Kultur Theater

Patient Zero 1 – ein Einstieg ins postdramatische Theater

Das Stück Patient Zero 1 von Markus Peter Tesch thematisiert durch unkonventionelle Darstellungsformen die AIDS- und Corona-Pandemie — ohne dabei den Humor zu verlieren.

In Tübingen findet sich an vielen Ecken Kultur. Aber wer nicht so viel Geld übrig hat — wie so häufig bei Studierenden der Fall — hält sich manchmal instinktiv von kulturellen Veranstaltungen fern. Denn diese scheinen auf den ersten Blick nicht gerade preiswert zu sein.

Das Theater als Ort der Kultur. Bild: Kilyan Sockalingum auf unsplash

Aber tatsächlich gibt es bei genauerem Hinsehen einige Ermäßigungsangebote für Student*innen, die einem vielleicht gar nicht so bekannt sind. Eines davon ist das Zimmertheater in Tübingen. Dort ist ein bis zweimal im Monat Theatertag, bei dem alle — also nicht nur Studierende — nur den halben Preis zahlen. Damit will das Zimmertheater erreichen, dass „sich möglichst viele Menschen einen Theaterbesuch leisten können“.

Das besuchte Stück, Patient Zero 1, wurde von September bis etwa Mitte Dezember vom Zimmertheater im Löwen aufgeführt und behandelte, wie zuvor schon erwähnt, die AIDS und Corona-Pandemien. Das solch ernste Themen humorvoll auf die Bühne gebracht werden können, ist im ersten Moment vermutlich eher nicht zu erwarten.

Das Theater

Wer im Löwen ankommt, welches sich gegenüber vom Stadtmuseum in der Altstadt befindet, muss erst mal eine Treppe hoch und kommt dann in einen kleinen Empfangsraum. Dort können die Karten geholt werden. Da die Plätze allerdings begrenzt sind, empfiehlt es sich, diese vorher online zu kaufen.

Von dort aus führt eine Tür nach rechts in den Saal, in dem das Stück aufgeführt wird. Vorher geht es aber noch an einer kleinen Bar vorbei. Dort gibt es ein breites Erfrischungssortiment; von Alkoholischem bis hin zu Heißgetränken.

Das Stück startet auf unkonventionelle Art. Bild: Tobias Kopp

Vor offiziellem Vorstellungsbeginn gibt es noch eine Einführung. Diese fängt eine halbe Stunde vorher an und kann mit den regulären Karten besucht werden. Dabei gibt es ein paar kurze Hintergrundinfos zu dem Stück und dem Autor. Darin erfuhr das Publikum zum Beispiel, dass es keine feste Rollenverteilung gibt und das Stück mit drei statt ursprünglich vier Schauspieler*innen aufgeführt wird. Es ist nicht notwendig, an der Einführung teilzunehmen – allerdings lässt sich so ein guter Platz sichern.

Vorhang auf

Die Aufführung begann damit, dass die Darsteller*innen schon kurz nach der Einführung — 20 Minuten vor dem offiziellen Beginn — die Bühne betraten. Zunächst war eine Stimme zu hören, die über Lautsprecher wiedergegeben wurde. Die Schauspieler*innen sprachen nicht und bewegten sich sehr langsam, wie in Zeitlupe. Die Stimmen aus den Lautsprechern wiederholten und überlagerten sich so, dass teilweise drei Leute gleichzeitig sprachen. In Kombination mit Aussagen wie beispielsweise „ihr Gefahr, wir Gesellschaft“ oder „Pest“ wirkte die Situation zuerst etwas überfordernd.

Dann begannen die Schauspieler*innen zu sprechen, alle drei gleichzeitig und inhaltlich identisch, aber scheinbar ohne wirklichen Sinn. Halbsätze, hauptsächlich aus Füllwörtern und scheinbar gänzlich willkürlich liefen in Dauerschleife ab — es konnte der Eindruck gewonnen entstehen, dass sie eine andere Sprache sprechen würden.

Ein verborgenes Bühnenbild. Bild: Tobias Kopp

Obwohl dies eine interessante Darstellungsform und Erfahrung war, vermittelte es Zuschauern — besonders mit weniger Theatererfahrung — zunächst den Eindruck, dass der Inhalt des Stücks so schwer nachzuvollziehen sein könnte.

Aber als die Darsteller*innen verkündeten, dass jetzt  „endlich“ eine Szene kommen würde, war das die erste von vielen witzigen Bemerkungen, die das Stück ausmachten. Die Szene ging mit der Offenbarung eines zuvor versteckten Bühnenbilds und einer Kostümveränderung einher.

Die Szene beginnt

Die Schauspieler*innen sprachen weiterhin meist simultan, wenn sie als erzählende Instanz fungierten. Aus der Perspektive eines Ich-Erzählenden wurde dargestellt, wie die Tod — in weiblicher Darstellung, da Tod kein Geschlecht kennt — sich in einer Existenzkrise befand und letztendlich auf einer Hausparty auftauchte. Wenn Charaktere in der Geschichte sprachen oder einen Monolog hielten, wurden sie von jeweils einer Person auf der Bühne entsprechend dargestellt. Auch alltägliche Gespräche fanden ihren Platz auf der Bühne. Beispielsweise als eine Figur namens Lorenzo merkte, dass die Tod sein Grindr-Date sein könnte. Die humorvollen Szenen sorgten beim Publikum regelmäßig für Lacher.

Gänsehautmomente

Berührend schien die musikalische Begleitung durch Jel Woschni am Klavier —  untermalt durch die tanzenden Darsteller*innen. Allerdings ließen die ernsten Kernthemen des Stückes nun nicht mehr auf sich warten. 

Eine Szene, die berührt. Bild: Tobias Kopp

Zunächst wurden Videos der Schauspieler*innen projiziert. Sie sahen verändert aus, wurden privat. Sie berichteten von ihren Erfahrungen als HIV-positive Person beziehungsweise von den mentalen Schwierigkeiten während der Pandemie. Unklar war, ob dies als ein Teil des Stücks galt oder die Schauspieler*innen von ihrem persönlichen Leben erzählten – allerdings führte es zu einer verstärkten emotionalen Reaktion der Zuschauer*innen. Auch das Ende des Stückes stimmte nachdenklich.

Ein rundes Stück

Hervorzuheben ist die Leistung der Darsteller*innen — insbesondere ihre Textsicherheit und die fließend laufende Synchronität untereinander. Auch wenn das Stück zunächst Elemente enthielt, die verwirrend wirken können, lässt sich festhalten, dass das Stück auf eine aktuelle Thematik aufmerksam macht und offen darüber spricht. Obwohl AIDS bei Zugang zu medikamentöser Betreuung heute kein Todesurteil mehr ist, kämpfen viele Betroffene immer noch mit Vorurteilen und Diskriminierung. Diese Realität konnte das Stück den Zuschauen ins Bewusstsein rufen — insbesondere durch die Stimmen am Anfang und die Videoprojektion.

Ein Ende, das nachdenklich stimmt. Bild: Tobias Kopp

Anderen Kulturinteressierten, besonders Unerfahrenen, lässt sich daher die Empfehlung aussprechen, eine Karte für eines der laufenden Stücke zu holen und in eine neue Welt einzutauchen. Habt einen schönen Abend, bei dem ihr gut unterhalten werdet und etwas Neues erlebt!

Beitragsbild: Tobias Kopp 

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