Kuscheltiere verarzten und gleichzeitig Kindern die Angst vor Krankheiten und Krankenhaus nehmen – diese einmalige Kombination bietet die jährliche Teddyklinik Tübingen, die auch dieses Jahr wieder im Rathaus öffnete.
Wie konnte ich nur aufwachsen, ohne jemals meine Kuscheltiere professionell auf Herz und Nieren prüfen zu lassen? Das erscheint mir im Nachhinein doch hochgradig unverantwortlich. Glücklicherweise können Kinder seit 2002 ihre Kuscheltiere im Rahmen der Teddyklinik in Tübingen jährlich von angehenden Expert*innen durchchecken lassen. Auch dieses Jahr boten Tübinger Student*innen der medizinischen Fakultät im Rathaus eine Rundumversorgung der flauschigen Freund*innen an. Die wurde dankbar angenommen: Über 1000 Kinder besuchten die Teddyklinik, teils in Begleitung der Geschwister, Eltern oder Großeltern.
Die Bandbreite der Kuscheltiermedizin
Wie im echten Leben begann der Besuch mit einer Anmeldung im Foyer. Hier bekamen die Kinder Nummern für ihre Kuscheltiere zugewiesen. Im ersten Stockwerk wartete anschließend die ganze Bandbreite der Medizin auf sie: MRT, Röntgen, Ultraschall, EKG, Laboranalyse und sogar Zahnmedizin. Man mag es kaum glauben, aber auch Teddys sollten ab und zu auf Karies gecheckt werden.

Für die Medikamente, die den Kuscheltieren verschrieben wurden, war natürlich auch gesorgt: In der klinikeigenen Apotheke boten Noah und Konstantin als Apotheker Pflaster und Verbandszeug an und erklärten den Kindern den positiven Nutzen verschiedener Kräuter – so etwa Fenchel gegen Bauchweh – an der aufgestellten Kräutersammlung. Und natürlich wurde Schokolade ausgegeben. Die wirkt bekanntlich wahre (medizinische) Wunder.
Aber nicht nur die Kinder profitierten von diesem ungewöhnlichen Begegnung. Wie die beiden Apotheker Noah und Konstantin erklärten, könnten sie so wichtige Erfahrungen in der Kommunikation sammeln – gerade weil diese Altersgruppe in Apotheken nicht zur Tagesordnung gehöre.

Nicht NUR knuffig!
Die Aktion ist aber nicht nur lustig und knuffig anzusehen, sondern verfolgt einen durchaus ernsten Hintergrund: Viele Kinder, und natürlich auch manche Jugendliche und Erwachsene, haben Angst vor Krankenhausbesuchen, Untersuchungen, Behandlungen und Operationen. In der Teddyklinik soll mit dem Bild der sterilen, weißen Klinik mit Gestalten in weißen Kitteln gebrochen werden: Die Studierenden wollen Kindern die Angst nehmen und ihnen gleichzeitig die verschiedenen Berufsfelder nahebringen, denn medizinischer Nachwuchs ist für unsere Gesellschaft unverzichtbar. Zugleich lernen die Kinder ihre Kuscheltiere wertzuschätzen und werden darin bestärkt, sich (weiterhin) gut um sie zu kümmern.
Eine Win-Win-Situation
Aber was sagen die Student*innen und Besucher*innen selbst? Sarah studiert Medizin, ist Teil der Projektleitung und erzählt, dass die Aktion jede Anstrengung wert sei. Man blicke in glückliche, teils schüchterne, aber immer neugierige Gesichter und wisse um den positiven Nutzen der Aktion. Vielen Studierenden sei zudem besonders aufgefallen, wie höflich die Kinder seien.

In Sarahs Lieblingsraum, dem OP-Saal, treffen wir auf zwei Studentinnen in der letzten Schicht des Tages. Sie berichten ebenfalls von sehr positiven Eindrücken und erklären, wie viele Kuscheltiere sie an diesem Tag von verschluckten Schlüsseln befreien konnten.
Wie die Kuscheltiere das Erlebnis beurteilten, kann ich nicht sagen. Trotz mehrfacher Rückfragen gaben sie mir keine Antwort. Vermutlich war hier die Aufregung um den ersten Arztbesuch zu groß. Begeistert waren aber die Eltern und Großeltern. Viele seien über Aushänge im Kindergarten auf die Aktion aufmerksam geworden und in diesem Jahr zum ersten Mal zu Besuch. Allesamt erzählten sie mir, wie wichtig und gelungen sie die Aktion fänden. Bei solch einer positiven Resonanz stehen die Chancen gut, dass die Teddyklinik auch im nächsten Jahr wieder vielen Kuscheltieren und ihren jungen Besitzer*innen helfen kann.

