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Auf nach Lützerath!

Am 14. Januar hatten mehrere Bündnisse darunter Fridays For Future, Ende Gelände, die Letzte Generation und Lützerath lebt zu einer Großdemonstration in Keyenberg, einem Ort in der Nähe von Lützerath, aufgerufen. Zwei unserer Redakteur*innen waren dort.

Am Samstag den 14. Januar machten sich insgesamt 35.000 Klimaschützer*innen auf den Weg nach Lützerath. Das kleine Dorf in Nordrhein-Westfalen ist vor zweieinhalb Jahren zu einem der größten Symbole der deutschen Klimaschutz-Bewegung geworden. Das Land, auf dem Lützerath steht, wurde vom Energiekonzern RWE gekauft, um die 110 Millionen Tonnen darunter liegender Braunkohle abzubauen. Seitdem versuchen Klimaschützer*innen es vor diesem Schicksal zu bewahren, indem sie die leerstehenden Häuser dort besetzen. Anfang 2023 wurde mit der Räumung begonnen, nachdem die Bundesregierung mit dem Energiekonzern im Oktober einen Deal ausgehandelt hatte: Lützerath darf abgebaggert werden, dafür steigt RWE bis zum Jahr 2030 aus dem Braunkohleabbau aus. Klimaschützer*innen befürchten allerdings, dass durch den Abriss von Lützerath und die Verbrennung der darunter liegenden Kohle in kürzerer Zeit mehr CO2 ausgestoßen wird. Zwei unserer Redakteur*innen machten sich mit tausenden anderen Menschen auf den Weg nach Lützerath, um das zu verhindern. 

Teil 1: Der frühe Vogel fährt nach Lützerath

von Ben Metz

Der Wecker klingelt uns nach etwa drei Stunden aus dem Schlaf. Die meisten Vorbereitungen wurden am Abend davor erledigt. Schicht für Schicht ziehen wir warme Klamotten an, darüber Regenhose, Regenjacke, Mütze, Buff. Es soll kalt werden in Lützerath. Außer dem Personalausweis und etwas Kleingeld ist der Geldbeutel leer, alles Unnötige wird Zuhause gelassen.  Die Verpflegung für den Tag haben wir in kleine Rucksäcke gepackt, die Trinkflaschen sind aus Plastik, nicht aus Glas oder Metall. Alle Teilnehmenden der Demo wurden im Vorfeld angehalten, nichts mitzunehmen, was als Waffe gezählt werden könnte. Ziemlich verschlafen und etwas nervös machen wir uns auf den Weg zum Bahnhof. Von dort soll uns der Bus nach Lützerath und wieder zurück bringen. Fridays For Future Stuttgart hat ganze drei Busse organisiert bekommen, alle voll besetzt. Dementsprechend viele Menschen warten am Bussteig, als wir ankommen.

Zu der Demo bei Lützerath kamen tausende Menschen. Viele mit selbstgemalten Schildern.

Im Bus sehen wir viele selbstgemachte Protestschilder aus Pappe. ‚Lützerath bleibt!‘ steht auf ihnen geschrieben, daneben ein großes gelbes X als Zeichen des Protests. Über Signal verfolgen wir bereits seit Tagen einen News-Ticker von Seiten der Aktivisti vor Ort. Als wir auf die Autobahn fahren, leuchten blaue Lichter in der Dunkelheit draußen auf. Die Polizei hält uns an. Sie scheint auf uns gewartet zu haben. 10 Minuten lang passiert nichts. Dann werden wir durchgelassen. 

