Wer an Trash-TV denkt, denkt in der Regel nicht an russische Autoren des 19. Jahrhunderts. Doch die Inszenierung im Zimmertheater zeigt: Russisches Drama und Trash-TV sind sich gar nicht so fremd.
Der Untertitel des Stücks TEMPATION [Eine Platonow-Collage] verrät, dass es sich um eine Inszenierung des Dramas Platonow des russischen Autors Anton Tschechow handelt. Die Collage entstand als Diplomabschlussarbeit von Johanna Engel und ist ein radikales Kondensat des Originalstücks. Anders würde das Stück aber auch kaum funktionieren, denn im ungekürzten Zustand würde das Originalstück mehr als sieben Stunden dauern. In dem Stück geht es um den provinzialischen Lehrer Platonow. Dieser ist zwar verheiratet, doch vier andere Frauen (darunter auch die Frau seines Stiefsohns) verlieben sich in ihn. Überfordert mit dieser Situation und der Findung seines Platzes in der Welt, isoliert er sich selbst. Am Ende des Stücks wird er von seiner Ehefrau erschossen.
Temptation Island – Trash-TV gefällig?
Temptation. Das ist das erste Wort des gleichnamigen Stücks und auch das Motto der US-amerikanischen Reality-TV-Sendung Temptation Island. In diesem Format geht es darum, Beziehungen auf die Probe zu stellen. Dafür werden heterosexuelle Paare auf eine Insel geflogen. Dort gibt es jeweils eine Villa für die Frauen und eine für die Männer. In diese Villen werden dann Verführer*innen geschickt, die die Telilenehmer*innen zum Fremdgehen animieren. Am Lagerfeuer bekommen die Partner*innen regelmäßig das Videomaterial, das nicht selten böse Überraschungen enthält, zu Gesicht.

In so einem Format befinden sich auch die Figuren des Stücks. Da gibt es Aleks Platonov, einen Reality Star im Konflikt mit sich selbst und der Welt. Mit dabei sind außerdem Seine Freundin Christina Triljecki und die Verführerinnen. Johanna Grekova, die Chemie-Studentin, und dann Vanessa Egorovna Petrovna, das Ideal, hinter dem alle anderen Ideale verblassen. Dabei lässt sich Aleks, dessen Sprache der Liebe es zu sein scheint, Frauen als „dumme Gans“ zu bezeichnen, von allen drei Frauen verführen. Oder verführt er doch eher sie? Seine Liebe scheint jedenfalls für drei zu reichen. Oder am Ende doch für gar keine?
Wenn in der Collage verschiedene Ebenen verschmelzen
Wie das reguläre Publikum betreten auch die Schauspieler*innen Johanna Engel und Jel Woschni über die Zuschauertreppe den Saal. Er ist ist schlicht gehalten: Ein Mikrofon, ein E-Piano und im Hintergrund eine Videokamera. Während Woschni sich mit stylischer Sonnenbrille am E-Piano niederlässt, spricht Engel mit rauchiger Stimme den Titel ins Mikrofon: „Temptationnnnnnnnn“.
Johanna Engel startet mit einer scheinbar persönlichen Anekdote. Die erste Erfahrung mit Dating mit sogenannten Performative Males. Diese Erzählung wird unterbrochen von Jel Woschni, nun in der Rolle des Temptation-Island-Produzenten. So wird Engel vor die Kamera gesetzt und Johanna Engel wird zu Johanna Grekova. Die Show nimmt Fahrt auf, wobei Johanna Engel zusätzlich auch noch die Rollen von Vanessa, Christina und auch Aleks im Muskelanzug spielt. Im Laufe des Stücks werden nicht nur Kostüme und Rollen wild hin und her gewechselt, auch das Publikum wird Teil der Aufführung. So geht es sportlich zu, als ein zufällig ausgewählter Gast vor aller Augen Kniebeugen und Liegestütze zum Besten geben muss. Eine andere Gästin aus der ersten Reihe darf sich aus nächster Nähe an einem leidenschaftlichen Monolog unter vier Augen erfreuen.

Zugegebenermaßen ist man im Theater wie auch im Reality-TV nie wirklich allein und unter vier Augen. Das von der Kamera auf der Bühne aufgezeichnete Bild wird groß an die Wand projiziert, was eine weitere Ebene in der Collage eröffnet.
Von der Realität des Reality-TVs
Entgegen gängiger Vorurteile gegenüber des Trash-TVs, stellt Engel ihre Figuren als Teilnehmende mit Tiefgang dar. Da gibt es Johanna Grekova, die als gebildete Frau gar nicht fassen kann, dass sie in das Liebesdreieck von Aleks Platonow geraten ist. Ein Mann, der sie nicht einmal respektiert. Christina Triljecki, Aleks Freundin, die dabei zusehen muss, wie Aleks mit seiner großen Liebe Vanessa durchbrennt. Die Namen sind hier nicht zufällig gewählt, sondern spielen auf die aktuelle, deutsche Temptation Island Staffel an. Auch im echten Format betrügt der Aleks seine Freundin Christina mit der Verführerin Vanessa.
Aleks Platonow hingegen kämpft mit sich selbst, versucht, seine Menschlichkeit in all der geskripteten TV-Produktion zu finden. Johanna Grekova kommt nicht umhin, Aleks retten zu wollen. Ihre Gefühle drückt sie durch eine umgeschriebene Version von Sidos Song Carmen aus. Nur geht es hier nicht um Carmen, sondern um Aleks. Aus dessen Mund hört man eine leidenschaftliche Aufführung von Silbermonds Das Beste. Fast könnte man meinen, er würde Johannas Gefühle erwidern. Seine Taten sprechen jedoch eine andere Sprache.
Für Dich würd‘ ich sterben Alex. Eines Tages hole ich Dich hier raus
Das Stück behandelt den Konflikt zwischen Selbstwirksamkeit und Lebensumständen, die scheinbar unumgehbar sind
Die Figuren ringen nicht nur miteinander, sondern auch mit dem Produzenten Jel. Dieser hat zunächst die volle Kontrolle und bestimmt, wann getanzt, gesungen und interviewt wird. Ohne Rücksicht auf Verluste oder die Gefühle der Teilnehmenden. Zunächst kämpfen die Figuren ohne Erfolg um ihre Selbstwirksamkeit. Gegen Ende scheint Christina es geschafft zu haben. Ihr Schicksal hat sie, wenn auch gewaltsam, selbst in die Hand genommen. Doch ein wirkliches Happy End wird ihr nicht erlaubt. Das Stück endet mit ihrer Rückbesinnung auf die wichtigen Zuschauerzahlen und dem Vermarkten des Werbepartners.
Vor der eigenen Türe kehren
Wer sich beim Zuschauen moralisch überlegen fühlt, der wird noch während des Stücks auf die eigene Scheinheiligkeit hingewiesen. Ein ganzer Monolog wird der Frage gewidmet, ob die Zuschauer nicht selbst durch ihre Sensationslust moralisch verwerflich handeln und in welcher Hinsicht die Zuschauenden sich von den Teilnehmenden unterscheiden. Wie viel zählt ein Universitätsabschluss? Und macht das die Menschlichkeit wirklich aus?
Dem Stück gelingt es, all diese gesellschaftliche Kritik am Format des Trash- / Reality-TVs und dessen Publikum natürlich ins Stück einzubauen. Dabei ergänzen sich Humor und Ernsthaftigkeit in einer fesselnden Art und Weise. TEMPTATION zeigt: Gesellschaftliche Kritik kann alles andere als subtil sein, ohne übergestülpt zu wirken.
Beitragsbild: Luis Dekant

