Kultur Theater

„Aufhängen sollte man sie!“ – Hitzige Stimmung im Brechtbautheater

Anspannung, Misstrauen, Angst und jede Menge Feuer: In der Inszenierung des Stücks „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch durch die Theatergruppe Tüater ging es heiß her. Ein Abend im Rückblick.

Gottlieb Biedermann ist der Inbegriff eines Schein- und Gelegenheitsmoralisten, eines großbürgerlichen Spießers. Zusammen mit seiner Frau Babette lebt er in einer Stadt, die von wiederkehrenden Brandstiftungen heimgesucht wird. Biedermann ist erbost darüber, dass solches Gesinde sein Unwesen in der Stadt treiben könne, und ergreift schnell große Worte: „Aufhängen sollte man sie!“

Ein Besucher im Hause Biedermann

Anna, das Dienstmädchen Biedermanns, kommt herein und meldet, dass ein Hausierer vor der Tür stehe und Biedermann sprechen wolle. Dieser wehrt ab, doch ehe er es sich versieht, steht der seltsame Mann bereits vor ihm und stellt sich als Herr Schmitz vor. Eine böse Ahnung beschleicht das Publikum, denn geradezu unheimlich mutet der Gast an.

Durch plumpe Direktheit und gleichzeitig geschicktes Manipulieren gelingt es ihm im Handumdrehen, den zwar arroganten und hochnäsigen, doch eigentlich willen- und durchsetzungsschwachen Biedermann dazu zu bewegen, ihm den Dachboden zum Nächtigen zur Verfügung zu stellen. Nicht von ungefähr kommt es, dass man im Publikum den Anfang einer Katastrophe hiermit eingeläutet glaubt, denn die roten Socken scheinen einen allegorischen Verweis auf die Feuersbrünste, die die Stadt erfasst haben, zu liefern.

„Was ist in diesen Fässern?“

Ohnmächtig beobachtet das Publikum, wie die Katastrophe, die es bereits früh ahnte, sich auftürmt oder vielmehr aufgetürmt wird: Denn Schmitz – oder Sepp, wie er sich auch nennt – beginnt, von Biedermann zunächst unbemerkt, Fässer mit Benzin auf den Dachboden zu schaffen. Behilflich ist ihm dabei sein Komplize Willi Eisenring. Schließlich lässt sich Biedermann auf dem Dachboden blicken. Es erscheint in höchstem Maße unbegreiflich, wie er zunächst keinerlei Notiz von dem ihm bisher unbekannten Eisenring noch von dem aufgetürmten Brandbeschleuniger nimmt.

Erst verzögert bemerkt er beide Veränderungen, doch scheinen wahrnehmen und wahrhaben wollen in seinem Fall weit voneinander getrennt. Nicht anders ist es zu erklären, dass er sich offensichtlich dagegen sträubt, anzuerkennen, dass es sich bei den beiden Herren allem Anschein nach um Brandstifter – um die Brandstifter – handelt.

Biedermann und die Brandstifter bei den Benzinfässern. Bild: Tüater

Es beginnt ein sich durch das Stück ziehender Prozess der aktiven und bewussten Selbsttäuschung und Beruhigung. Unter anderem eine unerwartete Rap-Einlage, welche die beiden Brandstifter aus dem Ärmel schütteln, um einen zufällig eintretenden Polizisten davon zu überzeugen, dass in den Fässern „Haarwasser“ sei. So amüsant dieser spontane musikalische Einwurf dem Publikum erscheinen mag, er ändert doch nichts daran, dass die Atmosphäre immer beklemmender wird und einen starken Einschlag ins Groteske gewinnt. Nicht zuletzt wird dieser Eindruck auch durch das Makeup der Darstellenden hervorgerufen, das die Gesichtszüge unnatürlich deutlich hervorhebt und so ins Maskenhaft-Groteske verzerrt.

Bei Tisch

Zunehmend bekommt es Biedermann mit der Angst zu tun, denn er ist nicht länger imstande, seine bösen Vorahnungen gänzlich zu verdrängen. Um seine beiden Gäste zu besänftigen und sie seiner Freundschaft zu versichern, gibt er ein Essen für sie. Dabei ist er darauf bedacht, möglichst alle Anzeichen eines großbürgerlichen Haushaltes verschwinden zu lassen und sich betont bodenständig zu geben, um den Anschein zu erwecken, mit seinen Gästen auf einer Augenhöhe zu dinieren.

