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Die Folgen des Russland-Ukraine-Kriegs – Eine soziologische Bestandsaufnahme

Es ist über ein Jahr her, dass Russland mit seinem Angriff auf die Ukraine den größten bewaffneten Konflikt in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges auslöste. Was sich für die Ukrainer*innen infolge des Krieges alles verändert hat, beleuchtete eine dreiköpfige Gruppe ukrainischer Wissenschaftler*innen und Studierender näher am Mittwoch in einem Vortrag am Institut für Soziologie. Dabei wurde auch thematisiert, wie einseitig von russischen Narrativen der Diskurs über die Ukraine in Deutschland teils bis heute geprägt ist.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich am 24. Februar zu der Meldung aufwachte, dass Russland, nach monatelangen Truppenaufmärschen entlang der Grenze, in die Ukraine einmarschiert war. Im Stundentakt kamen neue Meldungen über den Kriegsverlauf. Die Situation entwickelte sich teils derart schnell, dass selbst Beobachter vor Ort immer wieder von neuen Entwicklungen überrascht wurden.

So erinnere ich mich, wie ein Team von Reporter*innen an diesem Tag bei einer Live-Schaltung an einer Kreuzung fast schon unbeabsichtigt filmen konnten, wie im Hintergrund über mehrere Minuten hinweg ein russischer Panzer nach dem anderen in die Ukraine einrollte. Eine andere Gruppe Journalist*innen stolperte noch am selben Tag ähnlich überraschen und unerwartet nahe – nur 20 Kilometer nordwestlich – von Kiew auf russische Fallschirmjäger, die dort bereits einen Flughafen unter ihre Kontrolle gebracht hatten und sich für den Angriff auf die ukrainische Hauptstadt vorbereiteten. Alles ging sehr schnell.

Damals schien es so, als könnte dieser Krieg fast genauso schnell wieder vorbei sein, wie er begonnen hatte. In den Medien waren viele Kommentare zu hören, die davon ausgingen, dass Russland nur gewinnen, die Ukraine nur verlieren könne. Auf die Nachfrage des Deutschlandfunks, welche Chance die Ukraine im Krieg gegen Russland habe, antwortete etwa ein ehemaliger Bundeswehrgeneral drei Tage nach Beginn der Invasion nur trocken und sehr selbstsicher: „keine“.

Eine Mehrheit der Ukrainer*innen ist fest davon überzeugt, dass die Ukraine den Krieg gewinnen wird. Jedoch rechnet eine Mehrheit der Befragten auch damit, dass Krieg innerhalb eines Jahres vorbei sein wird. Es ist unklar, wie sich die öffentliche Meinung weiterentwickelt, sollte der Krieg wieder erwarten länger dauern. Grafik: Thomas Kleiser

Von vielen Gegnern der Waffenlieferungen wurde auch behauptet, dass das Leid, das der ukrainischen Zivilbevölkerung durch eine Fortsetzung des Kriegs entstehe, schlimmer sei als die Folgen eines Siegs Russland. Die davon betroffenen Ukrainer*innen sehen das Umfragen zufolge allerdings entschieden anders. Grafik: © Thomas Kleiser
Voreingenommenes Bild der Ukraine in Deutschland

Dass der Ukraine bereits sehr früh keinerlei Chancen eingeräumt wurden, sich erfolgreich zu wehren, ist dabei nur eine von vielen Voreingenommenheiten, die Kostja Gosau Reed in der Diskussion über die Ukraine in Deutschland bemängelt.  Reed studiert aktuell im Master „Public Policy and Social Change“, der in Tübingen gemeinsam von den Instituten für Soziologie und Politikwissenschaft angeboten wird. Für den Vortrag hat er sich vor allem damit befasst, wie deutsche Medien über den Krieg in der Ukraine und seine Vorgeschichte berichteten.

Laut Reeds Bilanz spielte die Ukraine dabei in deutschen Medien, aber auch in der Bildung und Wissenschaft, lange Zeit kaum eine Rolle. Und wenn doch über die Ukraine geschrieben und geredet wurde, dann meist durch Auslandskorrespondenten, die nicht aus der Ukraine selbst, sondern aus benachbarten Ländern, wie Polen oder Russland, berichteten.