Gute Stimmung im Bus

Weiter vorne im Bus sitzt eine große Gruppe jüngerer Menschen. Ich schätze sie auf etwa 16. Seit der Kohlebagger in Sicht kam, singen sie ein Lied nach dem anderen über Klimaschutz und Aktivismus und üben die Sprechchöre für später ein. Sie scheinen auf jeden Fall vorbereitet zu sein. Ich bin es nicht. Ich bin zum ersten Mal bei einer Demonstration dieser Größenordnung dabei. Die Berichte über Lützerath, die Bilder, die Videos – all das macht mich eher nervös. Ich glaube ich hatte mit einer gewissen Ernsthaftigkeit der anderen Teilnehmer*innen gerechnet. Doch die Stimmung im Bus ist gut. Bisher fühlt sich die Anreise mehr wie die Fahrt zu einem Festival an als zu einer Großdemonstration zur Rettung des Klimas. Wir fahren von der Autobahn runter und stehen zusammen mit hunderten anderen Reisebussen im Stau auf dem Weg nach Lützerath.

Endlich angekommen steigen wir ungeduldig und aufgeregt aus dem Bus. Kalter Regen peitscht uns windig ins Gesicht. Mir ist sofort kalt. Zügig folgen alle den Menschenmassen, die um uns herum aus den etlichen anderen Bussen in Richtung Startlinie der Demonstration strömen. Dann setzt sich der Klimazug (die Demo) in Bewegung.

Demozug durch Keyenberg

Ganze zwei Stunden führt uns der Klimazug durch Keyenberg. Ein Nachbarort von Lützerath unweit von der Abbruchkante des Braunkohlet-Tagebaus Garzweiler. Unter strömendem Regen werden Sprechchöre gesungen, Parolen gebrüllt und Musikkapellen zu einer Zugabe aufgefordert. Bisher gibt es keinen großen Unterschied zu einer Demonstration wie ich es z.B. von Fridays For Future gewohnt bin. Jetzt allerdings erreichen wir das offene Feld. Dort, wo weiter hinten die Kundgebung stattfindet, und Greta Thunberg sprechen soll. Der Wind nimmt zu. Die Plakate werden wieder unter den Arm genommen, damit sie nicht davonfliegen. Der Marsch bis zum Redner*innen-Podium besteht daraus, die Köpfe einzuziehen und durch Wind und Regen zu stapfen. Schräg links vor uns tut sich in einiger Entfernung der Tagebau auf.

Dystopischer Tagebau

Wir haben es bis zur Kundgebung geschafft und hören einige Minuten einem Vortrag zu. Dann beschließen wir, bis vor zur Abbruchkante des Tagebaus zu gehen. Nicht weit von uns steht wieder einer dieser riesenhaften Bagger in der Senke. Wir bahnen uns den Weg über das aufgeweichte Feld bis hin zum Kohlebagger. Der Matsch zieht uns dabei fast die Stiefel aus. Ich schaue mich um. Erst jetzt wird mir das Ausmaß der Menschenmassen, die tatsächlich heute hergekommen sind, bewusst. Tausende Menschen tummeln sich auf der großen weiten Fläche zwischen Keyenberg und dem Tagebau. Als wir an der Kante des Tagebaus stehen, schaue ich in die Senke von Garzweiler und es verschlägt mir die Sprache. Der Anblick dieser grau-braunen Mondlandschaft lässt sich mit einem Wort beschreiben: dystopisch. Neben mir sagt eine Stimme verbittert: „Es sieht aus wie eine riesige Wunde.“ Der Graben erstreckt sich vor uns fast bis zum Horizont. Schätzungsweise 30 Meter tief geht es herunter von unserem Standpunkt aus bis zum Boden des Abbaugebiets. Dort tummeln sich in grellgelben Westen beachtlich viele Security Guards, die damit beauftragt sind, den Braunkohlebagger vor möglichen Sabotagen der Aktivisti zu beschützen. Ich drehe mich um. Von der Kundgebung her schallt eine Frauenstimme. Sie spricht Englisch. Greta Thunberg! Wir kämpfen uns durch den Matsch in Richtung Podium, doch als wir ankommen, ist ihre Rede schon vorbei.

Der Blick in die Tagebaugrube sorgt für Fassungslosigkeit bei allen Anwesenden.

