Der Journalist und Filmemacher Hubertus „Hubi“ Koch besuchte mit seinem Buch Lost Boy: Süchtig nach Leben das franz.K in Reutlingen. Mit diversen Medien thematisierte er Themen wie Sucht, das Gefühl des Verlorenseins und verschiedene Probleme der Welt.
Auf der Bühne stand ein leerer Sessel, daneben eine Vintage-Lampe mit gedimmtem Licht. Links vom Sessel, auf der anderen Seite der Bühne, befand sich ein Barhocker. Koch wird zwischen diesen Stühlen während der Show immer wieder wechseln. Die Stimmung war gelassen und das Publikum motiviert. Im Hintergrund wurde noch einmal auf das Konzept der Show als relaxed performance hingewiesen, sprich: Die Zuschauer*innen dürfen sich während der Vorstellung frei im Raum bewegen und diesen auch jederzeit verlassen. Lost Boy – wer die Arbeit von Hubertus Koch kennt, weiß, dass das keine normale Lesung wird.
Verloren in Sarajevo
Das Buch beginnt am Flughafen von Sarajevo, in Bosnien und Herzegowina. Koch hatte gerade seinen Job gekündigt. Er wollte einfach nur weg von allem, besonders raus aus der oberflächlichen Medienbranche. Einfach kurz durchatmen können. Während seines Aufenthaltes in der Stadt begegneten ihm jedoch immer wieder Spuren aus dem Balkankrieg. Koch zeigte verschiedene Aufnahmen von Hausfassaden mit Einschusslöchern hinter sich auf der Leinwand.

Diese Bilder versetzen Koch sofort ins Jahr 2014. Dort produzierte er in einem syrischen Flüchtlingslager einen seiner ersten Filme. Auf der Bühne erzählte dieser von Begegnungen mit den Menschen dort — unter anderem von einer Mutter, die ihn nach Essen anflehte und von Ahmed, einem Barber, der ihn unbedingt rasieren wollte. Koch zeigte auf der Leinwand ebenfalls Aufnahmen von jener Mutter, dem Ort, aber auch von den kranken Kindern, die in dem Lager leben. Ein harter Anfang.
Dschungel von Calais
Anschließend wurden Ausschnitte seines Films Europa ist ein mieser Verräter gezeigt, den er für die ARD produzieren durfte. Hier besuchte dieser mit zwei Freunden das Flüchtlingslager im französischen Calais. Abwechselnd wurden verschiedene Momente aus der Doku gezeigt. So etwa als die Demonstrant*innen, die für den Erhalt des Lagers protestierten, mit Tränengas befeuert wurden. Zusätzlich auch Privataufnahmen von den drei Freunden in ihrem Hotelzimmer. Dieser Kontrast zwischen den seriösen Aufnahmen und dem Clip von einem Koffer, der einfach nicht aufgehen will, lockert die Stimmung im Saal merklich auf.

Auch die Themen Sucht und Abhängigkeit wurden thematisiert. Dabei ging es nicht nur um die Alkoholsucht und weiteren Drogenkonsum, sondern auch um die Sucht nach dem Smartphone. Nach dem Aufwachen ginge der erste Griff bei Koch sofort an das Gerät. Innerhalb einer Minute würden ihm Instagram und Co Fußballnews, Memes und Kriegsaufnahmen anzeigen. Koch sprach darüber, wie er in der ersten Woche in Bosnien sämtliche Social-Media-Apps von seinem Smartphone löschte. Seit diesem Moment fixierte er seine Gedanken, die er auf der Reise hatte, in der Notizen-App. „Ohne diese Entscheidung wäre dieses Buch wahrscheinlich nie entstanden“, so Koch.
Konsens als Challenge
Weiter unterwegs in Albanien traf er auf Nala, in die er sich etwas verliebte und mit der er einen intimen Moment während eines Gewitters teilte. Etwas schamhaft sei es für Koch, diese Zeilen vorzulesen, gab er später zu. Allerdings sei es wichtig, darüber zu sprechen.

Dabei gehe es um Konsens — insbesondere darum, wie Männer ihre Aufmerksamkeit auf dieses Thema lenken müssen. Denn nur mit Einvernehmlichkeit könne eine freie Gesellschaft funktionieren. Einfache Worte, die selbstverständlich sein sollten, es jedoch immer noch nicht zu sein scheinen und auch auf zu wenig Gehör treffen würden.
Gemeinschaft und Beziehungen
Koch beendete die Lesung mit einfachen Worten, die das Kernthema seines Buches beschrieben. „Seht das Schöne in kleinen Momenten“, so dieser. Weiter fuhr er fort, dass genau diese Augenblicke einen im Leben hochziehen, besonders bei Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Im Abschlussvideo waren verschiedene Clips von Kriegen und private Aufnahmen aus seiner Kindheit zu sehen. Im Hintergrund schallte Wunderbare Menschen vom Rapper HeXer.
Dieser Song in Kombination mit den Abschlussworten von Koch hinterließen einen Nachgeschmack. Die Stimmung lockert sich jedoch schnell, denn: ein Patzer. Die letzten Punkte, die Hubertus noch mitgeben wollte, waren plötzlich aus seinem Kopf verschwunden. Dieser Moment sorgte noch für Abschlussgelächter und Koch überprüfte schnell sein Smartphone. Ganz perplex, wie das passieren konnte, fanden die Worte wieder zu ihm.
Dieser Moment fügte sich allerdings perfekt in das Konzept der Tour ein, denn das Publikum sollte nicht mit hängenden Köpfen den Saal verlassen, sondern mit einem positiven Gefühl hinausgehen. „Redet über Gefühle“, waren schließlich die Worte, mit denen Koch seine Lesung beendet.
Lost Boy: Süchtig nach Leben ist für alle, die diese Themen besonders beschäftigen und die sich auch mal im Leben verloren und einsam fühlen. Gespannt wird auf Kochs nächsten Auftritt im franz.K geblickt – dann hoffentlich ohne Schienenersatzverkehr.
Beitragsbild: Bastian Brochinski