In Russland hatte man jedoch auch schon vor Beginn des Krieges kein unvoreingenommenes Verhältnis zur Ukraine. Revisionistische bis imperialistische Vorstellungen, wie, dass die Ukraine zu Russland gehöre und keine eigene nationale und kulturelle Identität habe, fanden auch vor dem Krieg nicht nur im Weltbild eines Wladimir Putins, sondern auch in Teilen der russischen Populär- und Hochkultur. Es scheint daher im Rückblick fraglich, wie ausgerechnet Russland-Korrespondenten, die diesen Einflüssen an ihrem Arbeits- und Wohnort tagtäglich ausgesetzt waren, in der Lage sein sollen, in Deutschland ein unvoreingenommenes Bild der Ereignisse in der Ukraine zu vermitteln.

Gemäß Reed führte das auch dazu, dass die Berichterstattung über die Ukraine in Deutschland von russischen Vorurteilen und Widersprüchlichkeiten geprägt war: Einerseits wurde auch hierzulande eine eigenständige nationale Identität der Ukraine oft angezweifelt, andererseits wurde die Ukraine als extrem nationalistisch wahrgenommen und dargestellt.

„Die Ukraine spielte in den deutschen Medien keine Rolle, außer, etwas ging in die Luft.

Kostja Gosau Reed

Teile dieser Voreingenommenheit finden sich selbst im heutigen Diskurs über den Russland-Ukraine-Krieg wieder. So kritisiert Reed aktuell etwa das extreme Misstrauen, das der Ukraine in vielen deutschsprachigen Berichten bis heute entgegengebracht wird. Jüngstes Beispiel ist für ihn die Berichterstattung über die Explosion des Kachowka-Staudamms, der zum Zeitpunkt seiner Zerstörung unter russischer Kontrolle war und an dessen Zerstörung auch nur Russland ein rationales Interesse gehabt haben kann.

Trotz dieser eigentlich sehr eindeutigen Indizienlage habe man laut Reed in den deutschen Medien dennoch jedoch immer wieder betont, dass man eine Verantwortung der Ukraine nicht sicher ausschließen könne. „Nun ja, die Ukrainer sagen, es waren die Russen, und die Russen sagen, es waren die Ukrainer“, fasst Reed in seinen Worten die deutsche Berichterstattung zusammen.

Trotz des Krieges schaut auch eine Mehrheit der Ukrainer*innen optimistisch in die Zukunft. Überraschenderweise tun dies sogar deutlich mehr als vor dem Krieg. Grafik: Thomas Kleiser

Hoffnung auf eine bessere Zukunft überwiegt das Erleben einer schlimmen Gegenwart

Nach diesem sehr kritischen Bild darüber, wie man sich in Deutschland mit der Ukraine bislang beschäftigt, folgt ein Einblick, welche Schäden der Krieg an der ukrainischen Gesellschaft hinterlassen hat. Die Soziologin Taisiia Ratushna gibt dafür einen Überblick über eine Reihe von Meinungsumfragen, welche die Ängste, aber auch Hoffnungen der Menschen in der Ukraine widerspiegeln.

So ist eine deutliche Mehrheit der Ukrainer*innen davon überzeugt, dass die Ukraine den Krieg gegen Russland gewinnen wird. Und während hierzulande im letzten Jahr oft lange Debatten geführt wurden, ob eine baldige Beendigung des Krieges – auch wenn das eine ukrainische Niederlage bedeuten würde – für die Ukrainer*innen nicht besser sei als eine Fortsetzung des Krieges, werfen die von Ratushna vorgestellten Umfrageergebnis, die Frage auf, ob all diese Debatten nicht die ganze Zeit über völlig an der Realität vorbeigingen.

93 Prozent der befragten Ukrainer*innen gaben zuletzt an, dass sie bereit seien, das Leid, das der Krieg für sie und ihre Angehörigen bedeutet, weiter zu ertragen und die Fortsetzung des Krieges somit zu akzeptieren. Zwar geben 23,9 Prozent von ihnen an, dass sie nur vorerst dazu bereit seien, aber eine deutliche Mehrheit von 69 ist dennoch entschlossen, so lange durchzuhalten, bis die Ukraine den Krieg gewonnen hat.