Die Mehrzahl der Demonstrierenden, die sich vor dem Podium zusammengefunden hatte, marschiert nach Gretas Rede los, in Richtung Lützerath. Dort werden sie bereits von einem Großaufgebot der Polizei erwartet. Wir wollen mit, doch dafür bleibt keine Zeit. Als wir dreckig, nass und müde am Bus ankommen und ich mich geplättet in meinen Sitz fallen lasse, checke ich den Newsticker von Signal.  Er zeigt mir Videoaufnahmen von Lützerath, keine 15 Minuten alt. Auf den Aufnahmen wird ein Aktivist brutal von der Polizei zusammengeschlagen und von Sanitäter*innen weggetragen. Vielleicht bin ich doch ganz froh, diesen Teil der Demonstration verpasst zu haben. 

Teil 2: Kein Weg nach Lützerath

Der*Die Autor*in möchte lieber ungenannt bleiben.

Wozu Ben bei seinem Aufenthalt auf der Demonstration die Zeit fehlte, das habe ich miterlebt: Ich habe mich mit tausenden anderen Demonstrierenden auf den Weg nach Lützerath gemacht – genauer gesagt auf den Weg in Richtung des Bauzaunes, der uns daran hindern sollte, nach Lützerath zu kommen. Unser Ziel war von Beginn an das Dorf zu erreichen, um es anderen Aktivisti zu ermöglichen, Lützerath wieder zu besetzen. Das Überraschendste war für mich bis zu diesem Zeitpunkt die kaum vorhandene Polizeipräsenz auf der Demo gewesen. Selbst in der Nähe der Tagebaukante standen nur etwa drei Polizeiautos, obwohl das doch anscheinend lebensgefährlich war. Tausende Demonstrierende, aber wo blieb die Polizei? Ein Blick über die Senke beantwortete meine Frage. Zahlreiche Polizeiautos und Einsatzkräfte hatten sich am Bauzaun vor Lützerath aufgereiht. Das Hauptziel der Polizei war schnell klar: Das Privatgelände eines riesigen Energiekonzerns schützen anstatt die Leben von Menschen.

Später sollten die Demonstrierenden immer wieder singen: “Wo wart ihr in Hanau?”. Sie bezogen sich darauf, dass hier tausende Beamt*innen standen, um das Land von RWE zu schützen, während bei den rassistischen Morde in Hanau keiner zur Stelle war, um die Menschen zu schützen. 

Etwa 100 Meter vor dem Bauzaun standen sich bereits Reihen von Demonstrierenden und Einsatzkräften gegenüber. Doch bevor wir sie erreichen konnten, hatten die Demonstrierenden bereits die Polizeikette durchbrochen und strömten weiter in Richtung des Dorfes. Dort schlossen wir uns ihnen an. Ein Moment, der bei mir für Gänsehaut sorgte, war, als wir aus der Ferne die Aktivisti in Lützerath auf ihren Baumhäusern stehen sahen. Die Demonstrierenden auf unserer Seite riefen ihnen zu: “Ihr seid nicht allein!” Daraufhin wurden auf beiden Seiten Feuerwerkskörper gezündet. Welches Gefühl die Aktivisti wohl verspürt haben müssen, als tausende Menschen auf sie zugeströmt kamen, um ihren Protest zu unterstützen? Ich konnte es mir gar nicht vorstellen, doch dazu blieb auch nicht viel Zeit, denn um uns herum brach das Chaos aus.

