Wie aktuell kann ein fast 200 Jahre altes Theaterstück sein? Annette Müllers Inszenierung von Leonce und Lena zeigt, dass Georg Büchners Fragen nach Freiheit, Sinn und gesellschaftlichen Zwängen auch die junge Generation von heute beschäftigen.
Vor fast 200 Jahren verfasste Büchner mit Anfang Zwanzig das Lustspiel Leonce und Lena, das sich zwischen romantischer Komödie und politischer Satire bewegt. Neben dem Formulieren einer Origkeitskritik verarbeitete er darin nicht nur die Bestrebungen des Vormärz, sondern auch seinen gleichzeitigen Wunsch nach Narrentum und Selbstverlust auf der einen Seite sowie nach politischer Revolution auf der anderen. Während das Stück also im klaren Kontext der damaligen jungen Generation entstanden ist, zeigt die Fassung von Annette Müller, aufgeführt im Theater Die Tonne in Reutlingen, dass die Krisen und Belastungen aus Georg Büchners Zeit uns auch heute nicht fremd sind.
Ein Klassiker im Sandkasten der Gegenwart
Das Stück spielt in einem Kasten voller dunklem Sand. Das Bühnenbild ist eher karg, neben einem weißen Pult sind noch vier blaue Gartenstühle, ein Mülleimer und mehrere Mikrofonständer zu sehen. Zunächst wird nicht gesprochen. Das junge Ensemble verkörpert dabei gelungen die Orientierungslosigkeit der jungen Generation. Die Schauspieler*innen sitzen und stehen gelangweilt auf der Bühne, scharren teilweise im Sand oder spielen mit dem Mikrofonkabel. Der eine versinkt im Stuhl und gleitet langsam zu Boden.
So wird gleich zu Beginn der Ton des Stücks gesetzt. Die Figuren wirken ziellos, gelähmt von einer existenziellen Langeweile und der Suche nach Sinn. Der Cast stellt diesen Zustand überzeugend dar. Dabei übernehmen die vier Schauspieler*innen mehrere Rollen und lösen damit feste Figurenzuschreibungen auf. Meist ist Constantin Gerhards als Leonce zu sehen, der zugleich dessen satirisch überzeichneten Vater König Peter spielt. Trigal Sandberger Cañas übernimmt überwiegend die Rolle der Lena, Kevin Citozi die des Valerio und Kristina Moiseieva die der Gouvernante.

Die Umsetzung beweist, dass Büchners Werk nicht an Aktualität verloren hat. Der Müßiggang und die existenzielle Langeweile, unter denen Leonce bereits im Original leidet, werden hier in Verbindung mit den Zukunftsängsten und der Orientierungslosigkeit der heutigen jungen Generation gestellt. Dabei werden Büchners gesellschaftskritische Überlegungen nicht bloß nacherzählt, sondern durch Anspielungen aus der heutigen Zeit in die gegenwärtige Stimmungslage und Sorgenwelt übertragen.
So wird beispielsweise Friedrich Merz‘ Kritik an der Work-Life-Balance zitiert, die das Thema des Müßiggangs in den Kontext ganz aktueller Debatten zur Arbeitsmoral junger Menschen setzt. Auch zahlreiche Verweise auf Themen wie Umweltverschmutzung, Erderwärmung oder den Ukraine-Krieg werden durch Ergänzungen aufgenommen. Büchners Fragen nach Sinn, Freiheit und gesellschaftlichem Zwang werden in die konkreten Krisen der Gegenwart übersetzt.
Ein Büchnertrümmer
Die Szenen sind frei zusammengesetzt, mit oft verschwimmenden Übergängen, die dem Stück etwas Collagenartiges verleihen. Wie das Programmheft deutlich macht, handelt es sich um ein „Büchnertrümmer“. Immer wieder werden Zitate aus anderen Werken Büchners eingearbeitet, wie etwa der wohlbekannte Ausruf „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ aus dem Hessischen Landboten, und Büchner selbst wird als Schöpfer der Figuren ins Spiel gebracht. Auch an anderen Stellen wird die Vierte Wand durchbrochen.
Besonders das Ende des Stücks lässt es so wirken, als würden die Figuren das Publikum selbst ansprechen. So entlässt Leonce am Schluss die imaginären Zuschauer*innen am Hof – und damit auch die tatsächlichen Zuschauer*innen – mit der Bitte, nach Hause zu gehen, dabei aber ihre Reden und Verse nicht zu vergessen, da man den Spaß am nächsten Tag in aller Ruhe von vorn beginnen werde. Als wäre der Lauf der Dinge so vorhersehbar, dass er sich eigentlich in der Sinnlosigkeit verliert.
Queere Lesart
Im Unterschied zum Originaltext sind die Liebespaare anders zusammengesetzt. So bilden sowohl Leonce und Valerio, als auch Lena und ihre Gouvernante ein Paar. Lena und Leonce dagegen verlieben sich nicht wie im Originaltext ineinander und heiraten somit nicht aus romantischer Zuneigung. Stattdessen scheinen sich die beiden entgegen ihrer eigentlichen Bedürfnisse dem Wunsch König Peters nach einer Heirat zu beugen und dadurch – wie abschließend betont wird – „das bestehende System zu akzeptieren und damit zu festigen“. Auch wenn sie diesem zum Schluss wortwörtlich den Mittelfinger zeigen.

Die (heterosexuelle) Ehe wird damit zum Sinnbild einer Ordnung, die die individuellen Wünsche der Figuren zugunsten sozialer Normen zurückdrängt. Damit hinterfragt die Inszenierung die Heteronormativität der Gesellschaft, deren Rollenkonstrukte die Figuren letztlich ohne Aussicht auf Selbstverwirklichung zum Opfer zu fallen scheinen. Dem Stück gelingt es damit, dem Schluss eine Ambivalenz zu verleihen. So erkennen die Figuren zwar die Zwänge des Systems, finden jedoch keinen Weg, sich diesen tatsächlich zu entziehen.
Theater für die Gen Z
Alles in einem schafft Annette Müller mit ihrem „Büchnertrümmer“ eine überzeugende Aktualisierung des Klassikers. Trotz starker Abweichungen bleibt die Interpretation den zentralen Fragen Büchners treu – Worin kann der Mensch Sinn finden? Ist ein Loslösen von gesellschaftlichen Zwängen überhaupt möglich und wenn ja, wie? Und welche Freiheit bleibt ihm letztendlich? Durch die Verbindung von Büchners zeitlosen Themen und den aktuellen Krisenfragen der Gen Z entsteht ein Theaterabend, der zeigt, wie auf Basis eines Klassikers die gegenwärtige Lebenswirklichkeit aufgegriffen werden kann.
Beitragsbild: Koch/ Tonne