Biedermann, Babette und die Brandstifter gemeinsam bei Tisch. Bild: Tüater

Die Stimmung ist zutiefst angespannt, immer offener sprechen die Gäste über ihr Brandstifter-Handwerk. Zunehmend offenbart sich auch die ängstliche Spießernatur Biedermanns. Die Namensgebung lässt in Kombination mit dem Gebaren auf der Bühne deutlich werden, dass es sich bei Biedermann im wahrsten Sinne des Wortes um die archetypische Figur eines Biedermanns handelt – ein opportunistischer, duckmäuserischer Spießbürger.

„Es gibt keine Klassenunterschiede!“ – Biedermann zu den Brandstiftern

Nach einer Reminiszenz an den Ruf des Todes aus Hugo von Hofmannsthals Jedermann, welcher dann  in den „Biedermann-Ruf“ umschlägt, beginnt schließlich eine neue Steigerung des Absurden: Sepp setzt zum lauthalsen Singen des Liedes Fuchs, du hast die Ganz gestohlen an, in das Herr Eisenring und Biedermann einstimmen. Schließlich überreden die Brandstifter Biedermann, ihnen Streichhölzer zu leihen und verschwinden.

Kurz darauf steht die Stadt in Flammen und auch das Haus Biedermanns brennt. In der Ferne explodieren die Gasometer der Stadt, was die Inszenierung mit immer schneller aufeinanderfolgenden Intervallen von dumpfen Explosionsgeräuschen eindrücklich zum Ausdruck bringt. Mithilfe dieser Technik gelingt es, den Aufführungssaal des Brechtbautheaters in die Atmosphäre einer infernalischen Apokalypse zu tauchen.

„Wir wollen keine Barmherzigkeit!“

Im Folgenden schließt sich ein radikaler Bruch an: Babette und Biedermann begreifen, dass sie verstorben sind, finden sich aber an einem ihnen unbekannten Ort wieder, von dem sie mutmaßen, dass es sich um den Himmel handeln müsse. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie sich in der Hölle befinden, und die Biedermanns verfallen erneut in ihr selbstsüchtiges Getue, legen Protest ein und können es nicht fassen, dass sie als vermeintlich rechtschaffene Bürger in der Hölle gelandet seien.

An dieser Stelle der Inszenierung tritt besonders zutage, wie gut sich die Darstellungen von Biedermann und Babette schauspielerisch ergänzen und ein stimmiges Bild eines entrüsteten Oberschichtenpaars abgeben, das nicht der Dreistigkeit ermangelt, sich als Opfer zu inszenieren.

Biedermann und seine Frau Babette in der Hölle. Bild: Tüater

Es scheint, als hätten Biedermann und Babette nichts gelernt – wie sie auf der Erde waren, so sind sie in der Hölle. Plötzlich erscheint der Teufel in Bischofstracht, er offenbart sich als Herr Eisenring, während sich Sepp als Beelzebub zu erkennen gibt. Die Biedermanns buhlen um Empathie, um aus der Hölle entlassen zu werden, doch die Hölle findet sich ohnehin in Aufruhr, da sie erbost ist über die Amnestie vieler verbrecherischer Menschen, die zu deren Aufnahme in den Himmel geführt hat.

In der Hölle müsse man sich mit Kleinkriminellen und Intellektuellen begnügen. Hiergegen begibt man sich verärgert in Streik, der Teufel/Herr Eisenring lässt die Hölle löschen und zieht mit Herrn Schmitz/Sepp wieder zur Erde aus. Orgelmusik ertönt, der Chor verkündet freudig, die Stadt sei auferstanden, und das Ehepaar Biedermann hofft, nun doch aus der Hölle befreit zu sein.