35.000 Menschen hatten sich trotz Regen, Wind und Kälte in Keyenberg einem Nachbarort von Lützerath versammelt.

Wir stehen hier für eure Kinder

Vorne hatte Demonstrierende sich beieinander untergehakt und bildeten Ketten, die sich den Einsatzkräften entgegenstellten. Dahinter standen einige Menschen und bewarfen die Polizist*innen mit Matsch und Feuerwerkskörpern. Manche von ihnen waren maskiert, andere nicht. Zudem waren alle Altersklassen vertreten. Die Menschen in den Ketten baten darum, nichts auf Einsatzkräfte zu werfen, da diese darauf mit Gewalt reagierten. Immer wieder rannten die Polizist*innen auf die Demonstrierenden zu und drängten sie mit Schlagstöcken und Tritten zurück. Ständig wurde nach Sanitäter*innen gerufen. Menschen weinten und hielten sich die Stellen, an denen die Einsatzkräfte sie mit den Schlagstöcken erwischt hatten. Immer wieder riefen sie: “Wir stehen hier für eure Kinder!” Manchmal fragte ich mich, was das bei den Polizist*innen wohl auslöste.

An zwei Stellen schafften Demonstrierende es schließlich durchzubrechen und weiter in Richtung der Bauzäune durchzudringen, bevor die Polizei sie wieder aufhielt. Irgendwann beließen es die Einsatzkräfte nicht mehr “nur” bei Schlagstöcken. Vor uns ritt ein Polizist auf einem Pferd durch eine Menschenkette. Ich bekam eine Ladung Pfefferspray direkt in die Augen, obwohl ich nicht einmal versuchte, den Einsatzkräften vor mir nahe zu kommen. Gegen 16 Uhr wurden schließlich die Wasserwerfer aufgefahren. Als Antwort darauf rüsteten sich die Demonstrierenden mit Regenschirmen aus. Doch es war Zeit für uns zu gehen. Der Rückweg zeigt uns, in welches Schlachtfeld sich der Ort verwandelt hatte. Der Boden war derart aufgeweicht, dass Menschen bis zu den Knöcheln im Schlamm steckten. Auf einer Wärmedecke mitten im Matsch verabreichten Sanitäter*innen  einer verletzten Person eine Infusion. Hinter uns erklangen noch vereinzelt Schreie, doch die meisten Demonstrierenden machten sich wie wir auf den Heimweg. Es war klar, dass wir es nicht mehr bis nach Lützerath schaffen würden.

Was bleibt?

Was bleibt von der Demonstration? Hauptsächlich Frustration! 24 Stunden später war Lützerath fast komplett geräumt. Außerdem hallt der Schock über die massive Polizeigewalt nach. Auf dem Rückweg trafen wir Menschen wieder, die wir bereits auf der Hinfahrt gesehen hatte. Einer berichtete, dass er von den Einsatzkräften zusammengeschlagen worden war. Seine Nase war wahrscheinlich gebrochen. Eine andere Person erzählte, dass sie die Gewalt als traumatisierend empfunden habe. Medial wird im Nachhinein kaum die Tatsache diskutiert, dass sich 35.000 Menschen zusammengefunden haben, um für Klimaschutz und gegen Abbau von Braunkohle zu demonstrieren. Vor allem die Gewalt von Seiten der Demonstrierenden wird thematisiert und die Politik nutzt diese Diskussion dankbar, um von ihrem eigenen Handeln abzulenken. Die Frage bleibt, was dieser Tag für die Zukunft der Klimaschutz-Bewegung bedeutet. Klimaschützer*innen überlegen öffentlich, ob der friedliche Protest noch ein sinnvolles Mittel gegen den Klimawandel darstellt. Kann man es ihnen übel nehmen, angesichts der Frustration, die sie verspüren müssen, da ihr Protest seit Jahren nicht ernst genommen wird?

Fotos: Ben Metz

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1 Kommentar

  1. Joshua Flugtier says:

    sehr guter Artikel, der auch mal die sichtweise eines Aktivisti zeigt! ich war ebenfalls dort und war über die einseitige und sehr oberflächliche darstellung durch die medien sehr schockiert, weil ich die Aktivisti nicht als gewalttätig wahrgenommen habe. und vielleicht könnt ihr ja mal polizist*innen interviewen!

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