Politik

Weltbild-Pointillismus – Vortrag zu Rechten Influencer*innen und Online-Kulturen

Normalisierung eines rechtsextremen Weltbildes, Rekrutierung und Extremisierung — die Rechtsextremismusforscherinnen Annett Heft und Phoebe Maares stellten sich folgender Frage:Wie nutzen Personen rechtsextremer Gesinnung die Möglichkeiten des Internets, um politische Ziele zu verfolgen?“

Im Rahmen der Vorlesungsreihe Extreme Rechte auf dem Vormarsch — Analysen, Reaktionen und Gegenwind, hielten Annett Heft und Phoebe Maares einen Vortrag zum Thema Neue Erscheinungsformen: Rechte Online-Kulturen und Influencer*innen. Schwerpunkt des Vortrages war dabei, wie die Mechanismen bekannter sozialer Netzwerke von extrem rechten Akteur*innen genutzt werden, um ihre politischen Ziele voranzubringen.

Diese Ziele ließen sich laut der beiden Rednerinnen in zwei Blöcke unterteilen. Einerseits ginge es darum, ein rechtsextremes Weltbild zu normalisieren und zum vorherrschenden Weltbild in der Gesellschaft zu machen. Andererseits würden speziell rechtsextreme Gruppierungen das Internet zur Rekrutierung und Extremisierung Einzelner nutzen. Die beiden Wissenschaftlerinnen betonten allerdings, dass das Internet zwar eine wichtige Rolle spielt, keinesfalls aber als alleiniges Instrument betrachtet werden kann. 

Funktionsweisen sozialer Netzwerke als Werkzeugkasten rechtsextremer Akteur*innen

Im ihrem Vortrag thematisierten Heft und Maares unterschiedliche Möglichkeiten der Instrumentalisierung des Internets. Hierbei konzentrierte sich Maares, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Rechtsextremismus forscht, auf die Präsenz Personen rechtsextremer Gesinnung in bekannten größeren Netzwerken wie Instagram oder Twitch. Heft, die als Professorin für Rechtsextremismusforschung mit Schwerpunkt Medien und Öffentlichkeiten ebenfalls am Institut für Rechtsextremismus arbeitet, thematisierte ergänzend den Aufbau von eigenen Plattformen und die Nutzung von Plattformen wie Twitter.

Hierfür bieten die klassischen sozialen Netzwerke verschiedene Möglichkeiten. Maares betonte den Vorteil visueller Inhalte, die die Betrachtenden auf einer emotionalen Ebene erreichen. Influencer*innen kultivieren vertraute, regelmäßige Interaktion in den sozialen Medien — beispielsweise über Kommentare. Dies ist eine Praktik, die Maares als „affektive Beziehungsarbeit“ bezeichnete. Durch jene simulierte Nähe würden Follower*innen eher dazu tendieren, Meinungen oder Weltanschauungen als richtig wahrzunehmen. Dies würden unter anderem rechtsextreme Akteur*innen aktiv nutzen, um Überzeugungsarbeit zu leisten.

Instagram bietet vielfältige Möglichkeiten, sich verdeckt politisch zu positionieren. Bild: Souvik Banerjee auf Unsplash

Zur Kommentarfunktion kämen insbesondere bei Instagram Optionen wie Stories oder Live-Streams, die nach 24 Stunden wieder gelöscht werden. Dies ermögliche, sich offener und klarer zu positionieren, ohne dass die eigene Position dauerhaft öffentlich einsehbar ist. Am Beispiel von Telegram veranschaulichte Heft, wie die Kombination von Broadcasts, öffentlichen und privaten Gruppen eine gute Möglichkeit bietet, Interessierte zu erreichen und sie als Mitglieder in eine Gruppe aufzunehmen. Der Aufbau von Telegram spiele dabei dem Erzeugen einer „Ingroup-Outgroup“-Dynamik in die Hand. Dabei handelt es sich um Gemeinschaftsbildung — genannt „Ingroup“ — unter Abgrenzung von anderen, der „Outgroup“.

Personen mit extrem rechtem Weltbild in bekannten größeren Netzwerken

Nach Maares trete dabei nicht jede Person als offen rechtsextrem auf oder verstehe sich selbst als Produzent*in politischer Inhalte. Trotz allem würden auch sie politisch wirken, indem sie ein rechtsextremes Weltbild vertreten. Im Hinblick auf die „Neuen Rechten“, einer rechte Bewegung, die sich Ende des 20. Jahrhunderts formierte, sind diese Akteur*innen also von besonderem Interesse. Denn es ist ein erklärtes Ziel zentraler Akteur*innen der „Neuen Rechten“, ihre Themen dauerhaft präsent zu halten und damit ihr Weltbild zu normalisieren und zum tragenden Weltbild der Gesellschaft zu machen. Dieses Propagieren eines gewissen Weltbildes über die dauerhafte Vergegenwärtigung immergleicher Themen ist unter dem Begriff „Hegemonie“ bekannt.