Der Chor innerhalb des Stücks

Eine besondere Würdigung verdient der innerhalb des Stücks immer wieder auftretende Chor. Ihm kommt in der Gesamtkomposition des Stücks eine entscheidende Rolle zu, die auch die Inszenierung des Tüaters überzeugend aufgreift. Einerseits lassen die antikisierende Sprache, das kommentarische Auftreten und Begleiten der Handlung ihn zu einer Konstante werden, die das typische Moment des Chors der griechischen Tragödie verkörpert, andererseits stellt der Chor Biedermann auch explizit zur Rede. Hier durchbricht er die nur scheinbar festgelegte Rolle des Spektators und Kommentators und tritt in ein dialogisches Prinzip mit dem Protagonisten ein, das ihn zum wirklichen Akteur des Stückes werden lässt.

„Der nämlich zusieht von außen, der Chor, [l]eichter begreift er, was droht.“ – Der Chorführer reflektiert inmitten der Handlung über den Chor selbst

Diese Aufgabe der traditionellen Definiertheit des Chors ist zugleich eine Reaktion auf seine grundsätzliche Gegensätzlichkeit zur fast schon komödiantischen Groteske des restlichen Bühnengeschehens. Gerade beim Übergang von der betrachtenden zur eingreifenden Instanz kommt die Inszenierung des Chors zur Geltung. Er tritt zwar in der Gesamtheit seiner Mitglieder Biedermann wie als eine einzige Person in dialogischer Form gegenüber, bleibt gleichzeitig jedoch stark in einer rein feststellenden Art des indirekten Kommentierens verhaftet.

Ausdruck findet diese vor allem in der ausgeprägten Mimik, die die Darstellenden als überzeugende Reaktion des Chores auf Biedermanns Ausflüchte in Szene setzen. Der Chor weiß sich also nicht gänzlich von seiner traditionellen Verwiesenheit auf eine Beobachterposition zu emanzipieren und ist daher in letzter Instanz gegenüber dem weiteren Verlauf der Handlung doch machtlos.

„Weh uns! Weh uns! Weh uns!“ – Der Chor in seiner mahnenden und vorausdeutenden Funktion

Um die Einheit des Chors darzustellen, setzt die Inszenierung auf eine Art Uniform, deren Hose Ähnlichkeiten mit Feuerwehrkleidung aufweist. Gleichzeitig tragen die Mitglieder des Chors eine Art blaues Schultertuch, was den Feuerwehreindruck zur Verfremdung führt und ein eher antikisierendes Moment darstellt. Zur Geltung kommt der Chor insbesondere auch durch den ständig zu hörenden Glockenschlag, der ihn in seinen Funktionen als „Nachtwächter“ und Feuerwehr oftmals begleitet.

Der Biedermann in uns selbst

In seinem Programmheft macht Tüater deutlich, in welchem Licht es das Stück betrachtet. Unter der Überschrift „Der Biedermann in uns selbst“ sind hier Eigenschaften aufgelistet, die wir schnell an uns selbst erkennen können und die wir mit Biedermann teilen, so z. B. Gedanken wie „Wenn ich das Problem ignoriere, wird es schon verschwinden.“, „Es sollte sich wirklich mal jemand darum kümmern.“ oder „Mein Selbstbild ist wichtiger als die Realität.“ Damit wird klar: Biedermann ist nicht einfach ein tadelnswürdiger Spießer, sondern Biedermann sind wir selbst.

Anna und Biedermann – wieviel von ihm steckt in uns? Bild: Tüater

In jeder und jedem von uns steckt ein bisschen Biedermann. Wenn wir uns aus der Position des Publikums über Biedermann erheben und den Kopf über ihn schütteln, sind wir genau in diesem Moment Biedermann selbst am ähnlichsten. Denn indem wir ihn tadeln, setzen wir uns über unsere eigenen Biedermann-Anteile hinweg, wir ignorieren sie und schweigen sie tot. Nichts anderes tut Biedermann, wenn er sich als der moralisch integre Mensch darstellt, der sich immerzu an die Zehn Gebote gehalten habe.

Wir aber sind dazu aufgefordert, uns den Biedermann in uns einzugestehen. Insofern lädt die Inszenierung dazu ein, sich weitergehenden Selbstreflexionen über unser eigenes Wesen auszusetzen. Mit diesen Gedanken lässt sich das Resümee einer rundum gelungenen Inszenierung beschließen, die Lust darauf macht, dem Brechtbautheater auch in Zukunft noch häufiger einen Besuch abzustatten. 

Beitragsbild: Tüater

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