welches wiederholt durch jazzige Gesangssoli unterbrochen wurde, die vom Publikum nun auch wie bei einem richtigen Jazz-Konzert mit Zwischenapplaus gewürdigt wurden. Es schien, als hätte sich auch das Tübinger Publikum im Laufe des Konzertes an den Jazz-Charakter gewöhnt und sich davon faszinieren lassen.
Mit dem letzten Stück des Abends, When October Goes & Autumn Leaves von Joseph Kosma und Barry Manilow, klang das Konzert sanft aus. Hätte man gedacht, doch dem überaus verdienten, euphorischen Schlussapplaus schloss sich eine Zugabe an, die mit viel Swing und Vibraphon und Klavier überzeugte.
Experiment und Bereicherung
Das Experiment Jazz ist der Camerata Vocalis definitiv gelungen. Die Zusammenarbeit mit Lackerschmid war eine Bereicherung nicht nur für das Repertoire des Chores, sondern auch für das Tübinger Publikum. Dieses durfte sich an dem Abend nicht nur über seinen talentierten Kammerchor freuen, sondern auch über den Auftritt von Wolfgang Lackerschmid. Was passiert, wenn ein Kammerchor auf einen Jazzvirtuosen trifft? Ein wunderbarer Konzertabend, der in seiner Einzigartigkeit erfrischte.
Beitragsbild: Katharina Schmidt

