Kultur Musik

Bunt gemischtes Konzertprogramm

Meistens wird hinter der Auswahl der Stücke eines Konzertprogramms einen Zusammenhang erkannt, eine Dramaturgie. Doch was haben Franz Schubert, Johann Strauss, Georges Bizet und Maurice Ravel musikalisch gemeinsam? Das Akademische Orchester der Universität Tübingen schaffte es bei seinem Konzert Ende Januar, die Musik dieser Komponisten zu verbinden. 

Beim Konzert zum Semesterende präsentierte das Akademische Orchester dem Publikum in der Neuen Aula ein abwechslungsreiches Programm. Den Auftakt machten 5 Stücke aus den Carmen-Suites von Bizet 

Den Auftakt machte, vor der Séguedille, die Aragonaise aus der ersten Suite. Die Séguedille begeisterte danach durch einen ruhigen, leichtfüßigen, fast schon tänzerisch wiegenden Charakter, den das Orchester scheinbar mühelos durch den Raum schweben ließ. Bei der Habanera konnte der bekannte Text förmlich gehört werden, ein Thema mit Ohrwurmgefahr und so gut gespielt, dass beim Hören die verführende Carmen direkt vor Augen erscheint

Beim Chanson du Toréador tanzten danach die Stiere durch den Saal. Der sich im Kreise drehende Danse Bohème endete den Bizet-Block mit einem, sich immer weiter aufbauschenden, dramatischen Klang, der die Endszene der Oper sehr anschaulich vertonte. Das Orchester ließ nun nicht nur den Stier um seinen Tod tanzen, sondern auch Carmen selbst. 

Internationales Konzertreisenflair in der Neuen Aula

Mit dem Klavierkonzert in G-Dur von Ravel begann der Teil des Programmes, den das Orchester, laut Universitätsmusikdirektor Philipp Amelung, bereits im Dezember vergangenen Jahres auf Konzertreise in Vietnam gespielt hatte. Als Gegeneinladung war der Solist aus Hanoi in Tübingen zu Gast. In zwei Sätzen verzauberte der Preisträger des 17. Nationalen Klavierfestivals Chopin’s Interpretations of the Young (2021) das Tübinger Publikum mit ausdruckstarker Gestik und viel Gefühl.

Eingeladen in Hanoi – der Solist aus Vietnam verzaubert das Tübinger Publikum. Bild: Katharina Schmidt

Im ersten Satz verschmolzen der Klang des Solisten und des Orchesters zu einem gut eingespielten Klangkörper. Die gemeinsame Konzerterfahrung des Solisten und Orchesters machte sich in ihrer feinen Abstimmung bemerkbar. Die jazzigen Klänge bildeten einen Kontrast zum restlichen Programm Im zweiten, deutlich virtuoseren Satz konnte Solist Việt Trung Nguyễn dann auch losgelöst vom Orchester sein Können unter Beweis stellen. Er meisterte die anspruchsvollen Stellen mit Bravour und hatte sich den langanhaltenden Applaus des Publikums mehr als verdient. Mit einer Zugabe knüpfte er, merklich gerührtan seine vorherige Darbietung an.  

Beeindruckender Schubert

Zu Schuberts 229. Geburtstag war das zentrale Werk an diesem Abend dessen 8. Sinfonie, die sogenannte ‚Unvollendete‘. Den Beinamen hat sie erhalten, da sie nicht über die üblichen vier vollständigen Sätze verfügt, sondern Schubert nur zwei Sätze fertigstellte und einen dritten Satz lediglich angefangen hatte. Mit großem Feingefühl für Dynamik und gutem Zusammenspiel meisterten die Studierenden das Werk. 

Das eingängige Thema des ersten Satzes, welches zunächst verhalten in den Celli und später geballt in den Geigen erklang, zog sich wie ein roter Faden durch den Satz. Im zweiten, ruhigeren Satz zeigte das Orchester, dass es verschiedenste Stimmungen in Perfektion vertonen kann. In an- und abschwellenden Wellen verwandelte sich der Satz immer wieder ein wenig, bis der Klang sich zum Schluss ein letztes Mal aufbaute, bevor er sanft im Raum verklang.  

Musik bereitet Freunde

Der Kaiserwalzer von Strauss schloss ohne Pause an den zweiten Satz an — fast so, als sei er als ein die Sinfonie ergänzender ‚dritter‘ Satz gemeint. Der Übergang war fließend, da der Kaiserwalzer erst nach ein paar Takten in den Walzer charakterisierenden ¾-Takt übergingDieses Werk regte nicht nur das Publikum zum Mitwippen an, auch Dirigent Philipp Amelung tanzte mit seinen schwungvollen Bewegungen förmlich über die BühneDie Kontrabässe wogen sich im Takt hin und her und es war allen Musiker*innen auf der Bühne anzumerken, dass sie Spaß an dem haben, was sie tun. Diese Freude übertrug sich auch auf das Publikum, das zum Schluss nicht mehr aus dem Applaudieren herauskam. 

Das Studierenden-Orchester hat den Saal mit ihrer Begeisterung für die Stücke angesteckt. Bild: Katharina Schmidt

Eine Zugabe musste her, um die Lust des Publikums auf mehr zu stillen. Es schloss sich die No. 5 Les Toreadors aus Carmen an. Ein letztes Mal tanzten an diesem Abend die Stiere durch den Saal. Damit war das Programm perfekt abgerundet. Wer im Zuschauerraum das bekannte Stück zu Beginn vermisst hatte, kam nun voll auf seine Kosten.  

Uni-Orchester?

Wie passten diese Stücke nun letztendlich zusammen? Bis auf die Werke aus der Carmen-Suite gehörten sie alle zu dem Vietnam-Tournee-Programm des Akademischen Orchesters. Was sie zusätzlich verband, war ihre Fähigkeit, dem Publikum aufzuzeigen, auf welchem Niveau dieses Studierenden-Orchester musiziert. Wenn an diesem Abend für einen Moment die Augen geschlossen wurden, konnte sich leicht in eines der größeren Konzerthäuser Deutschlands oder auf Tournee nach Hanoi geträumt werden.

Der außerordentlich professionelle Klang dieses Studierendenorchesters, das fast nur aus Amateur*innen besteht, transportierte die Zuhörer in eine Welt fern abseits von den Tübinger Universitätsgebäuden. Es ist beeindruckend, was diese Musiker*innen mit einer ordentlichen Portion Leidenschaft und vielen Proben erreichen können — und das alles neben ihrem Alltag an der Universität.

Beitragsbild: Katharina Schmidt

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