Ein Jahr nach Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit war am Mittwoch im Deutsch-Amerikanischen Institut Tübingen von Freundschaft und Fremdheit zugleich die Rede. Journalistin Rieke Havertz sprach über Klischees gegenüber den USA und weshalb Europa im transatlantischen Verhältnis neue Antworten braucht. Am Ende stand eine Frage: Was hält Amerika noch zusammen?
Ein Mittwochabend im dai-Saal in der Karlstraße: Katharina Luther, Direktorin des Deutsch-Amerikanischen Instituts, eröffnet die Buchvorstellung, welche den Auftakt zur Reihe What Unites U.S.? bildet. Zu Gast ist Rieke Havertz, internationale Korrespondentin der Zeit und Co-Host des USA-Podcasts OK, America?. In ihrem neuen Buch Goodbye, Amerika? versucht Havertz, die Vereinigten Staaten zu beschreiben, ohne sie auf Trump und Kulturkampf zu verkürzen.
Schon früh macht Havertz klar: Wer die USA verstehen will, muss näher ran und aushalten, was dabei sichtbar wird. Dazu gehören für sie nicht nur Wahlkampfauftritte und Parteitagsrhetorik, sondern auch zähe Stunden in Hotelfluren, Wartebereichen und Regierungsgebäuden, wenn Politik in Protokollen und engen Zeitfenstern stattfindet.

Zwischen Flugzeugkabine und Hintergrundgespräch
Luther fragt Havertz nach einer Reise, auf der sie Außenminister Johann Wadephul nach Washington D.C. und New York begleitet hat. Havertz beschreibt diese Form des politischen Journalismus als präzise getaktete Dauerbelastung: wenig Schlaf, viel Warten, ständig verschobene Termine. Das Bild vom glamourösen Journalistenleben löst sich in ihrer Schilderung schnell auf.
Gleichzeitig zeigt sich an ihrem Reisebericht, wie nahe Journalist*innen an die politische Macht kommen können, ohne wirklich Teil davon zu sein. Die Korrespondentin erklärt, wie Gespräche mit unterschiedlichen Vertraulichkeitsstufen funktionieren und warum sich nicht jede Information veröffentlichen lässt. Für das Publikum wird damit greifbar, dass Außenpolitik nicht nur auf Pressekonferenzen passiert, sondern auch in Gesprächen, die man lieber nicht wörtlich zitieren sollte.
Athens, Ohio: USA jenseits von Schablonen
Als einen ihrer Ausgangspunkte nennt Havertz Athens in Ohio. Ihr früherer Studienort sei liberal geprägt, das Umland dagegen konservativ. Gerade diese Nachbarschaft mache Athens zu einem guten Schauplatz, um die USA zu verstehen: nicht als einheitliches Land, sondern als Alltag nebeneinander lebender Milieus, die sich zunehmend fremd werden. Havertz beschreibt, wie politische Differenzen in Beziehungen einsickern: Sie erzählt von Familien, in denen nicht mehr miteinander gesprochen werde. Der Bruch verlaufe nicht nur zwischen Parteien, sondern durch ganze Freundeskreise, Kirchen, Nachbarschaften.

Für Havertz hängt das auch mit einer Verschiebung politischer Identitäten zusammen: Die Demokratische Partei werde vielerorts als elitäre Küstenpartei wahrgenommen und verliere damit Anschluss an ihr Selbstbild als Arbeiterpartei. Gleichzeitig radikalisierten sich konservative Milieus weiter, während die politische Mitte sich in Abwehrkämpfen aufreibe und zunehmend rechte Positionen adaptiere.
Freiheit als gemeinsamer Gegensatz
Ein Begriff kehrt im Gespräch immer wieder: Freiheit. Havertz deutet freedom als amerikanisches Grundwort, das beide politische Lager beanspruchen, jedoch völlig unterschiedlich füllen. In liberalen Debatten stehe Freiheit häufig für Selbstbestimmung, etwa in Fragen reproduktiver Rechte. In konservativen Erzählungen werde Freiheit als Verteidigung einer als bedroht empfundenen, christlich geprägten Lebenswelt verstanden.
Für Havertz erklärt dieser doppelte Freiheitsbegriff, warum sich Konflikte in den USA so schwer entschärfen lassen. Wenn beide Seiten dasselbe Wort sagen, aber unterschiedliche Wirklichkeiten meinen, könne keine gesunde Debatte stattfinden.
Europas Tempo, Amerikas Druck
Spätestens bei der Frage nach Europa und Grönland wurde der Abend politisch unmittelbar. Havertz reagiert skeptisch auf die Routineformel transatlantischer Freundschaft. Freundschaft, so ihr Eindruck, sei als diplomatische Haltung wichtig, reiche aber nicht aus. Europa brauche zusätzlich die Fähigkeit, klare Grenzen zu ziehen und Interessen durchzusetzen.
Aus dem Publikum wird diese Spannung weiter zugespitzt: Wie kann die EU hart reagieren, wenn zugleich die Sorge bleibt, die USA könnten die Ukraine im Stich lassen? Havertz’ Antwort bleibt nüchtern: Während Europa um Verfahren, Einstimmigkeit und wirtschaftliche Abhängigkeiten ringe, profitierten andere Akteure von der Verzögerung. Für die Ukraine bedeute das vor allem eines: mehr Leid und weniger Spielraum.

Am Ende steht kein einfacher Befund, eher eine Verschiebung im Blick. „Trump ist nicht Amerika“, sagte Havertz sinngemäß – aber Amerika sei eben auch nicht mehr das Land, das Europa lange zu kennen glaubte. Das Fragezeichen im Titel ihres Buches wirkt damit weniger wie ein rhetorischer Trick und mehr wie eine Diagnose.
Ausblick: What Unites U.S.? im dai
Die Veranstaltung bildet den Auftakt einer Veranstaltungsreihe im dai, die weitere Perspektiven auf die USA verspricht: von Bürgerrechten über Kultur bis zur transatlantischen Politik. Nach diesem Abend klingt das „What unites U.S.?“ wie ein Arbeitsauftrag: Wer nach dem fragt, was die USA zusammenhält, muss auch fragen, was Europa von den USA erwartet.
Titelbild: Jacobia Dahms