Auch überraschend: Inmitten des Krieges empfinden mehr Ukrainer*inne ihre Lebensbedingungen als zufriedenstellend, als vor dem Krieg und das, obwohl sich materiellen Umstände, für die meisten Ukrainer*innen verschlechtert haben dürften. Grafik:Thomas Kleiser
Bis zu 135 Milliarden US-Dollar Schäden durch Kriegszerstörung

Der Krieg geht mit enormen Schäden für die ukrainische Wirtschaft einher. Zahlreiche Gebäude und wichtige Infrastruktur sind komplett oder in Teilen zerstört. Die Verminung von Häfen erschwert oder verhindert den Export ukrainischer Waren wie Getreide, von welchem die Ukraine zu den weltweit größten Produzenten gehört. Das führte nicht nur dazu, dass weltweit die Lebensmittelpreise stiegen, sondern auch dazu, dass dem ukrainischen Staat und ukrainischen Unternehmen wichtige Einnahmequellen fehlen. Die Vereinten Nationen und die Weltbank schätzen, dass der Ukraine für den Zeitraum Februar 2022 bis Februar 2023 wirtschaftliche Schäden in Höhe von 135 Milliarden US-Dollar entstanden sind.

Und dennoch zeigt die ukrainische Bevölkerung in Umfragen eine erstaunliche Zuversicht. Nicht nur geht eine große Mehrheit davon aus, dass sich die Lage der Ukraine in Zukunft wahrscheinlich bessern wird, deutlich mehr Ukrainer*innen als vor dem Krieg sind sogar davon überzeugt, dass ihre Lebensbedingungen aktuell zufriedenstellend seien (siehe Grafik).

Was auf den ersten Blick absurd erscheint, ergibt etwas mehr Sinn, wenn man bedenkt, wie sich Krisen und Konflikte nachweislich auf die menschliche Psyche auswirken. In der Politikwissenschaft ist etwa seit längerem bekannt, dass Menschen auf Krisen reagieren, indem sie stärker zusammenrücken, oft bekannt unter dem Namen „Rally-’round-the-Flag-Effekt“. Dieser Effekt kann dazu führen, dass Menschen, die zuvor kaum einen Sinn in ihrem Leben sahen, sich nun auf einmal als Teil eines großen Ganzen sehen und sich subjektiv besser fühlen, obwohl es ihnen objektiv schlechter geht.

Aus der Soziologie wiederum weiß man, dass Kriege interessanterweise zu einem Absinken der Selbstmordrate führen, nicht etwa zu einem Anstieg, wie man es vielleicht erwarten würde. So viel Kriege den Menschen wegnehmen, so scheinen sie in ihnen auch einen bestimmten Durchhaltewillen zu geben, den man so sonst kaum findet.

Der Schaden an der Infrastruktur geht bereits in die Milliarden. Grafik:Thomas Kleiser

Seit Beginn des Krieges deportierten russische Behörden hunderttausende Kinder aus ukrainischen Familien nach Russland. Gemäß der Genozid-Konvention der Vereinten Nationen von 1948 zählen solche Zwangsdeportationen zu versuchtem Völkermord. Grafik: Thomas Kleiser
Bis zu 19.499 ukrainische Kinder nach Russland deportiert

Viktoriya Trehub, ebenfalls Studentin des Master-Studiengangs „Public Policy and Social Change“ übernimmt den letzten Teil des Vortrages. Sie betont vor allem, dass seit Beginn des Krieges hunderttausende ukrainische Kinder von russischen Behörden entführt und nach Russland gebracht worden seien. Gemäß der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermords der Vereinten Nationen zählen solche Deportationen von Kindern mit dem Ziel, die Weitergabe einer sprachlichen und kulturellen Identität an die nächste Generation zu verhindern, als versuchter Völkermord. Es sind dabei nicht nur russische Behörden, die aus Viktoriyas Sicht eine Verantwortung für diese Vorgänge tragen. Auch Institutionen der Europäischen Union machen sich in ihren Augen mitschuldig.

Sie verweist etwa auf die aktuellen Vorwürfe gegen den Europäischen Bürgerrechtsbeauftragten Josef Ziegel. Der ukrainische Bürgerrechtsbeauftragte Dmytro Lubinet warf ihm Anfang dieses Jahres vor, verantwortlich dafür zu sein, dass zwei ukrainische Kinder in Obhut des Europäischen Bürgerrechtsbeauftragen in Österreich von dort nach Russland gebracht wurden.

Die Bilanz des Vortrages kann man als sehr gemischt betrachten. Der Russland-Ukraine-Krieg hat extreme Zerstörung und menschliches Leid in der Ukraine und ukrainischen Bevölkerung angerichtet. Dem gegenüber steht die erstaunliche Zuversicht und der Zukunftsoptimismus in der Bevölkerung, der Glaube daran, dass man den Krieg bald beenden und danach alles besser wird.

Titelbild: Juan Antonio Segal ©CC BY-SA 4.0

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