Ein Weltbild im Stil des Pointillismus

Viele kleine Punkte unterschiedlicher Farben ergeben am Ende ein einheitliches Bild, das sich über die gesamte Gesellschaft erstreckt. Relevant ist hierbei nicht, ob jeder einzelne Farbtupfer, also jede einzelne Person, dieses sich ergebende rechtsextreme Weltbild vollumfänglich unterstützt. Es reicht, wenn sich im Gesamtbild passende Formen bilden.

Maares ging an dieser Stelle kurz auf die sogenannten „Tradwives“ ein. Diese stellen auf Plattformen wie Instagram ihr eigens Leben zur Schau und fokussieren sich hierbei hauptsächlich auf die Themen Kind, Küche und Kirche. Dabei geht es um die Ästhetisierung des Ideals der weißen, gutsituierten Hausfrau aus den 50ern. Der hier idealisiert dargestellte Lebensentwurf ist in Misogynie und Klassismus verankert. Ihre Inhalte verstehen die Frauen trotz allem zumeist nicht als politisch. Entsprechend positionierten sie sich auch selten politisch, so Maares. Ihr zufolge sei dies aber auch nicht notwendig. Das Weltbild, das in ihren Inhalten vertreten wird, sei deckungsgleich mit einem Puzzlestück des rechtsextremen Weltbildes: der Identitätspolitik der „Extremen Rechten“. 

Inhalte ohne konkrete politische können als Brücke zu extremeren Inhalten dienen. Bild: Aleksandr Barsukov auf Unsplash

Weiter ging Maares auf Creator*innen ein, die zwar selbst in den Sozialen Medien nicht aktiv eine rechtsextreme Position vertreten, aber mit Rechtsextremen vernetzt sind und deren Inhalten dasselbe Weltbild zu Grunde liegt. Um die Rolle solcher Creator*innen zu veranschaulichen, griff sie auf ein Zitat von Viktoria Rösch zurück. Diese ist Rechtsextremismusforscherin mit Schwerpunkt Medienpraktiken von Akteur*innen der „Neuen Rechten“. Sie beschreibt Contentcreator*innen derart als „Scharnier zwischen den Logiken der Sozialen Medien und (neu)rechter Ideologie“.

Inhalte rund um „Get ready with me“ würden laut Maares von Algorithmen gegenüber offen politischen Inhalten bevorzugt behandelt. Gleichzeitig bieten Creator*innen so eine Kontaktstelle zwischen dem Alltag der Follower*innen sowie ihrer Inhalte und rechter Ideologie. Sie veranschaulichte diese entsprechend als Randpunkte eines Systems, dessen Zentrum untereinander stark vernetzte offen rechtsextreme Akteur*innen darstellt, die in ihren Inhalten in hohem Maße aufeinander Bezug nehmen.

Gleis „Nein, Danke“ — alternative Plattformen

Heft konzentrierte sich in dem Vortrag vor allem auf den Aufbau alternativer Plattformen. Derlei Plattformen dienen vor allem der Vernetzung rechtsextremer Akteur*innen miteinander und der Kommunikation mit Menschen, die zumindest Teile rechtsextremer Ideologie bereits selbst vertreten. Insbesondere diese Plattformen würden damit aktiv zur Radikalisierung verwendet.

Die Nutzung solcher Plattformen setze dabei bereits eine Offenheit für alternative Weltkonzeptionen voraus. So stellten sich Alternative Plattformen wie TruthSocial als Zufluchtsorte dar, an denen erst freie Meinungsäußerung möglich werde. Wer sich einer solchen Seite zuwende, sei der Idee, dass freie Meinungsäußerung anderswo nicht möglich ist, nicht abgeneigt. Voraussetzung für die Nutzung einer solchen Plattform sei damit die Bereitschaft, diese Idee als Basis des eigenen Weltbildes zu akzeptieren.

Rechte Akteur*innen nutzen vorhandene Mechanismen bekannter Plattformen, wie das Zusammenspiel von offenen und privaten Gruppen auf Twitter, für ihre Zwecke aus. Bild: Dima Solomin auf Unsplash

Am Beispiel von Telegram verdeutlichte Heft weiter, wie der Aufbau spezieller Plattformen Radikalisierung begünstigt. Trotz seiner Popularität schrieb sie auch gewissen Teilen der Nutzer*innen von Telegram eine Offenheit gegenüber alternativen Weltkonzepten zu. Durch die Funktionen der Plattform, die von öffentlichen Broadcasts über öffentliche Gruppen bis hin zu geschlossenen Gruppen reiche, sei dies eine ideale Grundlage, potenzielle Mitglieder für Gruppierungen zu erreichen und sie in einem mehrschrittigen Prozess in eine bestehende Gruppe aufzunehmen. Dieser Initiationsprozess verlaufe dabei typischerweise parallel zum Aufbau der Plattform.

Beitragsbild: Celine Glöckner

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